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Gefangen im Euro - oder: Willkommen im Bett des Prokrustes

28.04.2019  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Soll der Euro um jeden Preis erhalten werden, drohen immense Wohlstandsverluste und ein freiheitsfeindlich-sozialistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem im Euroraum.

Man kennt ihn aus der griechischen Mythologie: den Riesen Prokrustes, den Sohn des Meeresgottes Poseidon, den Unhold und Wegelagerer. Prokrustes bot Vorbeireisenden ein Bett an, zwang sie in das "Prokrustes-Bett". Waren die Reisenden zu lang für das Bett, kürzte er ihnen die Gliedmaßen, bis sie hineinpassten; und waren sie zu kurz für das Bett, streckte er sie auf seinem Amboss solange, bis sie die richtige Größe hatten. Prokrustes machte passend, was nicht passend war. Der Euro ist so etwas wie ein Prokrustes-Bett.

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Viele Länder haben sich quasi freiwillig hineingelegt in das Euro-Prokrustes-Bett, anfänglich sogar mit großer Freude, so dass sie in der Tat nicht einmal dazu gezwungen werden mussten. Nachdem aber die Anfangseuphorie verflogen ist, zeigt sich, dass einige Teilnehmerländer nicht den Anforderungen, die die Teilnahme am Euroraum einfordert, genügen beziehungsweise genügen wollen.

Daran sind nicht zuletzt die Folgen des geplatzten "Euro-Boom" schuld. Sie haben zahlreichen Ländern schwere Kapitalverluste beschert. Unternehmen haben ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen. Das Wachstum hat sich abgeschwächt. Vorbei ist vielerorts der Traum von der allheilbringenden Kraft der Einheitswährung.

Bemühungen zu reformieren, wachstumsförderliche Strukturen zu schaffen - durch Steuersenkungen, Deregulierung und Staatsverkleinerung -, sind meist nicht zu erkennen. Im Gegenteil. Man setzt allenthalben auf staatliche Lenkungswirtschaft, in der der Staat zusehends darüber bestimmt, was wann wie und wo zu produzieren ist. Das ist kein Zufall, kann nicht überraschen. Denn der Euro folgt einer Eigenlogik: Er kann und wird nur Bestand haben, wenn die freie Marktwirtschaft (beziehungsweise das, was noch von ihr übrig ist) immer weiter, Stück für Stück zurückgedrängt wird.

Nur so lassen sich die politisch störenden wirtschaftlichen Leistungsunterschiede, die zwischen den einzelnen Ländern bestehen, einebnen, und zwar indem die wirtschaftlich starken Länder geschwächt werden relativ zu den wirtschaftlich weniger leistungsfähigen Ländern. Dieser Prozess ist in vollem Gange und zeigt sich in vielen Facetten. Beispiel 1: Der "Target-2-Saldo" der Deutschen Bundesbank beläuft sich mittlerweile auf 941 Mrd. Euro; Luxemburg, die Niederlande, Irland und Finnland weisen ebenfalls beträchtliche positive Target-2-Salden gegenüber Euro-Ländern mit negativen Target-2-Salden aus.

Die positiven Target-2-Salden bezeugen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) strauchelnden Banken in zum Beispiel Italien, Spanien und Portugal neue Euro zur Verfügung stellt. Auf diese Weise werden die Geldhäuser "gerettet" und damit auch die Einlagen der Kunden. Zu bezahlen haben das jedoch die Bürger in allen anderen Euro-Teilnehmerländern, weil durch das Geldmengenvermehren die Güterpreise höher ausfallen (im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre). Ihnen wird Wohlstand vorenthalten beziehungsweise ihr Wohlstand wird, dort wo die Güterpreise steigen, herabgesetzt.

Beispiel 2: Damit das Euro-Bankensystem vor Zahlungsausfällen bewahrt wird, soll eine Euroraum-einheitliche Einlagensicherung aus der Taufe gehoben werden. Das wird dazu führen, dass bestehende Unterschiede zwischen den Kreditqualitäten relativ schlechter Banken und vergleichsweise besseren Banken eingeebnet werden. Die staatlich vorangetriebene einheitliche Einlagensicherung schaltet so den Systemwettbewerb im Euro-Bankensystem ab - zu Gunsten der relativ schlechten Banken (aus den Euro-Südländern), zu Lasten der noch relativ guten Banken (aus den Euro-Nordländern).

Beispiel 3: Die Vergemeinschaftung der Industriepolitik eröffnet die Möglichkeit, wirtschaftlich leistungsfähige Länder wie Deutschland zu bremsen beziehungsweise zu reduzieren. Beispielsweise indem umweltpolitische Vorgaben gesetzt werden, die Schlüsselindustrien und - techniken ihrer Wettbewerbsfähigkeit berauben. Zu nennen wäre hier zum Beispiel die deutsche Automobilindustrie beziehungsweise der Dieselmotor.

Beispiel 4: Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sorgt chronisch für Krisen; die letzten Jahre bieten reichhaltiges Anschauungsmaterial. Ist eine Krise erst einmal ausgebrochen, wird es der Politik möglich, die Vergemeinschaftung voranzutreiben und zwar in einer Intensität und Reichweite, wie es in "Normalphasen", im regulären Parlamentsbetrieb, so nicht möglich wäre. Vor allem gelingt es Politikern in der Krise besonders gut, die Ursachen der Notlage den "freien Märkten" zuzuschreiben und daraufhin markt- und freiheitsfeindliche Politiken durchzusetzen.


Die Alternative

Um Missverständnisse vorzubeugen: Dass viele Menschen aus vielen verschiedenen Regionen ein einheitliches Geld verwenden, ist natürlich ökonomisch sinnvoll. So gesehen ist durchaus etwas dran an der Idee einer Einheitswährung. Allerdings wird diese Idee zu einem gewaltigen Problem, ja zu einem Fiasko, wenn die Einheitswährung ein staatliches ungedecktes Geld ist - wie es beim Euro der Fall ist. Wie aber sähe die Alternative zum ungedeckten Euro-Geld aus?

Die Alternative ist ein freier Währungswettbewerb. Hier steht es den Geldnachfrager frei, das Geld zu wählen, das ihren Wünschen und Bedürfnissen am besten entspricht. Die Geldnachfrager bestimmen, was Geld ist.

Solch ein freies Marktgeld funktioniert problemlos, es stellt quasi die "perfekte" Geldordnung dar. Vorbei wäre es mit monetären Krisen a la Boom-und-Bust. Auch die chronische Geldentwertung, die heute unweigerliche Folge des ungedeckten Geldes ist, hätte ihr Ende. Und vor allem gäbe es keine politische Willkür in monetären Angelegenheiten mehr, die heute dafür sorgt, dass einige wenige auf Kosten der vielen profitieren.

Einen freien Markt für Geld zu schaffen, ist denkbar einfach. Die Güter, die als Geld infrage kommen - Gold, Silber, aber auch Kryptoeinheiten - sind von jedweder Besteuerung freizustellen. Gleichzeitig wäre der "Legal Tender"-Status des Euro abzuschaffen. Fortan hätte jeder die Freiheit, sein Geld selbst zu wählen. Diejenigen, die den Euro weiterhin benutzen wollen, haben die Freiheit dazu. Diejenigen, die ihre Verträge in anderem Geld abwickeln wollen, haben ebenfalls die Freiheit dazu.

Dass ein freies Marktgeld nicht auf der politischen Tagesordnung steht, liegt nicht etwa daran, dass es nicht durchführbar, nicht praktikabel wäre. Nein, dafür gibt es andere Gründe. So sind beispielsweise viele meinungsmachende Hauptstrom-Ökonomen keine Unterstützer eines freien Marktgeldes, sie sind vielmehr meist glühende Befürworter des staatlichen Geldmonopols. Sie beraten Regierungen und Politiker. Und die wiederum haben selbst keinen Anreiz, das staatliche Geldmonopol aus der Hand zu geben - denn für sie ist es ein unverzichtbarer Machtpfeiler. Für die Bürger hingegen wäre ein freies Marktgeld - also quasi ein Selbstbestimmungsrecht bei der Frage des Geldes - zweifellos ein Segen.



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