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Rettet die 1- und 2-Eurocent-Münzen

23.02.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Das Vorhaben, das Euro-Kleingeld aus dem Verkehr zu ziehen, wäre ein weiterer Schritt in Richtung bargeldlose Gesellschaft - und würde bürgerliche und unternehmerische Freiheiten zerstören.

Die Kommission der Europäischen Union (EU) in Brüssel will die 1- und 2-Eurocent-Münzen abschaffen. Sie sagt, diese Münzen seien verzichtbar, und Einzelhändlern und Konsumenten würden auf diese Weise unnötige Kosten erspart. Doch sind das die wirklichen Gründe? Die Bürger sind gut beraten, den Vorstoß der EU-Kommission kritisch und mit großem Misstrauen zu sehen - vor allem weil die Bestrebungen, das Bargeld in kleinen Schritten abzuschaffen, in vollem Gange sind.

Zunächst muss man wissen, dass gemäß EU-Verordnung (Nr. 1210/2020) die Banken seit 1. Januar 2015 verpflichtet sind, Münzen auf Echtheit und Beschädigungen zu prüfen. Damit hat die Europäische Zentralbank (EZB) eine Aufgabe, die eigentlich sie als Euro-Geldmonopolist erfüllen müsste, auf die Geldhäuser abgewälzt. Die Banken kommt das teuer zu stehen, und sie wälzen ihrerseits die Kosten der Münzhandhabung auf ihre Kunden weiter. Wer Münzgeld auf sein Konto einzahlen will, muss daher häufig Gebühren bezahlen. Dass da vor allem der Handel seine Freude am Münzbargeld verliert, ist verständlich.

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Die Bargeldgegner reiben sich die Hände. Zumal sie es ja bereits geschafft haben, dass die 500-Euro-Banknote aus dem Verkehr gezogen wird. Seit Ende 2018 werden keine neuen Scheine mehr ausgegeben, und die 500-Euro-Scheine, die an die Zentralbank zurückfließen, werden nicht mehr ersetzt. Damit ist der 500-Euro-Schein stigmatisiert: Wer will ihn noch halten, wenn er im Verdacht steht, für Geldwäsche und Terrorfinanzierung eingesetzt zu werden? Muss man nicht fürchten, dass er auch noch verboten wird?

Ohne 500-Euro-Schein verteuert sich die Bargeldhaltung: Um einen bestimmten Betrag vorzuhalten, muss man viel mehr kleine Scheine vorhalten, transportieren und zählen.

Die nun geplante Abschaffung der 1- und 2-Eurocent-Münzen ist nicht ohne. Sie sabotiert das Dezimalsystem des Münzwesens: Der Euro ist definiert als 100 Euro-Cent, und die kleinste Währungseinheit dabei ist die 1-Eurocent-Münze.

Nun könnte man vielleicht geneigt sein zu sagen: Auf die Minimünzen kann man doch verzichten, dadurch wird niemand arm! Doch man sollte die Volksweisheit "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert" nicht leichtfertig abtun. Kleine Münzen stehen für die Wertschätzung auch kleiner Tätigkeiten, ermuntern, verantwortungsvoll und gewissenhaft mit dem Geld umzugehen und auf diese Weise zum finanziellen Erfolg gelangen zu können. Kleingeld hat also etwas mit aufgeklärter und ausgereifter Geldkultur zu tun.

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Fallen die kleinen Münzeinheiten weg, wird auch im Bewusstsein der Menschen die "Historie der Kaufkraft des Geldes" ausgelöscht. Die chronische Inflation der Güterpreise, für die die EZB mit ihrer Geldpolitik sorgt, machen zusehends höhere Nominalwerte bei Münzen und Noten erforderlich. Mit dem Verschwinden der kleinen Münzeinheiten verwischt sich auch die Spur der inflationären Geldpolitik, und die Kritikmöglichkeit an der fortgesetzten Inflationspolitik wird geschwächt.

Und überhaupt: Nach Logik, die der Abschaffung von Kleingeld zugrunde liegt, müssten bald auch die 10- und 20-Eurocent-Münzen abgeschafft werden, dann die 50-Eurocent-Münze. Und so weiter. Und trifft die Kunden die "Rundungssteuer" - wenn aus Güterpreisen in Höhe von bisher 0,96 Euro, 0,97 Euro, 0,98 Euro und 0,99 Euro 1 Euro werden.

Ende 2017 liefen Münzen in Höhe von etwa 28 Mrd. Euro um; die 1-Eurocent-Münze hatte daran einen Anteil von 1,2 Prozent, die 2-Eurocent-Münze von 1,9 Prozent. Es geht bei den Euro-Minimünzen also um relativ geringe Beträge - gemessen an der Euro-Geldmenge von derzeit ungefähr 13.000 Mrd. Euro.

Selbst wenn man Produktions- und Handhabungskosten gegen die Minimünzen ins Feld führt, so wiegt doch für die Bürger etwas anderes viel schwerer: Die EZB hat das Monopol der Eurogeldproduktion. Sie und die politischen Kräfte, die auf sie einwirken, haben die in der Tat die Macht, das Bargeld abzuschaffen. Um das zu erreichen, führen sie einseitige und vielfach auch fadenscheinige Argumente an: Bargeld diene vor allem Geldwäschern, Terroristen und Drogendealern.

Das Bargeld ist jedoch für das produktive Wirtschaften vielfach unerlässlich, und es ist vor allem auch ein Schutz gegen allzu ungehemmte Übergriffe des Staates auf die Bürger. Ohne Bargeld fällt auch noch das letzte Bisschen, was von der finanziellen Privatsphäre noch übrig geblieben ist. In einer Welt ohne Bargeld können Konsumenten und Unternehmer nur noch elektronisch bezahlen. Sie sind dann vollkommen gläsern.

Der Staat kann fortan ganz ungeniert in die Konten seiner Untertanen blicken und vor allem auch immer höhere Steuern erheben - schließlich braucht der Staat nicht mehr zu fürchten, dass die Menschen aus dem elektronischen Geld und in das Bargeld flüchten, um seinem Drangsal zu entkommen.

Wer die Bargeldfrage nur an den Kosten der Geldverwendung festmacht, verspielt leichtfertig bürgerliche und unternehmerische Freiheiten, öffnet dem Staat die Tür zum Tyrannentum. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) berichtet, befürwortet eine Mehrheit der Fachpolitiker von CDU, SPD und Grünen im Bundestag die Abschaffung der 1- und 2-Eurocent-Münzen. Wenn das so ist, dann wäre es ein weiteres Beispiel dafür, dass die Volksvertreter in Berlin nicht im Sinne derjenigen Wähler entscheiden, die - man muss leider wohl sagen: naiver weise - immer noch hoffen, sie könnten durch ihre Wahl Freiheit und Wohlstand in Deutschland erhalten.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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