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Großanleger zündeln

21.07.2019  |  Manfred Gburek
Viel Aufregung um die Facebook-Währung Libra. Zu Recht? Und wie! Denn sie wird, sobald die noch bestehenden Unklarheiten beseitigt sind, in Konkurrenz nicht nur zum Dollar, zum Euro und zu allen anderen Währungen treten, sondern auch zu großen Teilen des marode gewordenen Währungssystems. Und die Libra wird danach nicht mehr aus der Welt zu schaffen sein.

Mark Zuckerberg, Chef und oberster Stratege von Facebook, hat ihre Ankündigung fürs kommende Jahr geradezu öffentlich zelebriert - auf typisch amerikanische Art: Etwas noch nicht ganz Ausgereiftes den potenziellen Nutzern schmackhaft machen, diese auf eigene Kosten nach eventuellen Schwachstellen suchen lassen und erst danach zur Großserienfertigung schreiten. Wer viel mit Hard- und Software zu tun hat, weiß ein trauriges Lied davon zu singen.

Mögliche Libra-Konstruktionsfehler werden in nächster Zeit also noch für so manche Schlagzeile sorgen. Zunächst rund um den 25. Juli, wenn die nächste Entscheidung des EZB-Rats zur Senkung des Einlagenzinssatzes fällig ist. Danach am 30. und 31. Juli, wenn die US-Notenbank Fed, wie von Kennern der dortigen Szene bereits kolportiert, den Leitzins senken dürfte. Fed-Chef Jerome Powell wird es dann einfach haben, weil er, ausgehend vom aktuellen positiven Leitzins (2,25 bis 2,5 Prozent) genug Potenzial zum Senken hat. Dagegen muss Noch-EZB-Chef Mario Draghi mit seinem EZB-Rat aller Welt klarmachen, warum sein Einlagen-Minuszins weiter ins Negative rutschen soll.

Das ist eine äußerst heikle Mission, denn unter der Oberfläche gärt es: Viele Groß- und Kleinanleger sind sauer, weil sie mit ihren Finanzen längst nicht nur real (Nominalzins minus Inflationsrate) immer mehr in die Miesen geraten, sondern auch nominal. So sinkt das Vertrauen in den negativ verzinsten Euro, müsste man meinen. Ausweg? Den gibt es zurzeit noch nicht. Stattdessen nur diese Anmerkung: Großanleger zündeln, indem sie auf weiter fallende Renditen spekulieren – zum Beispiel mithilfe langlaufender Bundesanleihen.

Wie sehr das Feuer bereits lodert, ergibt sich aus einer Studie des Informationsdienstes Bloomberg. Demnach sollen aktuell die Renditen von etwa 25 Prozent aller weltweiten Staats- und Unternehmensanleihen negativ sein. Und noch eine bedenkliche Zahl aus derselben Quelle: Nicht weniger als 85 Prozent aller deutschen Staatsanleihen haben negative Renditen.

Da drängt sich die Frage auf, warum überhaupt noch jemand in solche Anleihen investiert. Die Antwort ist eindeutig: Weil es sich um eine gigantische Spekulation auf immer weiter ins Minus rutschende Renditen handelt. Denn jedes Pünktchen Renditerückgang bedeutet, dass die Kurse der Anleihen entsprechend steigen, also zu Gewinnen führen. So etwas kann auf Dauer nicht gut gehen, ohne dass es zum Knall an den Finanzmärkten kommt. Wann? Niemand kennt die Antwort, das macht die Entwicklung so gefährlich.

Dieser Trend hat zwar nicht unmittelbar mit der Libra zu tun. Aber die Tatsache, dass führende Politiker und Notenbanker sich intensiv mit ihr beschäftigen, zeugt davon, dass sie die neue Währung ernst nehmen. Milliarden von Facebook-Daten sind eben kein Pappenstiel. Allein die Tatsache, dass die Libra in höchsten Kreisen heiß diskutiert wird, untergräbt das Vertrauen in alle Währungen. Denn bei diesen handelt es sich um sogenanntes Papiergeld: ohne Deckung durch Gold oder Silber (im 19. Jahrhundert gang und gäbe), durch Rohstoffe, Immobilien, Aktien oder sonst was.

Und weil der Facebook-Konzern über Milliarden von Daten verfügt, wäre es kontraproduktiv, ja sogar gefährlich, wenn seine Initiative nur müde belächelt würde oder wenn Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz gegen die Lira allein "schwere Bedenken" vorbrächte - als seien die unzähligen haltlosen Versprechen von Politikern und Notenbankern zur vermeintlichen Überlebensfähigkeit von Dollar, Euro & Co. mehr wert als die Facebook-Milliarden. Wie abrupt es zu einer Währungsreform kommen kann, haben die Bürger in den neuen Bundesländern ja gleich zwei Mal erlebt, nach der Wende und aus Anlass der Euro-Einführung.

Wer die Börsen und sonstigen Märkte laufend verfolgt, wird festgestellt haben, dass die Preise von Gold und Silber zuletzt ordentlich zugelegt haben, die Kurse der Minenaktien erst recht. Diese Entwicklung ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass die Realzinsen, also Nominalzinsen abzüglich Inflationsrate, immer mehr ins Minus rutschen. Da sagen sich viele Anleger: Lieber in zinslose Edelmetalle investieren als durch reale Negativzinsen bestraft werden.

An dieser Stelle sei der Hinweis auf einen langen Beitrag des erfolgreichen Hedgefondsmanagers Ray Dalio in englischer Sprache erlaubt, erschienen in der vergangenen Woche als Anhang zum Börsendienst wellenreiter-invest.de. Dalio behandelt den derzeitigen Paradigmenwechsel, also den grundlegenden Verhaltenswandel, in Bezug auf die Geldanlage und dürfte besonders die Goldfans für sich gewinnen.

Hier folgen seine Kernthesen: Alle Welt besitzt Anlagen, die kaum noch Renditen abwerfen. Wenn das Geld an Wert verliert, wird Gold interessant. Die meisten Anleger besitzen zu wenig Gold. Wenn sie ein ausgewogenes Portfolio anstreben, um ihr Anlagerisiko zu senken und ihren Gewinn zu steigern, sollten sie in Gold investieren.

Fazit: Der Facebook-Konzern verfügt über Milliarden von Daten. Das verleiht ihm Macht. Mit seiner Digitalwährung Libra versucht er ins Währungsgefüge einzugreifen. EZB und Fed werden noch im Juli über den weiteren Verlauf der Zinsen entscheiden. Dabei hat die EZB die schlechtere Ausgangsposition, weil die Eurozinsen negativ sind. Groß- und Kleinanleger sind darüber nicht gerade erfreut.

Erstere lassen sich auf eine waghalsige Spekulation mit Anleihen ein. Deren Renditen sind zu hohen Anteilen negativ. An den Finanzmärkten droht Ungemach. Dagegen kann man sich mit Gold schützen. Dessen Preis ist in letzter Zeit schon beachtlich gestiegen - was ihn aus den genannten Gründen jedoch nicht daran hindern wird, weiter zu steigen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Datenkrieg


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