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Leben unter einem Goldstandard

04.01.2020  |  John Paul Koning
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Flexibel vs. Unnachgiebig

Warum zeigen Fiat- und Goldstandardsysteme also so unterschiedliche Muster? Die Antwort hat etwas damit zu tun, wie flexibel diese Systeme sind.

Sagen wir, dass die Öffentlichkeit plötzlich mehr Geld halten möchte. Unter einem Fiatstandard können Zentralbanken rapide so viele Banknoten und Reserven erschaffen, wie notwendig, um diese Nachfrage zu bedienen. Und sobald die Nachfrage kontrahiert, können sie das rückgängig machen, indem ungewollte Noten zurückgekauft und entwertet werden.

Anders als unter einem Goldstandard. Wenn die Öffentlichkeit mehr Gold möchte, dann können die Bergbauunternehmen nicht einfach mehr davon produzieren. Der einzige Weg für die Wirtschaft, sich an diese höhere Nachfrage anzupassen, besteht in einer Zunahme des Goldpreises. Und da in einem Goldstandard alles in Gold bepreist wird, bedeutet das, dass die Preise aller Verbraucherwaren und Dienstleistungen zurückgehen müssen.

Derselbe Vorgang funktioniert umgekehrt, wenn die Öffentlichkeit weniger von dem gelben Metall möchte. Es gibt keinen Mechanismus, um Gold zu dematerialisieren. Und somit passt sich die Wirtschaft an einen Rückgang der Goldnachfrage durch eine Abnahme des Goldpreises an, was wiederum zu steigenden Preisen für Verbraucherwaren unter einem Goldstandard führt.

Das ist also der Grund, warum die Preise in den USA und dem UK derartige Muster während ihrer jeweiligen Goldstandardzeiten aufweisen, doch nicht während ihrer Fiatzeiten. Fiatstandards können sich besser an konstante Schwankungen der Geldnachfrage anpassen.

Und das führt uns zum letzten Unterschied, den ich hervorheben wollte: das Gibson-Paradoxon.


Das Gibson-Paradoxon

Unter einem Fiatstandard gibt es keine Beziehung zwischen Zinsen und dem Preisniveau. Die Renditen auf Anleihen sind in den letzten zwölf Monaten allgemein zurückgegangen. Im Falle der USA sind die Renditen der 10-jährigen Staatsanleihe von 3% auf 1,5% gesunken. Das bedeutet nicht, dass wir erwarten, dass die Preise für Lebensmittel, Immobilien und Unterhaltung ebenfalls zurückgehen. Wie ein Uhrwerk steigen die Preise stetig (im Fall der USA, um dieselben 1,5%-2%, wie im letzten Jahr).

Doch unter dem Goldstandard würde man erwarten, dass Zinsen und das allgemeine Preisniveau gemeinsam sinken. Wenn Renditen auf Anleihen also von 3% auf 1,5% fallen würde, dann sollten wir auch erwarten, dass die allgemeinen Preise von Dingen wie Lebensmittel gemeinsam zurückgehen.

Der untere Chart zeigt dieses Phänomen.

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Während der Goldstandardzeit des UK, die von 1815 bis 1913 anhielt, stieg und sank das allgemeine Niveau der Verbraucherpreise tendenziell gemeinsam mit den langfristigen Staatsanleiherenditen. Siehe linker Chart. Die Linien verlaufen sowohl kurz- als auch langfristig synchron.

Doch während der Fiatzeit des UK (auf der rechten Seite dargestellt) gibt es keine Beziehung zwischen den beiden. Alfred Gibson, ein Banker, erkannte die Bewegungen der Preise und Renditen in einer Ausgabe des Banker's Magazine im Jahr 1923. Später beschrieb John Maynard Keynes das Paradoxon als "eine der vollständigsten etablierten empirischen Tatsachen innerhalb der quantitativen Volkswirtschaftslehre."

Was erklärt das Gibson-Paradoxon?


Gold als beständiger, realer Vermögenswert

Gold ist ein langlebiger Vermögenswert, der mit anderen Assets und Kapital konkurriert. Anstatt einen Goldbarren zu halten, kann man auch Immobilien kaufen, oder in eine Anleihe investieren oder Aktien eines Unternehmens erwerben.

Wenn die Welt weniger ergiebig wird und Projekte nicht länger so profitable sind wie zuvor, dann werden die erwarteten Erträge von Vermögenswerten wie Anleihen zurückgehen. Anleihen, die feste Ansprüche auf Projekte darstellen, können einfach nicht so viele Renditen abwerfen, wie sie es in einer produktiveren Welt getan hatten. Doch wenn das passiert, dann wird Gold kompetitiver gegenüber Anleihen. Die fehlende Rendite des Goldes wird weniger zum Handicap als zuvor. Und so möchten Investoren mehr Gold besitzen, was bedeutet, dass der Preis des gelben Edelmetalls steigt.

In den 1800er und frühen 1900er Jahren verursachte dieser Goldpreisanstieg einen Rückgang der Verbraucherpreise. Denn schließlich werden alle Verbrauchergüter unter einem Goldstandard in Gold bepreist. Und das ist der Grund, warum Gibson feststellte, dass sich Zinsen und das allgemeine Niveau der Verbraucherpreise unter einem Goldstandard gemeinsam bewegen.

Das Gibson-Paradoxon zusammenzufassend, wenn der allgemein wirtschaftliche Fortschritt träger wird: 1) Anleihen werfen weniger Rendite ab, und 2) Gold wird kompetitiver, und somit 3) Verbraucherpreise (die in Gold festgelegt werden) gehen zurück. Im Gegenzug, wenn die Wirtschaft produktiver wird: 1) Anleihe werfen mehr Rendite ab, und 2) Gold wird weniger kompetitiv, und somit 3) die Preise für Lebensmittel, Unterkunft und andere Verbrauchergüter und Dienstleistungen steigen.

Unter einem Fiatstandard ist Gold nicht länger Dreh- und Angelpunkt, um den alle Preise rotieren, also tritt das Gibson-Paradoxon nicht länger auf. Selbst während der schlimmsten Abschwünge, wie der Kollaps 2008, brachen Anleihepreise ein, doch die Kernverbraucherpreise blieben weiterhin zuverlässig bei 1% bis 2%.


© JP Koning
BullionStar



Der Artikel wurde am 27. November 2019 auf www.bullionstar.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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