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Deflation - Stagflation - Rezflation - Inflation

22.03.2020  |  Manfred Gburek
Spätestens am vergangenen Freitag lüftete die Börse eines ihrer in letzter Zeit am meisten gehüteten Geheimnisse: Eurobonds, das heißt, Gemeinschaftsanleihen und damit die Vergemeinschaftung von Staatsschulden in der Eurozone - überwiegend zulasten Deutschlands. Das ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Im Zuge dieser Entwicklung werden Politiker, Brüsseler Bürokraten, Zentralbanker und "wissenschaftliche" Volkswirte keine Erklärung aussparen, um ihre folgenschwere Entscheidung für Eurobonds zu rechtfertigten.

Wie unübersichtlich und furchterregend der Anleihenmarkt inzwischen geworden ist, zeigen die Renditen der Bundesanleihen: Obwohl sie in Anbetracht der ultralockeren Geldpolitik der EZB fallen müssten, steigen sie. Die Ursache ist schnell gefunden: Großanleger schreien nach Liquidität, sodass vor allem solche Anleihen verkauft werden, die sich problemlos zu akzeptablen Kursen verkaufen lassen. Dagegen bleiben Anleihen schwacher Länder und erst recht die meisten Unternehmensanleihen auf der Strecke. Das alles strahlt auch negativ auf die Aktienkurse aus, die sich noch nicht so recht von ihrem Crash erholen wollen.

Jeder Crash funktioniert nach spezifischen Gesetzmäßigkeiten, die sich nur in bestimmten Punkten wiederholen, zum Beispiel: Angst bei tiefen, Gier bei hohen Kursen. Oder: V-Formation der Dax-Kurve im Zuge einer nur technischen Reaktion (wie im vierten Quartal 2008), U-Formation (noch schlimmer: L-Formation), wie alternativ nach der aktuellen Kurserholung zu erwarten. Der jetzige Crash ist das Ergebnis aus elf Jahren Superhausse, Null- bis Negativzinsen, leichtsinniger Finanzierung und Coronapandemie. Dementsprechend heftig sind die Aktienkurse eingebrochen. Ihre Erholung wird zunächst stattfinden, jedoch nicht von Dauer sein.

Die Volatilität der Aktienkurse, also ihre Schwankungsintensität, kann als Börsenindikator nicht stark genug hervorgehoben werden; deshalb wird hier nochmals auf sie hingewiesen. Ihre Gesetzmäßigkeit ergibt sich daraus, dass sie kräftig steigt, wenn die Aktienkurse nicht minder kräftig fallen, und umgekehrt. Die entsprechenden Kurven (zum Beispiel VDax- und VIX) werden von Brokern laufend veröffentlicht. Beide haben ihren Rekord aus der Finanzkrise von 2008/09 (damals rund 80 Punkte) in der vergangenen Woche sogar noch um einige Punkte übersprungen - ein klares, zumindest kurzfristiges Kaufsignal für deutsche und amerikanische Aktien.

Dass die globale Baisse zunächst auch die Preise von Gold und Silber sowie besonders die Kurse der Minenaktien nach unten gezogen hat, ist vor allem auf die allseitige Jagt nach Liquidität zurückzuführen, in diesem Fall verstärkt durch den zeitweise vom physischen Edelmetallhandel abgekoppelten Terminmarkt.

Kann die Erholung der Aktienkurse auf Dauer gut gehen, kann Geld allein Wunder bewirken, deren es de facto bedarf, um eine Finanz- und Wirtschaftskrise größten Ausmaßes zu bewältigen? Beim Versuch, diese Frage zu beantworten, stoßen wir auf zwei bislang überwiegend hinter verschlossenen Türen diskutierte Phänomene: die unzureichende Koordination bei der Bekämpfung des Coronavirus und die verpuffenden Effekte der Geldspritzen. Beide Phänomene sind miteinander verbunden; das erschwert ihre Bewältigung.

Dazu braucht man sich nur vorzustellen, dass eine Kaskade von Kreuz-und-Quer-Entscheidungen erforderlich ist, damit es nicht weiter zum exponentiellen Anstieg der Krankheits- und Todesfälle kommt - Entscheidungen von Bürgermeistern, Landräten, Landes- und Bundespolitikern, Brüsseler Bürokraten, internationalen Organisationen und so weiter.

Was die Geldspritzen betrifft, ist zu unterscheiden: Während etwa die Vereinigten Staten, wo es keine Grundabsicherung wie in Deutschland gibt, sogenanntes Helikoptergeld an die Bevölkerung verteilen wollen, wird in Europa noch über den Einsatz der aktuellen Euro-Billion diskutiert, die aus bereits angewiesenem Geld und den zusätzlichen, von der EZB in der vergangenen Woche freigegebenen 750 Milliarden Euro stammt.

Eine Frage, die sich immer drängender stellt: Wie gelangt das viele aus dem Nichts geschöpfte Geld von der EZB
  • zu den Unternehmen, also zu Konzernen, Mittelständlern wie beispielsweise Handwerksbetrieben oder zu Ladenbesitzern,

  • zu Vermietern und sonstigen Immobilieneigentümern, zumal solchen, deren Finanzierung krisenbedingt zu wackeln beginnt,

  • zu Angestellten, die um ihren Job fürchten müssen, weil die Aufträge des Arbeitgebers eingebrochen sind?

Politiker sind passende Antworten noch weitgehend schuldig - aus zwei Gründen, einem verständlichen und einem, der ein denkbar schlechtes Licht auf das finanzielle Know-how der meisten Minister und Abgeordneten wirft: Zum einen konzentriert sich die öffentliche Debatte vor allem auf medizinische Themen (allerdings rücken die finanziellen zunehmend in den Vordergrund). Zum anderen erfordert der Weg des Geldes zu denen, die es jetzt dringend brauchen, vonseiten der Politiker ein spezifisches Management. Mit dem bloßen Hinweis auf Kfw-Hilfen oder die üblichen Beruhigungspillen ist es wahrlich nicht getan.

Das globale Szenario ist kaum dazu angetan, Unternehmen zu größeren Investitionen und Verbraucher zu Anschaffungen über den laufenden Bedarf hinaus zu bewegen - ein typischer Fall von Deflation. Zu Ende gedacht, dürfte sie in die Stagflation übergehen (Stagnation der Wirtschaft einschließlich sich anbahnender Inflation), im schlimmsten Fall sogar Rezflation (Rezession zuzüglich steigender Inflation), schließlich starke Inflation, während der vor allem Sachwerte aller Art gefragt sein werden.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu: Es regnet Helikoptergeld


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