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Geruchsblind gegenüber Inflation

25.06.2020  |  John Mauldin
Das menschliche Gehirn ist hervorragend darin, Abkürzungen zu finden. Es braucht eine Menge Energie, alle Informationen zu verarbeiten, die unsere Sinne sammeln, also besitzen monotone Daten eine geringere Priorität. Dinge, die wir oft sehen, rücken in den Hintergrund, damit wir neue Sachen bemerken können.

Hierbei erleben wir ein Phänomen, das sich "Geruchsblindheit" nennt. Wir hören auf, bekannte Gerüche wie unsere Haustiere, Parfüm, Zigaretten und sogar Körpergerüche wahrzunehmen. Doch andere Menschen nehmen sie war, was ziemlich peinlich werden kann.

Ich denke, dass so etwas erklärt, warum die Federal Reserve die Inflation nicht wahrnimmt, die andere bemerken. Ihre Daten sagen, dass Inflation kein Problem ist, also ignorieren sie alle Andeutungen darauf. Das können wir bei ihren politischen Entscheidungen beobachten. Es ist nicht nur die Fed; andere Zentralbanken, Analysten der Wall Street, Volkswirtschaftler und Politiker haben dasselbe Problem.

Nett wäre es, wenn wir diese Leuten über ihren - nun - unattraktiven Zustand informieren. Sie werden vielleicht nicht gut reagieren, doch zumindest haben wir es versucht. Das ist es also, was ich heute tun werde. Ich werde zeigen - ungeachtet der fehlenden Sorge der Fed - dass Inflation ein ernsthaftes Problem für viele Amerikaner ist.

Zusätzlich zu den Offiziellen der Federal Reserve betrachten die meisten Volkswirtschafter ein weiteres Set von Inflationsdaten und argumentieren, dass die Inflation zu niedrig sei. Aus ihrer Perspektive betrachtet, haben sie Recht. Doch das bedeutet nicht, dass Sie und ich die Inflation in dem erleben, was wir kaufen.

Des Weiteren hat sich die Art und Weise, wie wir Inflation messen, über die Jahre hinweg viele Male verändert. Es mag Zeit sein, eine weitere Anpassung unserer Inflationsmaßstäbe vorzunehmen, um die wirtschaftliche Realität des durchschnittlichen Amerikaners besser widerspiegeln zu können.


Hedonistische Fantasien

Heute spreche ich über die Preisinflation, d.h. die sich verändernden Preise von Waren und Dienstleistungen, die wir alle kaufen müssen.

Der Preis ist, wie wir alle wissen, der Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage. Preise verändern sich, wenn sich eine der beiden Kurven bewegt; was sie aus vielerlei Gründen tun. Geldpolitik ist ein wichtiger Grund, doch nicht der einzige. Verbraucher und Produzenten besitzen viele Einschränkungen, wie Gehalt und Gehaltswachstum, verfügbares Einkommen auf der einen Seite und die Kosten von Waren und die tatsächliche Nachfrage nach Produkten auf der anderen Seite. In der Mitte finden sie ein Gleichgewicht und dort wird der Preis festgelegt.

Das ist die wirtschaftliche Theorie. In der Praxis ist es deutlich chaotischer, da wir eine derart überwältigende Auswahl an Waren, Dienstleistungen, Leuten und Orten besitzen. Nicht jeder Markt ist ähnlich effizient. Dabei gibt es ein Problem: Wie leitet man diese Komplexität zu eine bedeutungsvolle Zahl ab?

Zahlenjongleure erzählen uns in aller Ernsthaftigkeit Dinge wie, "die Lebenshaltungskosten in den USA stiegen letztes Jahr um 2,1%." Ernsthaft? Gerundet auf eine ernsthafte numerische Dezimalstelle? Bei so etwas ungenauem und komplexem wie Inflation? Nun, sie betrachten die gesamte nationale Inflationsrate und diese ist außergewöhnlich komplex. Sie tun ihr Bestes.

Doch die Inflation, die Sie und ich erleben? Die kennen sie nicht. Sie können sie gar nicht kennen, zumindest nicht mit ultimativer Genauigkeit. Denn die Lebenshaltungskosten sind individuell. Jeder gibt sein Geld für andere Dinge aus und die Dinge, die man erwirbt, unterscheiden sich aus vielerlei Gründen in ihrem Preis.

Das hält den Zahlenjongleur jedoch nicht von dem Versuch ab, diese Inflationsrate zu bestimmen und das ist nicht vollkommen sein eigenes Eigenverschulden. Solche Leute arbeiten für politische Entscheidungsträger, die Informationen verlangen. Ob es letztlich akkurate Informationen sind, ist weniger wichtig als einfach etwas zu haben, auf das diese Entscheidungsträger vertrauen können.

Einer der wichtigsten Volkswirtschaftler des letzten Jahrhunderts war Kenneth Arrow. Während des Zweiten Weltkrieges war er damit beauftragt, das Wetter am D-Day zu prognostizieren, an dem die Alliierten eine Strandlandung in Frankreich versuchen würden. Das Wetter war wichtig.

Arrow erklärte seinem kommandierenden General, dass es eine außergewöhnliche Unsicherheit bezüglich seiner Prognose gäbe. Der General entgegnete: "Das wissen wir. Aber wir brauchen eine Zahl, mit der wir arbeiten können. Und Sie haben uns diese Zahl geliefert." Regierungsstatistiker sind ebenfalls für Millionen von Leben verantwortlich - auch wenn sie vielleicht nicht denselben Druck spüren - da so viel persönliches Einkommen mit dieser Inflationszahl verbunden ist.

Beachten Sie zudem, dass politische Entscheidungsträger Präferenzen bezüglich dieser Zahl haben. Viele Regierungsprogramme besitzen Inflationsanpassungen. Höhere Inflation zwingt Politiker dazu, schwere Entscheidungen über Steuern, Ausgaben und Kredite zu fällen. Dieselben Politiker engagieren und bezahlen Leute, die diese Inflationszahlen aufstellen. Das ist es, was wir in der Investmentwelt als einen "offenlegbaren Interessenskonflikt" bezeichnen würden.

Trotzdem glaube ich, dass die Analysten versuchen, fair und wissenschaftlich zu bleiben. Sie müssen innerhalb von Grenzen arbeiten, die nicht immer Sinn machen. So kommen wir zu verrückten Dingen, wie einer "hedonistischen Anpassung." Damit modifizieren sie Preisveränderungen, wenn das Produkt, das man heute erworben hat, eine höhere Qualität besitzt, als das, was man in der Vergangenheit gemessen hat.


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