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1919-2019: Blick zurück - Blick nach vorne

21.04.2019  |  Frank Amann
Die letzte ganz große Neuordnung erlebte der europäische Kontinent vor ziemlich genau 100 Jahren. Nach Ende des 1. Weltkrieges wurde bei den Pariser Friedensverhandlungen der europäische Kontinent neu sortiert und vermessen. Zwei ehemalige Großreiche (osmanisches Reich und Kaiserreich Österreich-Ungarn) wurden quasi abgewickelt, die Kolonien und Einflussgebiete der damals verbliebenen Großmächte neu geordnet.

Während eines Zeitraums von sechs Monaten tagten die maßgeblichen ‘Konferenzleiter‘ Woodrow Wilson (US-Präsident), David Llyod George (Premierminister England) und Georges Clemenceau (Ministerpräsident Frankreich) nahezu täglich und persönlich! in Paris, um unter Zuarbeit dutzender Ausschüsse und Kommissionen entsprechende Lösungen für die kontinentale und auch globale Neuordnung zu finden.

‘Nebenbei‘ wurde noch der Völkerbund (Vorläufer der UNO) gegründet und die Kriegsfolgelasten für die Verlierer (u.a. im Versailler Vertrag) festgeschrieben. Es war eine wahrlich monumentale Aufgabe den Scherbenhaufen des 1. Weltkriegs einigermaßen geordnet zusammenzukehren.

Zumal ja auch noch das ’Gespenst‘ des Kommunismus umherirrte. In Russland, das aufgrund aktueller Revolutionswirren bei der Versammlung keine Rolle spielte und dessen Zarenreich ebenfalls untergegangen war, blieb es dort ja auch viele Jahrzehnte heimisch. Kurzum 1919 wurden Entscheidungen getroffen und Weichenstellungen vorgenommen, die für den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts maßgeblich waren und in vielfältiger Hinsicht bis in die heutige Zeit hineinreichen.

100 Jahre später kann man mitunter Folgendes konstatieren:
  • 1) Zwangsweise und/oder schlampig ‘zusammengestöpselte‘ Staaten können sehr lange Bestand haben bevor sie von ihren Geburtsfehlern eingeholt werden. Ein recht anschauliches Beispiel hierfür ist das ehemalige Jugoslawien; ebenfalls ein Kind das im Prinzip 1919 das Licht der Welt erblickte, das Ende ist bekannt.

  • 2) Früher oder später entladen sich die Spannungen und Ungleichgewichte, die sich aus derartigen Fehlkonstruktionen ergeben. Meistens auch in sehr unschöner und eruptiver Weise (auch hier: siehe Beispiel ehemaliges Jugoslawien).

Die heutigen schier unlösbar erscheinenden Fragen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt (Syrien, Jemen, Saudi-Arabien vs. Iran, Israel vs. Palästina usw.) sind ohne gewisse Kenntnisse der Ereignisse und Entscheidungen, die eben auch vor 100 Jahren in Paris getroffen wurden, gar nicht oder jedenfalls kaum zu begreifen.

Die heutigen Konflikte lassen sich jedoch ohne die Anerkennung der Ursachen letztlich auch nicht wirklich lösen und es sieht so aus, als ob es noch Jahrzehnte dauern könnte bis es zu einer ‘Befriedung‘ vieler dieser heutigen Krisenherde in unserer gar nicht so fernen Nachbarschaft kommen könnte/wird.

Im globalen Machtmonopoly ist Europa, die EU und insbesondere Deutschland zudem wieder einmal in eine äußerst unkommode Situation gekommen und drohen zwischen den Groß- und Mittelmächten (USA, China, Russland) als Prellbock zerrieben zu werden. Zumal ja schon die innereuropäischen Problemstellungen noch auf Jahre hinaus genügend (Spreng-)Stoff liefern um sich selbst zu demontieren. Vom Euro, ein ökonomisches Fehlkonstrukt erster Güte, ganz zu schweigen.

Als ein Symptom dieser Misere zeigen sich die nach wie vor niedrigen Zinsen, eine Spätfolge des ‘Fast-Systemabsturzes‘ in 2008. Eine Rückkehr zu Durchschnittszinsen vergangener Jahrzehnte würde bei den rekordhoch verschuldeten Staaten, Unternehmen und Konsumenten zu einer sehr unerwünschten Pleitewelle führen. Auf der anderen Seite leiden alle großen Kapitalsammelstellen (Pensionskassen, Lebensversicherungen, Bausparkassen) bereits jetzt massiv unter den Null- bzw. Niedrigzinsen.

So sind z.B. 45 von 137 Pensionskassen in Deutschland unter strikter Beobachtung der Finanzaufsicht, kein großes Thema in der Öffentlichkeit, aber das wird es noch werden in den nächsten Jahren. Die Kombination aus innerer Uneinigkeit (der EU) und deren aufgelaufenen ökonomischen und geldpolitischen Ungleichgewichte und Spannungen stellen, höflich formuliert, keine besonders gute Aussichten für die nächste Dekade dar!

Zu allem Überfluss wird vornehmlich in Europa bzw. Deutschland derzeit eine (mitunter bereits sehr ideologisch geführte) Schlacht um die Zukunft der (Auto-) Mobilität ausgetragen. Dabei ist das Thema Diesel-Fahrverbote usw. nur die an der Oberfläche sichtbare Diskussion um die tieferliegende Frage, wer wem und wann vorschreiben darf wie zukünftige (Auto-) Mobilität aussehen wird.

Und dieser Machtkampf wird wohl weiter an Fahrt aufnehmen. In diesem Zusammenhang ist erstaunlich mit welcher Leichtfertigkeit das Herzstück der deutschen Wirtschaft - die Automobilindustrie - auf dem Altar der sogenannten Nachhaltigkeit gelegt und ggf. geopfert werden wird. Daß die politisch offensichtlich gewollte (schnelle) Transformation in eine vorgeblich ‘emissionsfreie‘ Mobilität damit möglicherweise die bisher volkswirtschaftlich reichlich Milch gebende Kuh schlachten wird, ist den von unseren Steuergeldern lebenden Bürokraten offensichtlich noch nicht so ganz klar. Von den vorhandenen (Energie-) Infrastrukturdefiziten ganz zu schweigen.

Aber auch wenn die Zeiten spürbar ungemütlicher werden, die Zukunft wird gleichzeitig beeindruckende technologische Fortschritte und damit einhergehend eine Fülle von Chancen mit sich bringen.

Positive Entwicklungen können und werden aber nur dann ‘nachhaltig‘ eintreten, wenn wir als Konsumenten, Wähler und Steuerzahler bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf pochen, daß der gesunde Menschenverstand und die kooperativen Elemente des menschlichen Zusammenlebens nicht etwa aussterben, sondern eine Renaissance erleben. In der kleinsten Zelle - bei sich selbst - damit anzufangen, dürfte da eine gute Idee sein.

Für die persönliche Finanz- und Lebensplanung bedeutet das einstweilen sich noch mehr auf die eigene Autonomie, der Sinn und Zweck jedweder Vermögensbildung, zu konzentrieren, und entsprechende Vorsorge für sich und die Seinen zu treffen. Die größte Herausforderung hierbei ist das eigene Denken. Denn dieses denkt regelmäßig noch in einer Welt die de facto - jedenfalls zu erheblichen Teilen - nicht mehr existiert (Beispiel: Zinsen).

Die Widersprüchlichkeit der vorhandenen Bedingungen innerhalb derer wir unser (Finanz-) Leben planen und unsere Entscheidungen treffen müssen darf uns nicht entmutigen. Vielmehr gilt es noch intensiver zu überlegen und zu überprüfen welche ‘Alten Zöpfe‘ abgeschnitten und welche Keime vielleicht neu gepflanzt werden (sollten). Mehr denn je wird es in den nächsten Jahren, auch und gerade in vermögenstechnischer Hinsicht, auf die Devise hinauslaufen:

"Im Leben kommt es nicht drauf an, ein gutes Blatt zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen."
(Zitat von Robert Louis Stevenson, dem Autor von ‘Die Schatzinsel‘, sowie ‘Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘).


Die Menschen die 1919 gelebt haben würden über unsere heutigen Sorgen vermutlich milde lächeln.


© Frank Amann
www.frankamann.de



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