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Die Regeln werden sich ändern, aber das ist (wahrscheinlich) in Ordnung

08.05.2019  |  John Mauldin
"Aber er hat ja nichts an!" sagte endlich ein kleines Kind.

"Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!" sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte.

"Aber er hat ja nichts an!" rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, als hatten sie Recht; aber er dachte bei sich: "Nun muß ich die Procession aushalten." Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.


- "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen

Wenn man seit 20 Jahren über kontroverse Themen für hunderttausende Leser schreibt, entwickelt man ein dickes Fell. Praktisch alles, was ich sage, wird irgendjemanden verärgern.

Wenn Leute also so etwas wie "John Mauldin beißt in die Zitrone und nimmt sich dann etwas Saures" schreiben, wie das letzte Woche nach dem Artikel geschah, stört mich das nicht. (Tatsächlich musste ich lächeln.) Ich schreibe das, was ich für richtig halte. Diese Ansichten ändern sich mit der Zeit, wenn ich neue Informationen erhalte.

Ich bin nicht der Einzige, der sich verändert. Gesetze und Richtlinien, die so scheinen, als wären sie in Stein gemeißelt, sind oft flexibler als man meint. Letzte Woche habe ich in meinem Artikel zur Japanisierung beschrieben, wie niemand mit den verschiedenen, extremen Maßnahmen gerechnet hatte, die in der letzten Krise ergriffen wurden, vom Troubled Asset Relief Program (TARP) über Quantitative Lockerung (QE) zur Negativzinspolitik. Doch sobald diese Ideen im Spiel waren, wurden sie schnell umgesetzt.

Ich denke, dass die nächste Krise ähnlich radikale, plötzliche Veränderungen mit sich bringen wird. Wir werden das Undenkbare denken, weil wir keine anderen Möglichkeiten sehen werden. Das bedeutet, dass die Bandbreite möglicher Szenarien viel weiter sein könnte, als man denkt.

Diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, ist nicht notwendigerweise bearisch.


Finanzpolitischer Irrsinn

Nach jetzigem Stand habe ich die Vermutung, dass die USA irgendwann 2020 in eine Rezession eintreten werden. Ich könnte mich um ein oder zwei Jahre (zu früh) verrechnet haben, aber sie steht bevor. Wir wissen, dass zwei Dinge passieren werden:
  • Steuereinnahmen werden sinken, da das Einkommen sinken wird.
  • Staatliche Ausgaben werden steigen, da Forderungen nach sozialen Sicherheitsnetzen ansteigen.

Das Ergebnis sind höhere Defizite. Keynesianismus plädierte für Defizite in rückläufigen und wirtschaftlich schwierigen Zeiten und Überschüsse in der restlichen Zeit. Genau das haben wir nicht getan.

Letztes Jahr (Finanzjahr 2018) belief sich das "offizielle" Haushaltsdefizit auf 779 Milliarden US-Dollar. Die Staatsverschuldung stieg um 1,2 Billionen US-Dollar. Die "kleine" Differenz von 421 Milliarden US-Dollar betrug mehr als die Hälfte des offiziellen Haushaltsdefizits. Das sind die außerbudgetären Ausgaben, die der US-Kongress nicht mitrechnet. Sie beinhalten die Einnahmen und Ausgaben von bestimmten staatlichen Einrichtungen, die der Kongress vom normalen Haushaltsverfahren abgrenzen möchte. In letzter Zeit bewegten sie sich jedes Jahr im dreistelligen Milliarden-US-Dollar-Bereich.

Unten ist ein Schaubild mit den prognostizierten Haushaltsdefiziten für 2019 und 2020 von der Webseite The Balance. Im Internet findet man überall ähnliche Zahlen. Ich benutze die USA, aber die Situation ist in den meisten entwickelten Ländern gleich (aber hoffentlich nicht in Ihrem).

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Nun addieren Sie noch zu jeder dieser Zahlen weitere 400 Milliarden US-Dollar. Was als "Unified Budget Deficit" (Haushaltsdefizit, das außerbudgetäre Einnahmen und Ausgaben berücksichtigt) bezeichnet wird beläuft sich nun auf 1,5 Billionen US-Dollar.

Als Nächstes gehen wir auf die sehr praktische Webseite "The US Debt Clock". (Wenn man etwas herum klickt, kann man die Verschuldung des eigenen Landes und Bundesstaates und andere nützliche Daten finden.) Dort sehen wir, dass nach der Hälfte des Finanzjahres 2019, die Verschuldung bereits über 22 Billionen US-Dollar beträgt. Es werden 23 Billionen US-Dollar sein, bevor dieses Jahr vorbei ist. Ende 2020, Trumps erster Amtszeit, wird sie sich 25 Billionen US-Dollar nähern. Und das beinhaltet nicht die Verschuldung auf staatlicher und lokaler Ebene von 3 Billionen US-Dollar plus 6 Billionen US-Dollar an nicht gedeckten Rentenverbindlichkeiten.

Wie ich zuvor schon erwähnt habe, ist das alles ohne eine Rezession. Das Unified Deficit wird mühelos 2 Billionen US-Dollar erreichen und sich in der nächsten Rezession 2,5 Billionen US-Dollar nähern. Innerhalb von 2 bis 3 Jahren wird die Gesamtverschuldung der USA bei mindestens 30 Billionen US-Dollar liegen. Die Verschuldung auf staatlicher und lokaler Ebene sowie nicht gedeckte Rentenverbindlichkeiten sind dabei nicht eingeschlossen (mehr dazu später).


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