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Lassen Sie sich nichts weißmachen: Der Zins wird nicht verschwinden

27.04.2019  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
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Box 1: Zins- und Zinseszinseffekt bei unterschiedlichen Realzinsen

Für den Anleger ist es höchst bedeutsam, zwischen Nominal- und Realzins zu unterscheiden. Der Nominalzins von Krediten und Anlageprodukten wird in den Vertragsunterlagen ausgewiesen. Den Realzins hingegen muss man ausrechnen. Die Faustformel lautet:

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Nehmen wir an, Sie legen 1 Euro für 20 Jahre an. Der Nominalzins beträgt 4 Prozent pro Jahr und die Inflation 2 Prozent pro Jahr. So werden nach Ablauf der Frist aus 1 Euro nominal 2,19 Euro, nach Abzug der Inflation verbleiben real aber nur 1,47 Euro - Ihre Kaufkraft ist also um 33 Prozent geringer als es der Nominalwert vorspiegelt! Würde die Inflation 4 Prozent betragen, so bliebe die Kaufkraft Ihres Geldes unverändert; das Sparen würde Ihnen keinen Ertrag einbringen. Würde die Inflation hingegen negativ sein, sagen wir minus 2 Prozent pro Jahr, so würde die Kaufkraft Ihres Euro nach 20 Jahren bei 3,28 Euro liegen! Man erkennt wie bedeutsam die Unterscheidung zwischen Nominal- und Realzins ist.

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Quelle: Berechnungen Degussa.


Ein Problem für den Anleger ist es, die künftige Inflation "richtig" abzuschätzen. Wie bedeutsam das ist, soll folgendes Beispiel zeigen. Nehmen wir an, Sie kaufen eine 20-jährige Anleihe zu 4 Prozent pro Jahr, und die Inflation beträgt 2 Prozent pro Jahr. Ihr Realzins ist folglich 2 Prozent. Doch ab dem Jahr 5 steigt die Inflation unterwartet auf 4 Prozent und klettert dann jährlich um weitere 0,5 Prozentpunkte in die Höhe.

Nach Ablauf der Frist beträgt die Kaufkraft Ihres Euro nur noch 0,61 Euro. Die "Überraschungsinflation" hat Ihnen also einen großen Verlust beschert. Bei festverzinslichen Geldanlagen ist die Kaufkraft Ihrer Ersparnisse unwiderruflich perdü. Es ist daher von äußerster Wichtigkeit für langfristige Sparer, sich mit den künftigen Inflationsszenarien eingehend auseinanderzusetzen und nicht einfach die gegenwärtig niedrige Inflation in die Zukunft fortzuschreiben. Vor allem nicht im aktuellen Umfeld, in dem die nominalen Zinsen extrem niedrig sind und die erwartete Inflation außergewöhnlich niedrig ist.



Wo der Zins noch zu finden ist

Den Zins gibt es nicht nur im Kreditmarkt. Er taucht vielmehr in allen Märkten auf, in denen ein “Gegenwartsgut” gegen ein “Zukunftsgut” getauscht wird. (Man spricht hier auch von "Zeitmärkten".). Also beispielsweise im Aktienmarkt. Hier tauscht der Käufer einer Aktie sein Geld (“Gegenwartsgut”) gegen einen Anteilsschein an einem Unternehmen ein (“Zukunftsgut”), von dem er sich einen künftigen Geldbetrag erhofft - und zwar in Form eines Gewinns beziehungsweise einer Dividende.

Kauft der Investor die Aktie der Firma A zu, sagen wir, 100 Euro, weil er davon ausgeht, dass sie in fünf Jahren 161,05 Euro wert sein wird, dann rechnet er mit einer Rendite (einer Verzinsung seines Kapitals) von 10 Prozent pro Jahr. Nehmen wir an, der Investor hat richtig prognostiziert, dass die Aktie in fünf Jahren 161,05 Euro wert sein wird. Er kann sie aber nur zu einem Börsenkurs von 120 Euro kaufen. Dann wäre seine jährliche Rendite nur bei 6,06 Prozent.

Der Zins zeigt sich also im Wertunterschied künftigen Aktienkurses (unter Berücksichtigung von Dividenden) und dem heutigen Kaufpreis der Aktie. Übrigens unterscheidet sich eine Aktie nicht kategorisch von einem Schuldpapier. Der Unterschied ist: Während bei einem Schuldpapier (soweit der Schuldner nicht ausfällt) die künftigen Zahlungen in Form der Zinscoupons bekannt sind, ist der künftige Wert eines Unternehmens in der Regel heute unbekannt.

Der Zins findet sich auch in anderen "Zeitmärkten". Beispielsweise im Markt für Häuser oder Grundstücke. Der Zins, den der Investor hier verdienen kann, errechnet sich im Grunde so wie im Aktien- und Anleihenmarkt auch: und zwar aus dem Verhältnis zwischen künftigem Marktpreis des Hauses und dem heutigen Kaufpreis.


Folgen der Niedrigzinspolitik

Um zu zeigen, welche Folgen die Niedrigzinspolitik der Zentralbank auf die Preise für Aktien, Anleihen oder Häuser und Grundstücke haben, sei auf eine ganz einfache Formel verwiesen. Sie lautet zum Beispiel für Aktien:

P = D / i,

wobei P = Marktpreis, D = Dividende (in Euro), i = Marktzins. Nehmen wir an: D beträgt 100 und i beläuft sich auf 5 Prozent pro Jahr. In diesem Falle wäre P 2000 Euro (d. h. 100 dividiert durch 0,05). Würde i auf 2 Prozent fallen, so stiege P auf 5000 Euro steigen. Und fiele i auf 0,5 Prozent, so stiege P auf 20.000 Euro. Man erkennt: Je niedriger (höher) der Zins ist, desto höher (niedriger) ist der Preis der Aktie.


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