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Fed senkt Zins - weil das System sonst nicht mehr funktioniert

18.09.2019  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auf seiner Sitzung hat der Offenmarktausschuss der US-Zentralbank (Fed) beschlossen, den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf eine Bandbreite von 2,00-1,75 Prozent zu senken. Die Fed hat zudem mindestens eine weitere Zinssenkung bis zum Jahresende signalisiert.

Zuletzt hatte die Fed im Juli 2019 die Zinsen von 2,50-2,25 auf 2,25-2,00 Prozentpunkte verringert - und dabei verlauten lassen, die Lockerung sei nur "Teil einer Anpassung" ("part of a recalibration"), sie sei kein vorbestimmter Weg ("pre-set course") in einen Zinssenkungszyklus.

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Die Fed scheint offiziell zwar an dieser Einschätzung festhalten zu wollen. Doch glaubwürdig ist das nicht - schließlich soll ja die Zinssenkungspolitik munter weitergehen!

Die neuerliche Zinssenkung soll, so die Fed, die US-Wirtschaft stützen; man fürchtet, dass der US-China-Handelsstreit größere konjunkturelle Bremsspuren hinterlassen könnte.

US-Präsident Donald J. Trump macht weiter Druck auf die Fed, die Zinsen zu senken (das Jahr 2020 ist Wahljahr in den USA) - und die Fed gibt dem Druck nach.

Bislang zeigt das Wachstum das US-Bankenkredite weiter nach oben - und deutet auf fortgesetztes Wirtschaftswachstum und Unterstützung für die Preise auf den Vermögensmärkten hin.

Kreditvergabe der US-Banken, Jahresveränderung in Prozent
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Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis


Doch ganz ungetrübt ist das Bild nicht: Am Dienstag hatte es ernste "Verspannungen" im Interbanken-Markt (genauer: im Repo-Markt) gegeben, die die Zinsen stark ansteigen ließen. Die Fed kaufte daraufhin Anleihen und pumpte dadurch 53,2 Mrd. US$ bereit. Am Mittwoch kamen 75 Mrd. US$ hinzu, um dem ungewollten Zinsanstieg zu begegnen.

Das Ansteigen der Zinsen (im Repo-Markt, in dem sich Banken gegen Hingabe von Schuldpapiere Übernacht-Kredite beschaffen) hat Ängste vor einer neuen Kreditkrise geweckt. Zwar waren Sondereffekte (z. B. Überweisungen vom Bankensektor an die Fed) ursächlich für die Liquiditätsverknappung. Dennoch zeigt die Episode, wie verwundbar das Interbanken-Kreditsystem und damit das gesamte Kreditgebäude sind.

Wir denken, die Fed wird die Zinsen in den kommenden Monaten bis auf etwa 1,0 Prozentpunkte absenken - weil Konjunktur und Finanzmärkte ohne niedrigere Zinsen nicht mehr auskommen.


Weltzinstrend zeigt nach unten

Die US-Zentralbank verleiht dem weltweiten Trend fallender Zinsen zusätzliche Dynamik - vor allem auch weil die Europäische Zentralbank (EZB) in den kommenden Monaten ihren Einlagenzins vermutlich noch weiter unter die Nulllinie drücken wird.

Es ist aus unserer Sicht wahrscheinlich, dass fallende Zinsen die Preissteigerungen auf den Vermögensmärkten - also auf den Märkten für Aktien, Grundstücke und Häuser - zunächst weiter beflügeln, also „Vermögenspreisinflation“ verursachen.

Wenngleich das so manchen Anleger und Investor erfreuen mag: Es sollte nicht übersehen werden, dass die Zinssenkungspolitiken Ungleichgewichte heraufschwören beziehungsweise bestehende Ungleichgewichte verschärfen - die die Krisenanfälligkeit des Systems vergrößern.


Folgen für Gold

Nach der Verkündung des Fed-Zinsentscheids gab der Goldpreis (USD/oz) um etwa 1 Prozentpunkt nach, EURUSD fiel um 0,5 Prozentpunkte.

Doch es gibt gute Gründe zu erwarten, dass der Abwärtstrend der Zinsen, vor allem der US-Zinsen, noch einen positiven Effekt auf den Goldpreis ausüben wird: Die Kosten, Gold im Portfolio zu haben, nehmen nämlich dadurch ab, das Halten von Gold wird attraktiver.

Das gilt vor allem in einem Umfeld, in dem die realen Kurzfristzinsen (also die Nominalzinsen minus Inflation) von den Zentralbanken auf beziehungsweise unter die Nulllinie gedrückt werden.

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Der US-Dollar als Weltwährung wird durch die Zinssenkungen als „sicherer Hafen“ weniger attraktiv, und damit empfiehlt sich zusehends das Gold als eines der wenigen verbliebenen liquiden Mittel, die die Wertaufbewahrungsfunktion noch erfüllen können.

In diesem Umfeld ist auch das Silber attraktiv - weil der Silberpreis nach wie vor einen mit einem deutlichen Abschlag gegenüber dem Gold handelt und in einer Phase, in der der Goldpreis anzieht, erhebliches Aufwärtspotential in Aussicht stellt.

Das Halten von Gold und Silber sind eine Alternative, den inflationären Geldpolitiken - und für nichts anderes stehen die Zinssenkungen der Zentralbanken - die Stirn zu bieten. Das gilt gerade auch für Anleger aus dem Euroraum.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH



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