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Hacker, Freaks und Visionäre

19.05.2019  |  Manfred Gburek
"Sicherheit in der Informationstechnologie ist so wichtig wie tägliches Zähneputzen." Das behauptet Frank Rieger, einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), der sich massiv für die Cyber-Sicherheit einsetzt. Hardware und Software seien vielfach veraltet, die weltweite Vernetzung trage ein Übriges zu den Gefahren bei. Rieger macht das beispielhaft am Fall des Logistikkonzerns Maersk klar. Der wurde so schlimm gehackt, dass seine Manager nicht mehr wussten, wo überall auf der Welt die Maersk-Container herumschwammen.

Dieses Beispiel entstammt einem Seminar der Fondsgesellschaft Acatis am vergangenen Freitag. Denkt man darüber hinaus konsequent weiter, drängt sich die Frage auf: Welche Folgen könnte ein Hackerangriff auf selbst fahrende Elektroautos haben? Oder auf Roboter, die gerade wichtige Autoteile zusammenbauen? Immerhin: Im selben Acatis-Seminar spendete David Elze von der Firma Code White wenigstens in einem wichtigen Punkt Trost: Nachdem die durchnittliche Zahl der Tage, bis ein erfolgreicher Hackerangriff entdeckt wird, noch bis 2017 gestiegen war, nahm sie 2018 merklich ab.

Zuletzt hat auch der Fondsverband BVI die Cyber-Sicherheit für seine Mitglieder entdeckt. Er umschreibt sie in einem aktuellen Leitfaden so: "Das Aktionsfeld der klassischen IT-Sicherheit wird dabei auf den gesamten Cyberraum ausgeweitet. Dieser umfasst sämtliche mit dem Internet und vergleichbaren Netzen verbundene Informationstechnik."

Zu den Angriffszielen der Hacker allein in der Fondsbranche gehören gemäß BVI: "Handelssysteme, Schnittstellen, Office- und E-Mail-Systeme, Unternehmensnetzwerke, Datenbanken, Dateien, buchführende IT-Systeme, vorgelagerte Anwendungen, Steuerungs- und Controlling-Anwendungen, Anwendungen für Risiko-Management und Risiko-Berichterstattung, Schnittstellen zu Anlegern und Geschäftspartnern, zum Beispiel Web-Anwendungen."

Allein schon beim Lesen dieses Passus wird einem schwindlig. Erst recht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die deutsche Finanzaufsicht BaFin seit 2017 über 400 Sicherheitsfälle von beaufsichtigten Unternehmen gemeldet bekam. Davon war ein Drittel mittelschwer bis schwer. Und man mag es kaum für möglich halten: Die meisten davon waren nicht etwa auf Cyberangriffe zurückzuführen, sondern auf interne Pannen.

Da liegt also viel im Argen. Aber wie aus dem Dilemma herauskommen? Zweifellos ist die gesamte Finanzwirtschaft besonders gefordert: Einerseits muss sie massiv in neue Software investieren, andererseits ist sie zur Kostensenkung gezwungen. Und dann gibt es ja noch die Fintechs, die mit der Konzentration auf spezielle Angebote dem Finanz-Establishment das Leben schwer machen. Das hat sich in der vergangenen Woche wieder mal beim traditionellen Eigenkapitalforum gezeigt, als technikverliebte Freaks zum Angriff gegen die etablierten Konzerne übergingen.

Ein Freak der besonderen Art ist der eingangs zitierte CCC-Sprecher Frank Rieger. Er hat erfolgreiche Startups mitgegründet, ist Chef eines Unternehmens für Kommunikationssicherheit und wird zum Visionär, wenn er prophezeit: "Wir nähern uns einem Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, an dem die Entscheidungen, die wir treffen, langfristige Auswirkungen haben werden." Insofern ist für Rieger "technikverweigerndes Eremitentum kein sinnvoller Ausweg".

Aber was dann? Um das zu klären, hat Acatis-Chef Hendrik Leber eine interessante Methode angewandt: Er hat den Code White-Manager David Elze gebeten, probehalber einen Cyberangriff zu starten. Elze ist darauf spezialisiert, Unternehmen in deren Auftrag mit realen Methoden echter Hacker zu infiltrieren. Im vorliegenden Fall haben die Methoden gegriffen. Leber ist um eine Erfahrung reicher, und seine Kunden können ruhiger schlafen.

Experimente wie dieses dürften bis auf Weiteres eher Ausnahmen bleiben. Immerhin ist mit der erwähnten BVI-Initiative bereits der erste Schritt getan, damit am Ende alle Fondsanleger vor Cyberangriffen geschützt sind. Jetzt geht es in die Details: Gefahrenpotenzial analysieren, Sicherheitsstrategie entwickeln, Software koordinieren und Kosten aufteilen - um nur vier besonders wichtige zu nennen. Das alles wird viel Zeit in Anspruch nehmen, aber Eile tut not.

Es sieht also ganz danach aus, dass auf Rieger, Elze und weitere Software-Freaks in den nächsten Jahren sehr viel Arbeit zukommen wird. Zumal die Fondsbranche noch vor zusätzlichen Herausforderungen steht. Dazu nur zwei Beispiele: Die EU-Bürokraten werden nicht müde, um sich immer wieder neue Folterinstrumente gegen Fonds einfallen zu lassen. Und Fondsmanager müssen die Zeitläufte beachten, also zum Beispiel auf die Megatrends der kommenden Jahre setzen.

Was Letztere angeht, hat der Zukunftsforscher und Visionär Horst W. Opaschowski in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltung der Privatbank Hauck & Aufhäuser erst zwei Bonmots von sich gegeben und dann die fünf Megatrends kommentiert: "Das Undenkbare denken." "Sicherheit ist die neue Freiheit." Megatrends: Verschiebung der Machtzentren, erneuerbare Energien, demografische Entwicklung, technologischer Wandel, rapide Verstädterung. Diese Megatrends sind miteinander verbunden, das heißt, dass beispielsweise der technologische Wandel eng mit der neuen Großmacht China verknüpft ist oder die Demografie mit der Urbanisierung.

Greifen wir noch zwei Punkte besonders heraus: Sicherheit definiert als Freiheit und Verstädterung im Kontext mit der im Durchschnitt der immer älter werdenden Bevölkerung. Im ersten Fall ist die Sache klar: Wer genug Geld besitzt, egal in welcher Form, kann sich frei fühlen. Im zweiten Fall stellt Opaschowski eine steile These auf: Die junge Generation sei anders als die alte weniger am Besitz als an der Nutzung städtischer Immobilien interessiert. Das werde die Immobilienpreise fallen lassen.

Auch wenn die Zukunft ungewiss ist, lohnt es sich, über sie nachzudenken. Den Anreiz dazu erhalten wir ja laufend auf vielfältige Weise, wie durch die Medien oder durch Gespräche mit Menschen verschiedener Herkunft, aus anderen Berufen und sozialen Schichten. Das ist der einfache Teil der Verarbeitung von Informationen. Der schwierigere schließt sich an. Aus Anlegersicht besteht er darin, Entwicklungen wie die Cyber-Kriminalität oder die Prioritäten der jungen Generation genauer zu verfolgen und in Anlageentscheidungen umzusetzen. Das kann zwar zeitaufwendig und hart sein; aber wer erfolgreich sein will, muss sich daran halten.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Die Trümpfe privater Aktionäre


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