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“We have gold because we cannot trust governments” - oder: Zurück zur ökonomischen Vernunft

19.07.2019  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Die Sommerausgabe des Degussa Marktreports beschäftigt sich mit zwei Themen, die für jeden Anleger wichtig sind: gutes Geld und die Notwendigkeit, zur ökonomischen Vernunft zurückzukehren. Lassen Sie uns beginnen mit den Gedanken zur ökonomischen Vernunft.

Viele Studentinnen und Studenten der modernen Volkswirtschaftslehre ahnen, dass etwas nicht stimmen kann mit ihrem Fach, wenn sie sich vorwiegend in hoch mathematisierte und realitätsferne Modellwelten einzuarbeiten haben. Aber auch die breite Öffentlichkeit sieht das, was professionelle Ökonomen in Wort und Schrift von sich geben, mittlerweile zusehends kritisch.

Viele Menschen fragen sich: Wieso setzen die “Rettungspolitiken”, die die Ökonomen empfehlen, der Euro-Krise kein Ende? Wem nutzt die EZB-Geldpolitik, die die Euro-Geldmenge immer weiter ausweitet und nun sogar den Zins in den Negativbereich drückt? Ist es überaupt ökonomisch vertretbar, den Papiergeldeuro um jeden Preis erhalten zu wollen?


Fehler im System

Zweifel und Kritik an der modernen Volkswirtschaftslehre sind durchaus berechtigt. Denn es hat sich ein schwerwiegender “Fehler im System” eingenistet, und zwar an einer ganz zentralen Stelle: beim Vorgehen, mit dem die Ökonomen Erkenntnisse (damit sind wahre Aussagen über die Realität gemeint) gewinnen wollen.

Die moderne Volkswirtschaftslehre wendet ein Vorgehen bei der Erkenntnisgewinnung an, das aus der Naturwissenschaft stammt. In der Naturwissenschaft formuliert man üblicherweise eine Hypothese (das heißt eine “Wenn-dann”- oder eine “Je-desto”-Aussage), und danach testet man ihren Wahrheitsgehalt, indem man sie Laborexperimenten unterzieht.

Das naturwissenschaftliche Vorgehen lässt sich jedoch in der Volkswirtschaftslehre gar nicht rechtfertigen oder sinnvoll durchführen. In der Volkswirtschaftslehre geht es um handelnde Menschen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Vorlieben haben, sich Ziele setzen, Handlungsalternativen gegeneinander abwägen, und dass sie lernfähig sind. Handelnde Menschen sind völlig andere Erkenntnisobjekte als Atome, Steine oder Planeten, mit denen sich die Naturwissenschaft beschäftigt.

Aus diesem Grund ist es beispielsweise nicht möglich, menschliches Handeln in mathematische Formeln zu zwingen - nach dem Motto “Wenn A um x% steigt, verändert sich B um y%”. Und wenn man in der Vergangenheit beobachtet hat, dass sich die Menschen in einer bestimmten Art und Weise verhalten haben, dann lässt sich daraus nicht wissenschaftlich begründet ableiten, dass sie sich auch künftig unter gleichen Umständen in gleicher Weise verhalten werden!

Zusätzlich dazu stellt sich ein besonders heikles Problem ein: Die moderne Volkswirtschaftslehre meint, der Wahrheitsgehalt ihrer Theorien müsse durch Erfahrung überprüft werden (müsse sich an der Erfahrung “bewähren”). Dadurch aber fällt die Volkswirtschaftslehre einem Relativismus und Skeptizismus anheim - nach dem Motto “Jede Erkenntnis ist nur relativ und niemals allgemein gültig” und “Es gibt keine absolute Wahrheit”. (1)


Gegen Realitivismus und Skeptizismus

Für eine Volkswirtschaftslehre, die auf dem sumpfigen Boden des Relativismus und Skeptizismus steht, ist es schlecht bestellt: Sie wird politisch vereinnahmt und büßt ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit ein. Politische Parteien und Agitatoren heuern gefügsame Volkswirte an, um Theorien aufzustellen und zu vertreten, die der Politik genehm sind. Und wenn die Theorien verheißungsvoll klingen (Beispiel: “Die Mietpreisbremse verbessert das Wohnraumangebot”), dann wird man die Theorie natürlich in der Praxis ausprobieren wollen.

Sollte eine ökonomische Theorie im Praxistest versagen (wie zum Beispiel die Theorie “Gewinnsteuern schmälern die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft nicht”), wissen sich die Volkswirte vor Kritik wirkungsvoll zu immunisieren: Sie behaupten dann, man müsse künftig, beim nächsten Versuch, lediglich diese und jene Faktoren ausdrücklich in den Politikmaßnahmen berücksichtigen, und dann werde sich schon zeigen, dass die Theorie funktioniert!

Wirtschaft und Gesellschaft werden auf diese Weise, ohne das es den meisten Menschen bewusst wird, zu Experimentierfeldern, zu Versuchslaboratorien. Zugespitzt gesagt: Selbst die abstrusesten polit-ökonomischen Wunschvorstellungen lassen sich mit dem Verweis auf pseudo-wissenschaftliche Begründungen in der Öffentlichkeit als gut und richtig anpreisen. Man denke hier nur einmal an die Idee, es sei für die Volkswirtschaft “besser”, wenn nicht Goldgeld, sondern ungedecktes Papiergeld verwendet wird; oder an die Idee, eine einheitliche Papierwährung in Europa befördere den Wohlstand. Für beide Ideen wirft sich die moderne Volkswirtschaftslehre als “Cheerleader” mächtig ins Zeug!


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