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Große Krisen sind Folge der Zentralbankpolitiken

16.11.2019  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
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Wenn die Zeitpräferenz der Menschen abnimmt, bedeutet das, dass ihnen das Gegenwärtige weniger wichtig wird gegenüber dem Zukünftigen - und entsprechend nimmt auch der Urzins ab.

Das zeigt sich darin, dass die Menschen aus ihrem Einkommen mehr sparen und weniger konsumieren.

In kapitalistischen Volkswirtschaften wird das Ersparte investiert (auch Kundengelder auf dem Bankkonto werden von den Banken investiert), und dadurch steigen die künftigen Konsummöglichkeiten.

Eine abnehmende Zeitpräferenz führt also zu mehr Wohlstand.

Wie erklärt sich nun der Zusammenhang zwischen Urzins und Marktzins? Es gibt Menschen, die konsumieren nicht ihr gesamtes Einkommen. Den Teil, den sie nicht konsumieren, sparen sie - und sie bieten ihre Ersparnisse anderen an.

Die Ersparnisse werden von denen nachgefragt, die mehr auszugeben wünschen, als sie haben.

Durch das Angebot von Ersparnissen und der Nachfrage nach Ersparnissen (für Investitionszwecke) bildet sich auf einem freien Markt ein Marktzins heraus.

In einem freien Markt entspricht der Marktzins dem «gesellschaftlichen » Urzins.

Letzterer erklärt sich aus den individuellen Urzinsen der Anbieter von Ersparnissen und der Nachfrager nach Ersparnissen. Der «gesellschaftliche Urzins», der sich auf diese Weise herausbildet, stellt sicher, dass es stets genügend Ersparnisse gibt, um die Investitionen durchführen zu können.


Folgenschwere Konsequenzen von Null- oder Negativzinsen

Der Zins hat viele Feinde. Diverse Menschen sehen in ihm ein Übel. Beispielsweise wollen sozialistischkommunistische Parteien den Zins abschaffen, genauso wie damals die Nationalsozialisten.

Ein Propagandaruf der deutschen Nationalsozialisten lautete: «Brechung der Zinsknechtschaft».

Wenn wir die nationalökonomische Theorie studieren, dann können wir jedoch verstehen, dass ohne einen positiven Marktzins unsere heutige Wirtschaft und unser Wohlstand gar nicht möglich wären.

Nehmen wir an, der Marktzins wäre null. Dann gäbe es keinen Anreiz mehr, auf heutigen Konsum zu verzichten, zu sparen und das Ersparte zu investieren.

Denn jeder Mensch hat ja eine positive Zeitpräferenz und damit einen positiven Urzins, der sein Werten und Handeln leitet. Aufgrund der positiven Zeitpräferenz wird zum Beispiel 1 Euro heute notwendigerweise höher gewertet als 1 Euro in der Zukunft.

Hat der Handelnde einen Urzins von, sagen wir, 2 Prozent, wird er nur dann bereit sein, 1 Euro, den er heute besitzt, gegen 1,02 Euro, die er künftig erhält, einzutauschen. Bekäme er für seinen heutigen 1 Euro lediglich 1,01 Euro in einem Jahr, würde kein Tausch zwischen «Euro heute» und «Euro in einem Jahr» stattfinden; es gäbe keinen Marktzins.

In einer Welt, in der der Marktzins null wäre, würde nur noch konsumiert, es würde nicht mehr gespart und investiert. Kapitalverzehr würde einsetzen. Alles vorhandene Kapital wird verbraucht - die Regale werden sprichwörtlich leergeräumt. Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen bleiben aus.

Die Arbeitsteilung hört auf, und die Volkswirtschaft fällt zurück in eine primitive Subsistenzwirtschaft. In einer Welt, in der der Marktzins null beträgt, würde die moderne Volkswirtschaft, wie wir sie heute kennen, nicht mehr funktionieren.

Senkte man also den Marktzins weltweit plötzlich auf null ab, wären Milliarden von Menschen ihrer Einkommensquelle beraubt, die meisten wohl dem Hungertod preisgegeben.


Geldschaffen aus dem Nichts

Der Marktzins wird heutzutage nicht mehr im freien Markt bestimmt, sondern von den staatlichen Zentralbanken nach politischen Erwägungen gesetzt. Wie erklärt sich das?

Die Zentralbanken haben das Geldproduktionsmonopol inne. Und das nutzen sie, um - in enger Kooperation mit den Geschäftsbanken - neues Geld durch Kreditvergabe zu schaffen.

Durch eine Kreditvergabe, der keinerlei Ersparnis gegenübersteht, wird neues Geld in Umlauf gebracht. Das ist das sogenannte «Geldschaffen aus dem Nichts».

Das per Kredit neu geschaffene Geld erreicht die Volkswirtschaft, indem es in den Kreditmarkt eingespeist wird.

Das erhöht das Kreditangebot künstlich, was wiederum den Marktzins künstlich absenkt. Der Marktzins fällt niedriger aus, als er ausfallen würde, wenn das Kreditangebot nicht künstlich ausgeweitet worden wäre.

Der Marktzins gerät aus dem Gleichgewicht. Er wird unter den gesamtwirtschaftlichen Urzins gedrückt. Und das hat negative Folgen. Es entmutigt das Sparen, es ermutigt den Konsum, und gleichzeitig setzt es neue Investitionen in Gang, für deren Realisation keine Ersparnisse verfügbar sind.

Die Volkswirtschaft beginnt also, über ihre Verhältnisse zu leben. Überkonsum und Fehlinvestitionen stellen sich ein.


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