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Panik und jetzt?

27.04.2020  |  Robert Rethfeld
Die Aktienmärkte erholen sich seit dem 23. März. Zuvor erlitt der Dow Jones Index einen historischen, sechswöchigen Einbruch um 37,1 Prozent, der in seiner Größenordnung und Schnelligkeit lediglich mit den Crashes von 1929 und 1987 vergleichbar war. Mittlerweile beträgt das Minus nur noch 19,5 Prozent.

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In den Jahren 1929 und 1987 blieben derartig starke Erholungen aus.

Genauso, wie die Aktienmärkte einen großen Einbruch der Wirtschaft antiziert haben, scheinen sie jetzt davon auszugehen, dass die katastrophalen Modellierungen der Wirtschaftsinstitute falsch sind. Neue Hochs in Bitcoin zeigen ein mit Liquidität aufgepäppeltes Finanzmarktumfeld an. Wenn man sieht, wie positiv die Halbleiterwerte oder die großen Tech-Werte agieren, gerät der Glaube an eine Bärenmarktrallye ins Wanken.

Goldminenaktien waren häufig Frühindikatoren für einen Aufschwung gewesen, sie steigen auf neue Verlaufshochs. Kupfer - ebenfalls ein Frühindikator - markiert ein höheres Tief und denkt gar nicht daran, es dem Ölpreis nachzumachen.

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Was preisen die Märkte ein? Offenbar sehen sie eine relativ schnelle Erholung der Wirtschaft, möglicherweise ausgehend von China, sich verbreitend über Südkorea, Europa und schließlich den USA. Die Corona-Krise und die damit zusammenhängenden Lockdowns stellen eine schwerwiegende Störung dar (37,1 Prozent Einbruch des Dow Jones Index), aber sie wird offenbar als beherrschbar angesehen. Es wird damit gerechnet, dass die Einkaufsmanagerindizes im März und im April ihre Tiefpunkte erreicht haben. Auch wird das Auftreten einer heftigen zweiten Corona-Welle nicht erwartet.


This time is different

Der Fortschritt der Menschheit im Kampf gegen Infektionskrankheiten über die vergangenen einhundert Jahre ist immens. Etwa die Hälfte alle Todesfälle in den USA waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Infektionskrankheiten (hauptsächlich Tuberkulose, Grippe, Lungenentzündung, Diphtherie) zurückzuführen (folgender Chart).

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Die Spitze vor dem Jahr 1920 ist das Resultat der Pandemie von 1918 ("Spanische Grippe“). Eine Pandemie von der Art SARS-Cov-2, mit der wir uns heute herumplagen, wäre vor hundert Jahren ein tragisches, aber erwartbares Ereignis gewesen. Es hätte sich in die Liste der tödlichen Pandemien eingereiht und wäre von der Politik und den Bürgern hingenommen worden, wenn auch nicht klaglos. Schicksal eben.

Nicht so heute, die Welt hat sich verändert. Infektionskrankheiten gehören nicht mehr zu unserem Risikospektrum. Zuletzt stand in Europa und den USA mit AIDS eine Infektionskrankheit in den 1980er Jahren im Mittelpunkt des Bewusstseins. Sie beschäftigte uns jahrelang, jagte Furcht rund um die Welt und schrieb Geschichten für die Ewigkeit wie diejenige von Freddie Mercury. Dennoch verursachte die AIDS-Sterberate in den USA und Europa nur einen geringfügigen statistischen Buckel.


Toleranzgrenzen verändern sich

Im Jahr 1906 kamen 51 Personen im Straßenverkehr des damaligen deutschen Reichsgebiets um, 1936 waren es bereits 8.388. Im Jahr 1970 wurden 21.322 Verkehrstote gezählt. Heute sterben in Deutschland pro Jahr lediglich 3.000 Personen bei einem deutlich höheren Fahrzeugbestand.

Im Straßenverkehr zu sterben, ist im Vergleich zum Jahr 1970 deutlich unwahrscheinlicher geworden. Aber wir empfinden dies anders, unsere Toleranzgrenze ist ebenfalls gesunken. Dies gilt auch für andere Bereiche des Lebens, wie beispielsweise das Risiko, an Hunger zu sterben. Selbst in Pandemiezeiten herrscht - bis auf Kleinigkeiten - eine Vollversorgung für Güter des täglichen Bedarfs. Auch blieben umfangreiche Stromausfälle aus. Handys, Internet und Zoom funktionierten ohne Geschwindigkeitseinbußen.

Die Gesellschaft möchte keine vermehrten Todesfälle, sie möchte nicht zurück in die Steinzeit. Genauso, wie sie frühere Sterberaten im Autoverkehr nicht mehr toleriert, ruft das Risiko einer erhöhten Sterblichkeit im Rahmen einer Pandemie weltweit massive Abwehrreaktionen hervor.



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