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Große Krisen sind Folge der Zentralbankpolitiken

16.11.2019  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Jeder kennt ihn, jeder spricht über ihn: den Zins. Doch was ist der Zins eigentlich? Der Zins ist in der Volkswirtschaftslehre nach wie vor ein Zankapfel.

Es gibt immer noch viele sich zum Teil widersprechende Zinstheorien: die Produktivitätstheorie des Zinses; die Abstinenztheorie des Zinses; die Ausbeutungstheorie des Zinses; die Liquiditätstheorie des Zinses; die Zeitpräferenztheorie des Zinses; und andere mehr.

Wie soll man sich da zurechtfinden? Welche Theorie ist die richtige?

Das Zinsphänomen wird nur verständlich, wenn man über die ökonomische Lehre hinausgeht und sich Hilfe von der Erkenntnistheorie holt. Die Erkenntnistheorie - man bezeichnet sie in der Philosophie auch als Epistemologie - beschäftigt sich mit Fragen wie: Woher stammt unser Wissen? Wo sind die Grenzen des Wissens? Was können wir wissen?

Die Aussage, dass wir Menschen in all unserer Unvollkommenheit nicht alles verstehen und wissen, werden vermutlich viele unterschreiben.

Doch es gibt auch Dinge, die wir sehr genau verstehen und wissen, ja die wir sogar mit Gewissheit wissen können! Nehmen wir nur einmal den Satz vom Widerspruch, den wir aus der Logik kennen: Zwei sich widersprechende Aussagen können zugleich nicht zutreffen.

Es ist beispielsweise nicht möglich, dass die Erde eine Scheibe ist, und dass es gleichzeitig nicht der Fall ist, dass die Erde eine Scheibe ist. Wir haben es hier mit einer Erkenntnis zu tun, die wir nicht verneinen können, ohne dass wir durch das Verneinen ihre Gültigkeit schon voraussetzen.

Eine derartige Erkenntnis war auch dem Königsberger Philosophen und Kritiker der reinen Vernunft, Immanuel Kant (1724-1804), geläufig. Er erklärte uns, dass wir Menschen keine voraussetzungslosen Erfahrungen machen könnten; sondern dass wir vielmehr den Gegenständen, die wir erfahren, Eigenschaften auferlegten, die aus unserem Erkenntnisvermögen stammen.

Kant sprach in diesem Zusammenhang von den Bedingungen der Möglichkeit objektiver Erfahrung. Zu diesen Bedingungen der Möglichkeit objektiver Erfahrung ist auch der Zins - genauer: der Urzins - zu rechnen.


Warum der marktwirtschaftliche Zins nicht negativ sein kann

Es gibt Aussagen, die man nicht widerspruchsfrei verneinen kann. Solche Sätze müssen wir - ob wir wollen oder nicht - als wahr ansehen. Dazu zählt beispielsweise der Satz: «Der Mensch handelt.» Dieser Satz klingt zunächst recht trivial.

Aber er hat es in sich. Er gilt a priori: das heißt, er ist erfahrungsunabhängig, ist selbstevident, kann Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit beanspruchen. Der Satz «Der Mensch handelt» zeichnet sich durch Widerspruchsfreiheit aus: Wer ihn verneint, der handelt und widerspricht damit dem Gesagten.

Aus dem wahren Satz «Der Mensch handelt» lassen sich weitere wahre Aussagen deduktiv ableiten. Beispielsweise, dass das menschliche Handeln stets zielbezogen ist, was sich ebenfalls nicht widerspruchsfrei verneinen lässt.

Und weiter: Wer handelt, der muss Mittel einsetzen, um seine Ziele zu erreichen; es gibt kein mittelloses Handeln. Wer also beispielsweise zu jemand anderem sprechen möchte, muss seine Stimmbänder in Schwingung versetzen, also ein Mittel einsetzen.

Mittel sind stets knapp. Wären sie nicht knapp, wären sie keine Mittel. Zeit ist ein unverzichtbares Mittel. Zeitloses Handeln lässt sich nicht widerspruchsfrei denken, denn sonst wären die Ziele immer sofort und unmittelbar erreicht, und man könnte nicht mehr handeln.

Weil Handeln Knappheit impliziert, wertet der Handelnde notwendigerweise einen größeren Gütervorrat - mehr Mittel - höher als einen kleineren Gütervorrat. Und weil Zeit ein knappes Mittel ist, und jede Handlung den Einsatz von Zeit als Mittel erfordert, zieht der Handelnde eine frühere Zielerreichung einer späteren vor.

Genau diese Tatsache, dass man ein Früher einem Später vorzieht, kommt durch die Zeitpräferenz zum Ausdruck, und ihre Manifestation ist der sogenannte Urzins.

Der Urzins steht für den Wertabschlag, den die spätere Erfüllung der Bedürfnisse gegenüber der früheren Erfüllung der Bedürfnisse - von gleicher Art und Güte und unter gleichen Bedingungen - erleidet.

Zeitpräferenz und Urzins stecken gewissermaßen in jedem handelnden Menschen. Wir alle haben stets und überall eine positive Zeitpräferenz und folglich auch einen positiven Urzins.

Zeitpräferenz und Urzins können nicht verschwinden, sie sind immer da - und sie können vor allem nicht negativ werden.

Zeitpräferenz und Urzins sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und sie ändern sich auch im Laufe des Lebens.

Die Zeitpräferenz und der Urzins sind hoch, wenn der Handelnde den Gegenwartskonsum vergleichsweise hoch wertschätzt im Vergleich zum Zukunftskonsum. Und die Zeitpräferenz ist niedrig, wenn der Gegenwartskonsum vergleichsweise weniger hoch wertgeschätzt wird im Vergleich zum Zukunftskonsum.


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