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Europa wegen Krisenerfahrungen neu denken und gestalten!

02.04.2020  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,0938 (06:45 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,0902 im US-Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 107,46. In der Folge notiert EUR-JPY bei 117,56. EUR-CHF oszilliert bei 1,0587.

Es spielt für die nachfolgende Betrachtung keine Rolle, wer die Corona-Krise auslöste oder welches Land, welche Person oder welche Fledermaus ultimativ Verantwortung trägt. Es geht hier auch nicht um die Frage, ob die Pandemie die unterstellte Gefahr ist, als die sie dargestellt wird. Es geht um die Erkenntnisse aus der Krise und die sich aufdrängenden Konsequenzen für die EU/Eurozone.

Eine Lehre aus der Krise ist, dass derartige Krisen keine Grenzen von Nationalstaaten kennen. Allein dieser Aspekt enthält einen Zwang, international zu kooperieren. Gemeinsamkeit in der Abstimmung der Maßnahmen macht ebenso wie das Teilen des Wissens (F&E) und mögliche Hilfestellung stark. Vor diesem Hintergrund ist die Kritik an Moskau oder Peking wegen der humanitären Hilfsmaßnahmen zynisch und grotesk. Es ist eine Kritik, die jeden Humanismus und humanistischen Gemeinsinn vermissen lässt. Es ist eine Kritik hinter der kalte Machtgelüste stehen. Soweit zum übergeordneten Bild.

Entscheidend ist die Handlungsfähigkeit eines politischen Raumes. Dabei spielt der ordnungspolitische Rahmen eine signifikante Rolle. Die Tatsache, dass die EU mit knapp 500 Mio. (ex-UK) von 7,7 Mrd. Bürgern der Welt circa 50% der nachgewiesenen Corona-Fälle aufweist, ist Ausdruck von Ineffizienz des ordnungspolitischen Rahmens. So weist China mit 1,4 Mrd. Bürgern nur eine Quote von knapp 9% als unterstellter Ausgangspunkt der Pandemie aus.

Diese Bewertung der Krise macht klar, dass der lockere Verbund der EU und der etwas engere Verbund der Eurozone keine perfekten politischen Räume nach innen und außen sind. Wirtschafts- und Währungsunionen agieren politisch nicht homogen, weil sie nicht die Charakteristika einer politischen Union aufweisen. Sie verlieren damit im internationalen Kontext an Wahrnehmung und das bedeutet einen Verlust politischer Potenz, die eigene Agenda durchsetzen zu können. Kann das den Menschen in der EU/Eurozone helfen auf ihrem Weg des "pursuit of happiness"?

Die Debatte, die jetzt wegen der Hilfsmaßnahmen geführt wird, führt leider nicht zu den Erkenntnissen, die notwendig wären. Erneut fokussieren sich die nationalen Eliten auf nationalstaatliche Interessen und nicht auf die Weiterentwicklung Europas (Ausnahme Paris) und den darin innewohnenden Chancen der Optimierung des politischen Raumes für alle Bürger der Eurozone (Eurozone präferierter politischer Raum wegen politkultureller Divergenzen u.a. zu Ungarn und Polen).

Hier ist ein Exkurs fällig. Der Erfolg gemeinsamer Politik lässt sich an den Arbeitsmarktdaten der Eurozone per Februar 2020 ablesen. Es wurde das Allzeittief bei 7,3% aus dem Boomjahr 2007 markiert. Ab März wird sich das zum Negativen wegen der exogenen Bedrohung durch die Corona-Krise verändern (kein endogenes Problem).

Die Meinungsführer Deutschlands haben ein derartig positives Szenario in der Schuldenkrise als unmöglich gebrandmarkt. Wie laut forderten seinerzeit Wirtschaftsexperten die Zerlegung der Eurozone. Wo stünden wir wohl dann in Europa? Es gab übrigens einige wenige Experten, die diesen Kreisen laut widersprachen und die erlebten Erfolge prognostizierten …

Kommen wir zu der aktuellen Auseinandersetzung: Im Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie plädiert Bundesfinanzminister Scholz laut Medienbericht für europäische Hilfsmaßnahmen von mindestens 200 Mrd. Euro. Davon sollten rund 100 Mrd. Euro für Kredite an Staaten durch den ESM genutzt werden. Scholz will, dass die EIB circa 50 Mrd. Euro einsetzt. Hinzu kämen 50 bis 100 Mrd. Euro für eine neue EU-Arbeitslosenrückversicherung zur Finanzierung der Kurzarbeit.

So weit, so gut! Das ist ein gangbarer Weg. Es ist ein gangbarer Weg, wenn man die Eurozone in der aktuellen Lähmung zementieren will. Es ist ein gangbarer Weg, wenn man weiter die Reformansätze aus Paris sportlich ignorieren will.

Es ist kein Weg, wenn man sich bewusst ist, dass die Welt sich dynamisch verändert und das ideologisch geprägte Festhalten an der Vergangenheit und damit Stillstand noch nie bei dynamischen Veränderungen des Umfelds zukunftstauglich war.

In der EU wird über den besten Weg gestritten, finanziell schwächeren Staaten zu stützen. Rom und Madrid fordern die Herausgabe von Gemeinschaftsanleihen - sogenannte Corona-Bonds. Deutschland lehnt das ab.

Diese Krise bietet die Chance, unter Offenlegung der Schwächen Europa neu zu denken und zu gestalten. Der größte Profiteur der europäischen Veranstaltung, Deutschland, scheint mehr an der Verwaltung der Vergangenheit als an der Gestaltung der Zukunft interessiert zu sein. Schade, denn das kostet Zukunft …


Aktuelle Lage zur Ausbreitung:

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Quelle: https://gisanddata.maps.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6

Coronavirus global: Die Zahl der nachgewiesenen Infizierten legte um 77.771 auf 937.567 zu. Die Zahl der Genesungen stieg um 16.010 auf 194.311, während die Zahl der Todesfälle um 4.915 auf 47.256 zunahm. Damit liegt die Zahl der akuten nachgewiesenen Fälle bei 696.000 (Vortag 639.154).

In Europa nahm die Zahl der Infizierten um 37.027 auf 489.010 (Vortag 451.983) zu. Die Zahl der Genesungen legte um 12.104 auf 79.028 (Vortag 66.924) zu, während die Zahl der Todesfälle um 3.373 auf 33.629 (Vortag 30.256) stieg. Ergo liegt die Zahl der akuten Fälle bei 376.353 (Vortag 354.803).

In den USA hat sich die Zahl der Infizierten um 27.103 auf 216.721 (Vortag 189.618) erhöht. Die Zahl der Todesfälle liegt bei 5.138 (Vortag 4.079). Insgesamt sind 8.672 (Vortag 7.109) Infizierte geheilt. Die Anzahl der aktuellen Fälle stellt sich auf 202.911 (Vortag 178.430).

In Hubei/Wuhan liegt die Zahl der Infizierten unverändert bei 67.802. Die Zahl der Genesungen stellt sich auf 63.326 (Vortag 63.153). Es kam zu sechs weiteren Todesfällen (aktuell 3.193). Damit gibt es 1.283 akute Fälle (Vortag 1.461).

In Gesamtchina liegt die Zahl der Infizierten bei 82.394 (Vortag 82.294), es kam zu 220 weiteren Genesungen (aktuell 76.426) und es sind 3.316 (Vortag 3.310) Todesfälle zu beklagen. Ergo liegt die Zahl der aktuell Infizierten bei 2.652 (Vortag 2.778).


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

Eurozone: Arbeitslosenrate erreicht Allzeittief, aber das wars!

Der finale Wert des Markit Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe stellte sich per März auf 44,5 (Prognose 44,7) nach zuvor 44,8 Punkten. Die Arbeitslosenrate der Eurozone markierte per Februar mit 7,3% das Allzeittief aus dem Jahr 2007 (Prognose 7,4%, zuvor 7,4%). Mit den Folgen der Corona-Krise ändert sich das Bild temporär zum Negativen.


USA: Noch vieles besser als erwartet!

Der Refinanzierungsboom im Hypothekensektor geht in den USA dank der massiv gesunkenen Kapitalmarktzinsen weiter. In der letzten Berichtswoche per 27. März legte der Index von 3.809,3 auf 4.781,1 Punkte zu. Damit wird diskretionäre Kaufkraft der privaten Haushalte freigesetzt. Das ist positiv! Laut dem Beschäftigungsbericht von ADP gingen per März 27.000 Jobs in der Privatwirtschaft verloren. Die Prognose lag bei -150.000. der Bericht basiert auf den Daten bis zum 12. März. Ergo werden die Folgemonate ernüchternder.

Der finale Wert des Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe sank per März von zuvor 49,2 auf 48,5 Zähler. Der bedeutendere ISM-Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe fiel per März von 50,1 auf 49,1 Zähler (Prognose 45,0). US-Bauausgaben gingen per Februar im Monatsvergleich um 1,3% zurück (Prognose +0,5%). Der Vormonatswert wurde von +1,8% auf +2,8% revidiert.


Russland: 2019 war überzeugend, Fragezeichen um 2020

Das BIP legte per 4. Quartal im Jahresvergleich um 2,1% (Prognose 2,1%) laut vorläufiger Berechnung zu.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den EUR gegenüber dem USD favorisiert. Ein Unterschreiten des Unterstützungsniveaus bei 1.0750 - 1.0780 neutralisiert den positiven Bias des Euros.

Bleiben Sie gesund & viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Solvecon Invest GmbH



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