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Die nächsten 5 Jahre: Nicht gewinnen, sondern überleben

08.08.2019  |  Egon von Greyerz
Die Botschaften der EZB und der Fed könnten klarer nicht sein. Die Zentralbanken sehen große Probleme im Finanzsystem und der Weltwirtschaft, und sie werden alles Mögliche unternehmen, um das System zu retten. Doch es wird ihnen nicht gelingen.

Im Herbst 2019 wird es zu einer großen Verschiebung in der allgemeinen Stimmungslage kommen, wenn an den Märkten die Wende von einem säkularen Bullenmarkt zu einem säkularen Bärenmarkt vollzogen wird. Wahrscheinlich werden wir große Crashs an vielen globalen Aktienmärkten erleben. Praktisch niemand ist darauf vorbereitet, also wird es Panik und auch Verzweiflung geben.


US-Aktienmarkt mit historischer Überbewertung

Der US-Aktienmarkt ist heute stärker überbewertet als 1987, 1999 und 2006.

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Der Überbringer schlechter Nachrichten wird bestenfalls ignoriert, und im schlimmsten Fall exekutiert. Hoffentlich werde ich beiden Schicksalen entgehen, obgleich ich nicht aufhören werde, die Menschen vor den potentiell katastrophalen Gefahren zu warnen, die auf uns warten. Bei Aktien, Anleihen und Derivaten werden die Bieter ab einem bestimmten Punkt komplett ausbleiben, davor hatte ich letzte Woche meine Leser gewarnt. Diese Märkten werden also steil absacken - ohne Kaufgebote für die stürzenden Assets, zu keinem Preis.

Die meisten werden diesen Hinweis völlig ignorieren. Die Mehrheit der Anleger hat vollstes Vertrauen in die Fähigkeit der Zentralbanken, die Welt erneut zu retten - durch Schöpfung endloser Geldmengen und Zinssatzsenkungen.


Zentralbanken im Panik-Modus

Fed wie EZB sind jetzt im Panik-Modus, auch wenn sie das vielleicht noch nicht offen zeigen. Die Fed hat die Zinsen diese Woche erst um ¼% gesenkt, und die EZB sagt der Welt, dass sie alles Erforderliche unternehmen wird.

Draghi sagte letzte Woche, es bestehe: "Die Notwendigkeit eines äußerst akkommodierenden geldpolitischen Kurses für einen längeren Zeitraum, da sich sowohl die tatsächlichen als auch die projizierten Inflationsraten kontinuierlich unter einem Niveau befinden, das mit seinem Ziel [dem des EZB-Rats] vereinbar ist." Dementsprechend brachte der EZB-Rat zum Ausdruck, er sei "Entschlossen, im Einklang mit seiner Verpflichtung auf die Symmetrie des Inflationsziels zu handeln. Er ist daher bereit, all seine Instrumente gegebenenfalls anzupassen, um sicherzustellen, dass sich die Inflation auf nachhaltige Weise auf sein Ziel zubewegt."

In Folge sanken die deutsche 10-Jahre-Bundesanleihe als auch die französische unter die Marke von 0%. Es ist ein völlig verrückter politischer Ansatz, die Zinssätze zu senken, um Inflation zu erzeugen. Zentralbanker wissen, dass Inflation schlecht für die Wirtschaft ist. Eine Inflationsrate von 2% bedeutet, dass sich die Preise alle 36 Jahre verdoppeln. In den 1970ern habe ich selbst jahrelang Inflationsraten von 15 % und mehr in Großbritannien erlebt. Eine Inflation von 15% bedeutet, dass sich die Preise alle 5 Jahre verdoppeln. Inflation ist nicht wünschenswert - nicht für Konsumenten, nicht für Sparer, nicht für Pensionäre.


EZB-Fachchinesisch: Die wahren Probleme verstecken

Meiner Ansicht nach verstecken sich hinter dem EZB-Kauderwelsch aus dem Zitat oben viel ernstere Probleme als niedrige Inflation. "Symmetrie des Inflationsziels" sind bedeutungslose Worte, typisch für Zentralbanken - so formuliert, dass es niemand versteht. Das Problem liegt im Finanzsystem. Das deutsche Bankensystem ist Pleite angesichts der sich ständig verschlimmernden Lage der Deutschen Bank (DB). Die Kredite der DB reichen, um für einen Zusammenbruch der Bank zu sorgen, und ihr Derivate-Portfolio wird nicht nur die Bundesbank in den Bankrott treiben, sondern auch Deutschland und die EZB.

Die Deutsche Bank hat Derivate in Höhe von 45 Billionen EUR. Das ist das 13-fache des deutschen BIP. Also: Wenn es bei den Derivaten keine Gebote mehr geben wird (und das kann buchstäblich als sicher gelten), werden diese 45 Billionen Euro in Derivaten einfach in einem schwarzen Loch verschwinden und wertlos sein.

Doch nicht allein die DB und andere deutsche Banken sind bankrott, sondern auch italienische, spanische, griechische Banken und noch viele andere. Auch die EZB ist vollkommen Pleite. Ihre Bilanz liegt bei 4,7 Billionen EUR, und 40% davon sind Kredite an EU-Mitgliedsstaaten. Kapital und Reserven der EZB liegen bei 105 Milliarden EUR. Die Eigenkapitalbasis der EZB macht also 2% ihre Gesamtbilanz aus. Das bedeutet, dass Verluste von 2% reichen, um die EZB in den Bankrott zu treiben! Wahrscheinlich werden die Verluste aber viel eher zwischen 50%-100% liegen; der Untergang der EZB ist also sicher. Doch bevor es dazu kommt, wird sich die EZB für unbegrenzte Geldschöpfung entscheiden.

So leicht wird sie nicht aufgeben, natürlich nicht. Draghi hatte zuvor schon durchblicken lassen, dass die EZB alles Erdenkliche unternehmen wird, um das Finanzsystem am Laufen zu halten. Seine Aussagen von letzter Woche waren also nur die Bestätigung des Unvermeidlichen.


Globale Verschuldung jetzt außer Kontrolle

Die jüngsten Nachrichten aus Fed und EZB könnten klarer nicht sein. Die Zentralbanken werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt von stiller Panik erfasst. Später wird dies ganz offensichtlich zu Tage treten. Denn aktuell erleben wir nur die Vorrede zur größten Geldschöpfungswelle der Geschichte. Allein in diesem Jahrhundert hat sich die globale Verschuldung von 80 Billionen $ auf 250 Billionen $ verdreifacht (3x). Beim Versuch, das Finanzsystem zu retten, haben die Zentralbanken in den letzten 19 Jahren den Kredit um 170 Billionen $ ausgeweitet. Erreicht haben sie das durch Geldschöpfung und die Senkung der Zinssätze auf null oder negativ.


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