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Warum das Bargeld verteidigt werden muss

21.06.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Die Kräfte, die das Bargeld abschaffen wollen, nutzen ungeniert die Gelegenheit, die ihnen die Coronakrise bietet.

Jetzt, da viele Menschen verunsichert und verängstigt sind, sich in einer Art kollektiven Hysterie befinden, fragen sie: Wenn Münzen und Scheine tagtäglich von Hand zu Hand gereicht werden, befördert das nicht die Virusausbreitung? Wäre es nicht sinnvoll, das Bargeld aus dem Verkehr zu ziehen, oder besser noch, ganz abzuschaffen?

Doch leider: Die Infektologen spielen nicht mit. Sie geben vielmehr Entwarnung. Krankheitserreger wie das Coronavirus werden über winzige Tröpfchen verbreitet, die durch Husten oder Niesen entstehen. Vom Verwenden von Münzen und Scheinen beim Bezahlvorgang geht dabei kein besonderes Ansteckungsrisiko aus. Gewissheit gibt es hier natürlich zwar nicht. Aber die Praxis zeigt unmissverständlich: Bargeld überträgt das Coronavirus ganz offensichtlich nicht, sonst wären die Fallzahlen viel höher.


«Es gibt Pläne der Kommission der Europäischen Union, die 1- und 2-Eurocent-Münzen abzuschaffen»

Das aber entmutigt die Bargeldfeinde nicht. Schliesslich setzen sie auf die Strategie der vielen kleinen Nadelstiche, mit denen den Menschen das Bargeld madig gemacht werden soll. Sie behaupten zum Beispiel, mit Bargeld werden Drogengeschäfte und Terrorismus bezahlt.

Oder sie stigmatisieren große Banknoten - so geschehen im Euroraum: Hier hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Entscheidung getroffen, den 500-Euroschein aus dem Verkehr zu ziehen. Seit Ende 2018 wird er nicht mehr in Umlauf gebracht, und kehrt er im regulären Zahlungsverkehr zur EZB zurück, wird er nicht wieder herausgegeben.

Es gibt zudem Pläne der Kommission der Europäischen Union (EU), die 1- und 2-Eurocent-Münzen abzuschaffen. In Brüssel sagt man, diese Münzen seien verzichtbar, und die Abschaffung der Euro-Kleinmünzen würde Einzelhändlern und Konsumenten unnötige Kosten ersparen. Doch halt: Nach der Logik, die der Abschaffung des Euro-Kleingeldes zugrunde liegt, müssten nach und nach auch alle anderen Euro-Münzen abgeschafft werden - denn die EZB sorgt schliesslich für Preisinflation, und dadurch wird alles teurer, und die Verwendung von Euro-Münzen wird natürlich «aufwändiger».


«Die Volksweisheit ‹Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert› wird mit den Füssen getreten»

Das ist noch nicht alles: Fallen die kleinen Münzeinheiten weg, wird auch im Bewusstsein der Menschen die "Historie der Kaufkraft des Geldes" ausgelöscht. Die chronische Inflation der Güterpreise, für die die EZB mit ihrer Geldpolitik sorgt, machen zusehends höhere Nominalwerte bei Münzen und Noten erforderlich. Mit dem Verschwinden der kleinen Münzeinheiten verwischt sich daher auch die inflationäre Spur der inflationären Geldpolitik, und die Kritikmöglichkeit an der fortgesetzten Inflationspolitik wird geschwächt.

Zu bedenken ist auch: Die Volksweisheit «Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert» wird mit den Füssen getreten. Kleine Münzen stehen symbolisch für die Wertschätzung kleiner Tätigkeiten und Geschäfte, und sie ermuntern jeden Menschen, verantwortungsvoll und gewissenhaft mit dem Geld umzugehen und auf diese Weise zum finanziellen Erfolg zu gelangen. Kleingeld hat so gesehen etwas mit aufgeklärter und ausgereifter Geldkultur zu tun.


«Es gibt zwei zentrale Gründe, warum das Bargeld abgeschafft werden soll»

Natürlich haben Banken, Kreditkartenfirmen und Anbieter von elektronischen Zahlungsdienstleistungen ein vitales Interesse daran, dass weniger mit Bargeld gezahlt wird. Sie wirken entsprechend auf Politiker durch gezielte Lobbyarbeit ein. Aber sie sind nicht entscheidend, warum man von Regierungsseite dem Bargeld zu Leibe rücken will. Es gibt vielmehr zwei zentrale Gründe, warum das Bargeld abgeschafft werden soll.

Der erste Grund ist die aus dem Ruder laufende weltweite Überschuldung. Um die Verbindlichkeiten von Staaten und Banken zu verringern, sollen die Zentralbanken eine dauerhafte negative Zinslandschaft erzeugen. Staaten können sich dann durch Aufnahme von Krediten mit Minuszinsen entschulden, Banken ihre Verbindlichkeiten gegenüber Kunden abbauen. Doch solange es das Bargeld gibt, sind der Negativzinspolitik Grenzen gezogen: Die Kunden entziehen sich dem Minuszins, indem sie sich ihre Einlagen in bar auszahlen lassen. Deshalb soll das Bargeld verschwinden.


«Ist das Bargeld fort, braucht der Staat keinerlei Zurückhaltung mehr zu üben»

Der zweite Grund ist, dass Bargeld dem Weg in den Überwachungsstaat entgegensteht; und der Staat (wie wir ihn heute kennen) will alles wissen und steuern und wird nicht eher ruhen, bis er sein Ziel erreicht hat. Und wenn erst einmal das Bargeld abgeschafft ist, dann sind die Menschen vollends gläsern, ist auch die finanzielle Privatsphäre der Menschen perdü. Dann gibt es keine Möglichkeit mehr, der Zudringlichkeit des Staates zu entkommen. Ist das Bargeld fort, braucht der Staat keinerlei Zurückhaltung mehr zu üben gegenüber seinen Untertanen, er wird allmächtig.

Die Übelstände, die man mit einer Bargeldabschaffung aus der Welt zu vertreiben vorgibt, werden absehbar andere, noch viel größere Übelstände heraufbeschwören. Der Versuch, im Windschatten der aktuellen Coronavirus-Pandemie den Kampf gegen das Bargeld weiterzutreiben, zeigt, wie ernst es den Bargeldfeinden ist - und wie entschieden der Widerstand derjenigen ausfallen muss, die das, was von der Freiheit der Bürger und Unternehmer noch übrig ist, bewahren beziehungsweise wiedergewinnen wollen: Das Bargeld muss verteidigt werden und erhalten bleiben.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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