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Zeit, die Strategie zu ändern

05.06.2019  |  John Mauldin
In meinen letzten Artikeln habe ich beschrieben, wie die Zukunft meiner Ansicht nach aussehen wird. Jedoch ist es nicht so, als würde ich wollen, dass sie so aussieht. Ein Großteil der entwickelten Welt hat sich selbst in diese Bredouille gebracht.

Das muss nicht notwendigerweise schrecklich werden. Ich erwarte keine weitere Große Depression oder einen wirtschaftlichen Umbruch, doch trotzdem müssen wir unsere Portfolios und unsere Lebensstile an diese neue Realität anpassen. Die gute Nachricht ist, dass die Veränderungen relativ langsam eintreten werden. Wir haben also Zeit, uns anzupassen.

In Kriegsfilmen machen verwegene Anführer oftmals kühne Versprechen wie "Wir werden uns niemals zurückziehen!", bevor ein ruhmreicher Sieg errungen wird. Dabei wird angenommen, dass ein Rückzug etwas Schlechtes ist. Doch praxiserprobte Militärstrategen meinen, dass ein Rückzug die richtige Entscheidung sein könnte. Wenn Ihre Chancen schlecht stehen, dann sollten Sie Ihre Munition lieber für einen besseren Zeitpunkt aufheben. Besser wäre es tatsächlich, wenn man eine komplett neue Strategie verfolgt, die einem eine bessere Chance verschafft.

Meine letzten Artikel mögen nach Rückzug aussehen, doch in Wirklichkeit erkenne ich einfach nur die Realität an. Es gibt keinen plausiblen Weg, die Schuldenüberlastung der Welt zu stoppen oder gar abzubezahlen, ohne das es zu einer ernsthaften und schmerzhaften Säuberung kommt. Wenn Sie einen derartigen Weg kennen, dann teilen Sie Ihre Erkenntnis bitte mit mir. Doch mir ist kein derartiger Pfad bekannt. Also prophezeie ich uns ein schweres kommendes Jahrzehnt.


Hier eine Zusammenfassung:

1. Sozialausgaben, Zinsen auf Schulden, Verteidigungsausgaben, etc. werden weiterhin Defizite in Höhe von mehreren Billionen Dollar verursachen.

2. Kein Wahlkreis argumentiert für die Reformierung des Sozialsystems, indem Zusatzleistung gekürzt werden. Mitte des nächsten Jahrzehnts werden sich die Defizite, auch gemäß den optimistischen Behauptungen des Congressional Budget Office (CBO), in einer Spanne von 1,5 Billionen Dollar befinden. Auch wenn die Zahlen anderorts marginal anders aussehen, so bewegen sich die Industrieländer alle auf höhere Defizite zu.

3. Nach der nächsten Rezession (und so etwas steht uns immer bevor) wird sich das US-amerikanische Defizit deutlich über 2 Billionen Dollar befinden; die Schulden werden zudem rasch auf 30 Billionen Dollar steigen. Es ist schon fast garantiert, dass sie noch vor 2030 auf 40 Billionen Dollar steigen werden. Wenn die Zinsen nicht deutlich sinken, dann wird die Bedienung der Zinsen alleine einen Großteil der Steuereinnahmen verzehren. (Glücklicherweise prognostiziere ich einen deutlichen Zinsrückgang. Denken Sie an Japan.)

4. Zunehmende akademische Literatur und Welterfahrung deuten darauf hin, dass es einen Punkt geben wird, an dem Schulden viel mehr sind als nur ein Klotz am Bein des Wirtschaftswachstums. Das bedeutet, dass die Erholung nach der nächsten Rezession sogar noch langsamer stattfinden wird als die letzte. Wenn die Federal Reserve und andere Zentralbanken wie erwartet mit massiver quantitativer Lockerung reagieren, dann ist es durchaus möglich, dass die gesamte entwickelte Welt Japan ähneln wird: langsames Wachstum des nominalen BIP, niedrige Zinsen, die Sparer bestrafen sowie niedrige Inflation oder sogar Deflation, etc.

5. In einem derartigen Umfeld würden normale Aktienindexfonds nicht die Rendite generieren, die viele erwarten.

6. Viele öffentliche Rentenfonds werden am Bärenmarkt vernichtend geschlagen werden und Schwierigkeiten dabei haben, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Regierungen werden dazu gezwungen werden, die Zusatzleistungen zu kürzen, die Steuern zu erhöhen oder beides zu tun. Das wird die Bürgerschaft nicht gerade fröhlich stimmen. Auf der ganzen Welt wird sich das anders abspielen, doch die resultierende Frustration wird die gleiche sein. Und um ehrlich zu sagen, ist "Frustration" ein inadäquates Wort, um die resultierenden unterfinanzierten Rentenfonds zu beschreiben. Rentner haben auf Basis dieser Renten ihre Pläne gemacht. Und Steuerzahler legen sich ebenfalls Pläne zurecht.

7. All das wird sich deutlich auf die Investitionen auswirken, mit dem wir uns unten näher befassen werden. Doch die Japanisierung, um ein Wort hierfür zu verwenden, wird die Einkommens- und Reichtumsungleichheit verschlimmern und nicht verbessern.

Angesichts dessen liegt die Priorität nicht darauf, ob man sich "zurückziehen" sollte - also, ob Sie Ihre Investmentstrategie ändern sollten - sondern darauf, wie und wohin man das tun sollte, damit man den Kampf später wiederaufnehmen kann. Die Entwicklung einer Strategie setzt voraus, dass wir exakt verstehen, was passiert und warum. Also betrachte ich die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln.


Wir haben ein Problem

Wahrscheinlich haben Sie von dieser "Einkommensungleichheit" schon einmal gehört - dass reiche Personen einen größeren Anteil unseres kollektiven Einkommens besitzen. In gewisser Hinsicht ist das nichts Neues. Natürlich besitzen diejenigen, die das höchste Einkommen erhalten, einen größeren Anteil des Gesamteinkommens. Die Mathematik garantiert das.

Doch es ist auch wahr, dass der Einkommensanteil dieser oberen Prozent in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, ebenso wie der Anteil an Vermögenswerten, der sich im Besitz der Reichen befindet. Ray Dalio von Bridgewater Associates schreibt schon seit Jahren über diese Thematik. Hier ein Chart und Zitat aus seinem letzten Artikel:

"Wie unten gezeigt wird, ist die Einkommenskluft so groß wie immer und die Reichtumsungleichheit so hoch wie seit den späten 1930er Jahren nicht mehr. Heute ist der Reichtum der oberen 1% der Bevölkerung größer als das Vermögen, das die unteren 90% gemeinsam besitzen. Eine ähnliche Vermögenskluft gab es in der Zeitspanne von 1935 bis 1940 (eine Zeit, die für viele Länder mit einer Vielzahl an internen und externen Konflikten einherging). Diejenigen, die aktuell Teil der oberen 40% sind, besitzen im Durchschnitt nun mehr als 10-mal so viel Reichtum, wie diejenigen, die zu den unteren 60% gehören. Im Jahr 1980 war es nur 6-mal so viel."


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