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Deflation, Inflation, Enteignung

01.09.2019  |  Manfred Gburek
Die deutsche Inflationsrate ist nur noch bei 1,4 (nach 1,7) Prozent, was nun? Der Unternehmensberater und Buchautor Markus Krall prophezeite neulich in einem seiner unzähligen Interviews: erst Deflation einschließlich Crash, später Inflation, schließlich Enteignung. Für die Deflation würden allein schon die vielen Zombies sorgen. So nennt man neuerdings jene Unternehmen, die zusammen mit den sie finanzierenden Banken de facto pleite sind. Ihr Dilemma, dem sie nicht entgehen können, stellt sich wie folgt dar:

Sinken die Zinsen weiter, geht das Kreditgeschäft der Banken kaputt, weil sie dann keine Zinsgewinne mehr erwirtschaften können. Die finanzierten Unternehmen erhalten daraufhin keine Kredite und folgen den Banken in die Pleite. Beginnen die Zinsen dagegen zu steigen, mögen die Banken zwar wieder Zinsgewinne erwirtschaften, aber - falls überhaupt - nur für kurze Zeit. Denn in diesem Fall würden die kreditfinanzierten Unternehmen pleite gehen, weil sie die höheren Zinsen nicht mehr aufbringen können.

In beiden Fällen käme es zur Deflation, das heißt, zu einem allgemeinen Rückgang der Preise für Waren und Dienstleistungen aller Art. Da die Deflation aufgrund der schlechten Erfahrungen mit ihr während der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts unter Politikern und Zentralbankern verhasst ist, dürften beide Gruppen versuchen, sie mit aller Macht zu verhindern: Die einen mit explodierenden Staatsschulden, die anderen, indem sie - symbolisch formuliert - in noch nie gekanntem Ausmaß Geld drucken würden.

Man kann sich natürlich auch Szenarien vorstellen, die weniger dramatisch ablaufen, sodass ein Crash gerade noch zu verhindern wäre. Etwa indem die Schuldenberge rechtzeitig abgetragen werden. Oder indem Regierungen mit Rettungsmaßnahmen immer wieder zwischendurch einspringen, statt bis zum schrecklichen Finanz-Finale zu warten. Oder indem die Konjunktur nach dem Vorbild des Marshallplans einen kräftigen Anschub erhält.

Doch wer ist zum Schuldenabbau bereit, solange der Nachbar nicht im Traum daran denkt? Welche Regierungen sind wirklich in der Lage, sukzessive Maßnahmen zur Abwendung einer breitflächigen Krise zu koordinieren? Wer soll wie viel in den Marshallplan einzahlen und welchem Land soll dieser Plan zugute kommen?

Klammern wir bei den folgenden Überlegungen der Einfachheit halber die spezifischen Belange Chinas und der USA aus, von deren Konjunktur bekanntlich auch das Wohlergehen Europas und speziell Deutschlands abhängt.

Setzen wir realistischerweise voraus, die vom kommenden November an aus dem Chefsessel beim Internationalen Währungsfonds an die Spitze der EZB wechselnde Christine Lagarde setzt dort die ultralockere Geldpolitik ihres Vorgängers Mario Draghi fort. Dann sollte sich unser Interesse immer mehr auf die EU-Kommission konzentrieren, deren Chefposten unter seltsamen Umständen an Ursula von der Leyen gegangen ist. Und die macht in einem Punkt gleich tabula rasa, indem sie eine Frauenquote von 50 Prozent festlegt.

Welche Aufgaben muss die neue Kommissions-Chefin lösen? Zu viele, die ihr der Vorgänger Jean-Claude Juncker in den vergangenen fünf Jahren hinterlassen hat. Beginnen wir mit einer ganz harten Nuss: Bisher war von der Leyen - zuletzt als Verteidigungsministerin - gewohnt, von der Bundeskanzlerin auch dann höchst persönlich Rückendeckung zu erhalten, wenn ihr wieder mal ein Flop unterlaufen war. Damit ist jetzt Schluss; von der Leyen muss sich allein und ungeschützt gegen eine Männerriege durchsetzen.

Sie hat weder die volle Richtlinienkompetenz über ihre Untergebenen noch praktische Erfahrungen mit Konjunkturproblemen. Und ihr haftet außer dem einen oder anderen Bundeswehr-Skandal immer noch so manche Affäre aus der Zeit an, als sie in der Merkel-Regierung für Arbeit und Soziales zuständig war. Damals, man schrieb das Jahr 2010 mit der heftigen Griechenland-Krise, rief sie die „Vereinigten Staaten von Europa“ aus und schlug vor, dafür unter anderem die Goldreserven angeschlagener Euroländer in Angriff zu nehmen. Merkel fand das wohl nicht gerade angemessen, stellte sich aber hinter ihre Ministerin.

Welche Schwerpunkte wird von der Leyen bei ihrer neuen Aufgabe setzen? Um einen kommt sie auf keinen Fall herum: die Positionierung Europas und im engeren Sinn der Eurozone während des jetzigen Handelskriegs zwischen den USA und China, also eine weitere harte Nuss.

Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Europa für die beiden Großmächte eher ein Spielball als ein ernst zu nehmender Partner oder Gegner ist. Wie denn auch? Europa wird von einem immer wieder brüchig werdenden Euro zusammengehalten. Solange unser Kontinent nicht mit einer Stimme spricht, nimmt weder Amerikas Trump noch Chinas Xi ihn ernst. Das ist gefährlich, weil europäische Interessen damit zwangsläufig unter den Tisch fallen.

Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit muss von der Leyen zwangsläufig dem Klimaschutz widmen. Und zwar nicht etwa wegen der Hysterie um die Aktivistin Greta Thunberg und deren Anhang, sondern wegen der zwangsläufig auf Europa zukommenden Mammutaufgabe, der Konjunktur einen ordentlichen Schub zu verleihen. So etwas kann in Europa nur funktionieren, wenn es einen Konsens gibt. Und der ist jetzt umso leichter herzustellen, je mehr Politiker und Zentralbanker von der Notwendigkeit des Klimaschutzes überzeugt sind - unabhängig davon, ob er wirklich funktionieren kann, solange in großen Teilen Europas, in den USA und in China massenhaft Kohle verheizt wird.

Europäische Investitionsprogramme zugunsten des Klimaschutzes lassen sich leichter realisieren als europäische Eingriffe in den Handelskrieg zwischen den USA und China. Also werden sie erst mal entsprechend gefördert, natürlich auf Pump und mit der Begründung, man tue ein gutes Werk. Doch allein dadurch lässt sich der Trend in Richtung Deflation nicht stoppen. Vielmehr müssen andere Maßnahmen ergriffen werden. Aber welche? Dazu reift der folgende Plan immer mehr heran: Die Europäer sollen massenweise Geld geschenkt bekommen, um es für den Konsum auszugeben. Das ist der brandneue Plan der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.

Ausschlaggebend wird sein, auf welche Weise sich die Deflations- in Inflations-Erwartungen umwandeln lassen. Dem scheidenden EZB-Chef Mario Draghi ist das nicht gelungen. Folglich wird seine Nachfolgerin Christine Lagarde zu drastischen Mitteln greifen. Die Denkfabrik Bruegel wird ihr dabei helfen.

Auf dem Programm steht neben Geldgeschenken und allerlei steuerlichen Maßnahmen auch die bewusste Inkaufnahme einer Wirtschaftskrise mitsamt Crash - nach dem Motto: Sind dann wesentliche Kapazitäten wegen vieler Pleiten stillgelegt, stößt das dadurch knapp gewordene Angebot an Waren und Dienstleistungen auf eine höhere Nachfrage, und so nehmen erst die Erwartungen auf höhere Inflationsraten zu, danach greift die Inflation um sich. Das bedeutet, zusätzlich im Kontext mit steuerlichen Maßnahmen, im Endeffekt Enteignung.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Das Blaue vom Geldhimmel


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