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Mit Bazooka zum Sozialismus

15.03.2020  |  Manfred Gburek
Aktuell gibt es in Sachen Geld viel zu hinterfragen - und erst recht zu beantworten. Zum Beispiel, wie und wann das Elend an den Aktienmärkten zu einem Ende kommen kann. Warum die Baisse zwischenzeitlich auch den Goldpreis erwischt hat. Was die eigentliche Wurzel des finanziellen Übels ist. Ob nach dem martialischen Auftritt des Duos Scholz/Altmaier vom vergangenen Freitag mehr steckt als nur ein Programm zur Wiederbelebung der Konjunktur.

Unter welchen Umständen eine globale Wirtschaftskrise einschließlich Deflation möglich ist. Was die EZB, ihr amerikanisches Vorbild Fed, die Zentralbanken Chinas und Japans ausrichten können. Und wie private Anleger ihren finanziellen Schaden so gering wie möglich halten.

Die Wucht, mit der es die Aktienkurse weltweit erwischt hat, ist in dieser Form einmalig. Angenommen, die überfällige Gegenbewegung kommt. Dann sind Anleger bis auf Weiteres gut beraten, die folgenden extremen Entwicklungen der Aktienindizes in Betracht zu ziehen: V-, W-, Doppel- oder Mehrfach-W, U- oder L-Formation. Und da wir gerade bei Charts sind: In dieser Gemengelage empfiehlt sich dringend die laufende Beobachtung der Volatilitäts-Indizes (abrufbar unter anderem bei Direktbanken), speziell des VDax für deutsche und des VIX für amerikanische Aktien.

Beide Indizes sind jetzt nahe ihrem Hoch angelangt, das nach Ausbruch der Finanzkrise 1008/09 zustande kam (damals kurzfristig über 80 Punkte), aber noch nicht darüber hinaus. Letzter Stand vom Freitagabend: VDax gut 74, VIX knapp 58 Punkte. Erst wenn sie nachhaltig sinken, ist erfahrungsgemäß mit einer Reaktion der Aktienkurse nach oben zu rechnen.

Dass auch der Goldpreis - einschließlich Silberpreis und Minenaktien - in die Tiefe gerissen wurde, lässt sich so erklären: Praktisch über Nacht entstand ein riesiger Liquiditätsbedarf, der kurzfristig befriedigt werden musste. Folglich kam es zu einer Verkaufswelle, von der neben Aktien und Aktienfonds auch der Edelmetallsektor betroffen wurde. So kam es vorübergehend sogar zu einer ausgeprägten, sonst eher unüblichen Korrelation von Aktien und Gold.

Will man zur Wurzel des finanziellen Übels vordringen, führt an der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Bank der Zentralbanken) kein Weg vorbei. Denn ihre Analysen fördern unter anderem zutage, dass erstens kaum kontrollierte private Kredite erschreckend zugenommen haben und zweitens vielfach Private Equity mit hoher Fremdfinanzierung dahinter steckt. Letzteres hat sich global breit gemacht, weil damit Renditen über dem zu erwirtschaften sind, was Anleihen üblicherweise abwerfen. Den Rest besorgen weitgehend unkontrollierte Hedgefonds.

Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier sind am vergangenen Freitag mit einem aus neuen Schulden bestehenden Programm zur Belebung der Konjunktur vorgeprescht, das es in sich hat. Scholz ("jetzt wird geklotzt") bezeichnet es in Anlehnung an eine bekannte Panzerwaffe als "Bazooka". Altmaier plädiert sogar für die Verstaatlichung bestimmter Unternehmen. Damit steht dem Sozialismus nichts mehr im Weg.

Was ist denn da los? Das: Der Begriff Bazooka war schon vor sieben Jahren im Zuge der expansiven Geldpolitik des damaligen EZB-Chefs Mario Draghi aufgetaucht. Diesem ging es seinerzeit darum, zu demonstrieren, dass die EZB volles Rohr mit Geld um sich schießen und alle Zweifler zur Räson bringen werde. So ist es dann auch gekommen – mit dem Ergebnis, dass die Feuerkraft der Bazooka bis heute zu einem Schüsschen verkommen ist.

Aber wie steht es um die Verstaatlichung von Unternehmen? Man braucht Altmaiers Plädoyer nur zu Ende zu denken, und schon offenbart sich die ganze Wahrheit: Wenn die EZB mit ihrer Geldpolitik und speziell mit den Null- bis Negativzinsen an monetäre Grenzen stößt, warum an ihrer Stelle nicht einfach die Fiskalpolitik forcieren und zusätzlich schwachen Unternehmen helfen, indem man sie verstaatlicht? Dabei gibt es natürlich einen Haken: Die EZB ist eine europäische Institution, der Bundeshaushalt eine deutsche. Doch Deutschland als Retter Europas, das wäre doch mal wieder was - und im Zeichen der Coronakrise sogar durchsetzbar.

Eine globale Wirtschaftskrise einschließlich Deflation, rückt sie näher? Ja. Was kann man gegen sie unternehmen? Man, das bedeutet vorrangig: Regierungen, speziell die unter dem EU-Dach versammelten, ferner Zentralbanken und globale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank. Also ein ganzes Konglomerat zur Rettung vor der nächsten Weltwirtschaftskrise. Wäre da nicht die böse Deflation, böse deshalb, weil sie bedeutet, dass Konsumenten und Investoren mit fallenden Preisen rechnen und deshalb die Anschaffung von Gütern jeder Art vor sich her schieben.

Doch jetzt tritt zunehmend eine Überlegung in den Vordergrund, die auch etwas mit dem Coronavirus zu tun hat: Die Unterbrechung von Lieferketten wirkt inflationär, also das Gegenteil von deflationär, weil das Angebot an Waren und Dienstleistungen zumindest vorübergehend sinkt. Derweil wird die Nachfrage zusätzlich angeheizt; dafür stehen symbolisch die vielen Hamsterkäufe. Und wenn das Geldangebot - nicht nur aufgrund der jetzt extrem expansiven deutschen Fiskalpolitik - weiter zunimmt, kann sich die bisherige Deflationsmentalität schon in kurzer Zeit zur Inflationsmentalität wenden.

Was können die führenden Zentralbanken der Welt ausrichten? Da gilt es zu unterscheiden: Während zum Beispiel die japanische mit ihrer expansiven Geldpolitik kaum noch etwas bewirken kann, stehen der amerikanischen weitere Möglichkeiten zur Verfügung. Die chinesische macht, was sie will; die EZB überlässt die Geldschöpfung auf Pump immer mehr den Politikern, die das Treiben der Zentralbanken zunehmend nicht nur ergänzen, sondern massiv übertrumpfen.

Wie halten private Anleger ihren finanziellen Schaden so gering wie möglich, wie können sie das Geschehen an den Börsen womöglich sogar zu ihrem Vorteil wenden? Hier ist eine Auswahl an Indikatoren und Informationen, die es zu verfolgen gilt: Aktienkurse, Edelmetallpreise, Zinsen, Fondsstatistiken, Daten zur Konjunktur (zum Beispiel Prognosen des ifo Instituts), Veröffentlichungen der Bundesbank, der EZB und anderer Zentralbanken, Maßnahmen der Regierungen und der globalen Organisationen (zum Beispiel Bank für Internationalen Zahlungsausgleich), Branchen- und Unternehmensberichte.

Wichtig sind darüber hinaus: das Streuen über mehrere Anlageklassen unter Vermeidung von Klumpenrisiken (oft bei Immobilien), das richtige Timing und die Einschätzung der Psychologie. Letztere schlägt uns immer wieder ein Schnippchen: Sind zum Beispiel die Aktienkurse und Edelmetallpreise oben, ergreift viele Menschen die Gier; sind sie unten - wie aktuell -, obsiegt die Angst. Das alles gilt unabhängig davon, ob man eine eigene Anlagestrategie verfolgt oder Berater heranzieht.

Und noch etwas Wichtiges: Sicherheit. Sie beginnt im Kopf und lässt sich bis zu einem gewissen Grad durch Streuung erreichen. Darüber hinaus sollte man sich - auch psychologisch wichtig - geradezu eintrichtern, dass die Sicherheit, vor allem an der Börse, gerade dann am größten ist, wenn alles in Schutt und Asche zu versinken droht.

Zum Schluss noch das zusammengefasste Ergebnis einer aktuellen Studie des Finanzdienstleisters Feri, einerseits ausgehend von einem kurzen Einbruch der Konjunktur (Wahrscheinlichkeit 55 Prozent), andererseits von einer tiefen Rezession (Wahrscheinlichkeit 45 Prozent). Im ersten Fall käme es zu einer scharfen Korrektur der Aktienkurse mit anschließender Stabilisierung. Gold bliebe attraktiv, aber ohne deutliche Avancen. Im zweiten Fall würde sich die Finanzkrise verschärfen und massive fiskalpolitische Stimuli einschließlich geldpolitischer Flankierung nach sich ziehen. Gold bliebe attraktiv mit weiteren deutlichen Avancen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu: Wirtschafts- und Börsen-Schocks


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