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Deutschland: Bewundert, beneidet, was nun?

20.10.2019  |  Manfred Gburek
Als CDU-Mann Friedrich Merz neulich eine seiner zahlreichen Reden hielt, wagte er eine Prognose, die aufhorchen ließ: Auch in zehn Jahren werde es noch mit Diesel und Benzin angetriebene Autos auf deutschen Straßen geben. Von einer allgemeinen Dieselkrise könne nicht die Rede sein. Im Übrigen handle es sich bei der Dieseltechnologie um eine der modernsten Antriebsarten.

Mutig mutig, könnte man in Erinnerung an die Schummeleien deutscher Autokonzerne mithilfe eben dieser Technologie meinen. Doch ganz so mutig, wie es scheint, ist die Merz-Behauptung nicht. Zwar haben wir es in der Autoindustrie mit einer Disruption zu tun, das heißt, mit einem radikalen Umbruch. Aber auch der braucht Zeit, sind sich alle rational mit dieser Materie befassten Wissenschaftler einig - nicht dagegen die von interessierter Seite emotional aufgeheizten Autogegner.

Dass es mit den Absatzerfolgen von Elektroautos noch nicht zum Besten steht, lässt sich gängigen Branchenstatistiken entnehmen. Außerdem den Charts der Börsenkurse wichtiger Pioniere, wie Tesla, Geely oder BYD. Die Kursentwicklung der Aktien aller drei Konzerne verläuft enttäuschend. Sie wird noch unterboten von Aktien wichtiger Zulieferer, wie Continental und Schaeffler. Das Gegenbeispiel ist die VW-Aktie, die besonders in den vergangenen Tagen kräftig zugelegt hat.

Deutschland verfügt traditionell über vier Schlüsselindustrien, von denen die Autoindustrie dominiert. Dann folgen die Chemie- und Elektroindustrie sowie der Maschinen- und Anlagenbau. Alle sind miteinander verwoben, ein Merkmal, für das Deutschland zum Teil bewundert, zum Teil beneidet wird.

VDMA, der Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer, rechnet vor, seine extrem heterogene Branche sei in Deutschland zu 19 Prozent, global zu 11 Prozent von der Autoindustrie abhängig. Dies und die Tatsache, dass Deutschland als starke Exportnation mit großer Abhängigkeit von China und von den USA in deren Handelskrieg hineingezogen wird, lässt die Konjunktur hierzulande schwächeln, möglicherweise sogar einbrechen.

Pessimisten ziehen daraus den Schluss, ein Armageddon werde über die deutsche Wirtschaft hinwegziehen. Die Autoindustrie und mittelbar auch der Maschinen- und Anlagenbau sowie Teile der Chemie- und Elektrobranche würden unvorbereitet in eine Krise geraten, aus der sie sich jahrelang nicht mehr befreien könnten. Doch solch eine Prognose ist zu undifferenziert. Ebenso ließe sich behaupten, die dem Regen und der Kälte ausgesetzten neuen Elektroscooter würden über kurz oder lang Autos, S- und U-Bahnen ersetzen.

In der vergangenen Woche fand das achte Anlegerforum des Analystenverbands DVFA statt, bei dem die Folgen für Anleger heiß diskutiert wurden. Was auffiel, war ein gewisser Grundpessimismus, der sich bis in Details erstreckte. Besonders markant: die Prognosen von Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: "Deutschland erlebt in Europa gerade einen neuen Kranker-Mann-Zyklus."

Der deutsche Handel mit China und den USA wird abnehmen und in mehr Protektionismus mit „einem neuen Kalten Krieg“ münden. China wird kein neues Konjunkturprogramm auflegen. Es dürfte zu Schaukelbörsen mit markanten Auf- und Abschwüngen kommen: Sobald die Aktienkurse stärker gefallen sind, greifen reiche Investoren zu. Der deutsche Mittelstand wird stark bleiben. Christine Lagarde, designierte EZB-Präsidentin, "wird die Zinsen weiter senken".

Spätestens, sobald es dazu käme, dürfte in Deutschland ein schon seit längerer Zeit bekanntes Problem virulent werden: die total unzureichende Altersvorsorge, die - abgesehen von der immer mehr durch Steuern subventionierten gesetzlichen Rente - im Wesentlichen auf Finanzwerten beruht, etwa auf Bundesanleihen und Pfandbriefen. Mit dieser Altersvorsorge geht Joachim Faber, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschen Börse, hart ins Gericht - und das als ehemaliger Allianz-Mann. "Es wird nicht lange dauern", meint Faber, bis die niedrigen Zinsen voll auf die Lebensversicherungen und damit letztlich auch auf andere Vorsorgesysteme durchschlagen, die von der Zinsentwicklung abhängen.

Faber schlägt stattdessen ein aktienbasiertes System vor; und statt von Altersvorsorge spricht er lieber von Zukunftssicherung. Die Idee dazu liegt nahe, sie hat vom Ansatz her ihre Stärken: Sach- und Ertragswerte, vereinigt im Aktienmantel, anstelle eines Sammelsuriums von Finanzwerten. Doch diese Idee hat einen wesentlichen Haken: Der Systemwechsel würde während einer gewissen Zeit von Jahren alle benachteiligen, die doppelt für ihre Vorsorge aufkommen, also mehrere Jahre lang für ihre jetzige und für die neue Rente ansparen müssten.

Politiker, die dieses heiße Eisen in Angriff nähmen, dürften prompt viele Wählerstimmen verlieren. Und weil sie im Bewusstsein dessen den Angriff erst gar nicht wagen werden, steuert Deutschland auf einen Vorsorgenotstand zu, der sich spätestens dann offenbaren wird, wenn es zu den ersten systembedingten Pleiten kommt. Der eingangs in anderem Zusammenhang zitierte Friedrich Merz weiß sicher ein Lied davon zu singen. Denn dass er im Wettrennen um den CDU-Vorsitz gegen Annegret Kamp-Karrenbauer knapp den Kürzeren zog, hatte er mit Sicherheit zum Teil auch seinem Plädoyer für die Altersvorsorge mit den von den meisten Deutschen als risikoreich angesehenen Aktien zuzuschreiben.

Werfen wir, ausgehend vom DVFA-Anlegerforum, zum Schluss noch einen weiteren Blick in die Zukunft. Als "Durchwurstel-Szenario" bezeichnet Ingo R. Mainert von der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors das, was Anleger in der kommenden Zeit erwartet. Damit gibt er die vorherrschende Meinung der Forumsreferenten wieder. Zum Durchwursteln gehört offenbar ein selektives Vorgehen mit dem Schwerpunkt auf Aktien, meint Frank Engels von Union Investment Privatfonds. Und darüber hinaus? Der Dollar wird fallen, ist sich Engels sicher. Das sei günstig für die Konjunktur weltweit - und für die weitere Entwicklung des Goldpreises. "Gold gehört ins Multi-Asset-Portfolio", davon ist Engels überzeugt.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

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