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Die gewünschte Inflation

21.06.2020  |  Manfred Gburek
Es ist faszinierend, zu beobachten, was Politiker und Zentralbanker sich ausdenken, um die globale Aufblähung der Schulden zu rechtfertigen. Dazu nur diese drei aktuellen Beispiele: Covid-19-Response-Bonds, als "European Green Deal" verpackte Anleihen und Junk Bonds, in Deutschland auch bekannt als Schrott- oder Zombie-Anleihen. Allen drei Schuldenvarianten haftet so etwas wie Gutmenschentum an. Allein schon das reicht aus, um Kritiker verstummen zu lassen.

Nebenbei bemerkt: Die Investoren rissen den Emittenten die neuen Kreationen, symbolisch gesprochen, geradezu aus den Händen - ein abgekartetes Spiel zulasten der kommenden Generation. Aber nicht etwa, weil unsere Nachkommen eines Tages für alle Schulden über deren Rückzahlung aufkommen müssten, sondern über einen anderen Weg: Weil Regierungen und Zentralbanken sich längst für eine alternative, über Jahrhunderte "bewährte" Methode entschieden haben: Inflation. Das heißt: Rückzahlung der Schulden nicht mit realem, sondern mit nominalem, sprich entwertetem Geld.

Nun fragen Sie sich wahrscheinlich, was diese Aussage soll, da doch bei der zuletzt mit 0,1 Prozent gemeldeten Inflationsrate in der Eurozone eher von Deflation die Rede sein könnte. Diese Frage erscheint zunächst berechtigt. Zieht man jedoch den Faktor Zeit hinzu, erscheint die Inflation in einem anderen Licht.

Dazu erst mal ein paar Zahlen: Bei jährlich 1 Prozent Inflation hat der Euro nach zehn Jahren nur noch eine Kaufkraft von 90,5 Prozent. Bei jährlich 2 Prozent, dem ungefähren Inflationsziel der Zentralbanken, sinkt die Kaufkraft in zehn Jahren bereits auf 82 Prozent. Und wenn wir in Erinnerung an eine Aussage von Altkanzler Helmut Schmidt denken (5 Prozent Inflation sind besser als 5 Prozent Arbeitslosigkeit), landen wir nach zehn Jahren bei einer Kaufkraft von nur noch 61,4 Prozent.

Dagegen lässt sich einwenden, dass es zurzeit an Inflationsimpulsen fehlt. Und wenn man den sprichwörtlichen Rückspiegel einsetzt, ist zu erkennen, dass in den vergangenen zehn und mehr Jahren überwiegend rückläufige Inflationsraten zu vermelden waren. Dagegen stiegen weitgehend die sogenannten Vermögensgüterpreise, worunter in erster Linie Immobilienpreise in Metropolen und Universitätsstädten, Aktien- und Anleihenkurse zu verstehen sind.

Doch Politiker und Zentralbanker haben den Kampf zugunsten einer Inflation über die Vermögensgüter hinaus längst noch nicht aufgegeben. Dazu ein markantes aktuelles Beispiel: der bereits zweite Nachtragshaushalt der Bundesregierung. Demzufolge plant der Bund im Zuge der Covit-19-Pandemie zusätzliche Ausgaben in Höhe von 509 Milliarden Euro. Vor Covit-19 wollte man es bei 362 Milliarden Euro bewenden lassen.

Nun kommt der Clou: Das neue aus dem Nichts geschaffene Geld muss im laufenden und im nächsten Jahr ausgegeben werden. Dazu passt eine Bemerkung von Marius Kleinheyer, Analyst bei der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch: "Inflation ist kein Zufall, sondern Absicht."

Wir haben es mit einem Phänomen zu tun, das längst in den Köpfen von Politikern und Zentralbankern verankert ist. Es kommt also nicht einfach nur angeflogen, um sich schlussendlich bei etwas unter 2 Prozent, dem offiziellen EZB-Ziel, für immer einzunisten. Vielmehr wird es von Menschen geschaffen. Wie das vonstatten geht, ist einer aktuellen Studie der Liechtensteiner Vermögensverwaltung incrementum zu entnehmen, deren Autoren sich auf den Ökonomen Murray Rothbart berufen:

"In der ersten Phase wird die Geldmenge erhöht, die Preise steigen aber kaum. In der zweiten Phase beginnt die Öffentlichkeit langsam steigende Preise zu antizipieren. Phase 3: Die Öffentlichkeit nimmt wahr, dass die Inflationsdynamik nicht zu stoppen ist und sich sukzessive beschleunigt. Die Menschen verlassen das Währungssystem und wählen alternative Währungen."

Was unter diesen zu verstehen ist, haben wir in den vergangenen zehn Jahren erlebt: vor allem Immobilien, Aktien und Anleihen. Doch was wird die Zukunft mit sich bringen? Sie steht fraglos unter dem Vorzeichen der einfach nicht enden wollenden Pandemie. Dazu fragen sich die incrementum-Autoren: "Was könnten fundamentale Kräfte sein, die die Inflationsdynamik strukturell befeuern?" Die Antwort:

"Der enorme fiskalische und monetäre Stimulus, der weltweit gesetzt wurde und der noch erweitert werden wird. Die wachsende Bedeutung von ESG (Environment, Social, Governance) wird zur Folge haben, dass Rohstoffproduzenten der Kapitalzugang zunehmend erschwert wird. Vieles deutet darauf hin, dass die als umweltfreundlicher geltenden alternativen Energien den Energiemix deutlich verteuern. Ein Mangel an Arbeitskräften in gewissen Branchen, steigende Mindestlöhne und global steigende Lohnstückkosten. Die zahlreichen coronabedingten Auswirkungen auf das Güter- und Dienstleistungsangebot, die zu einer Verknappung des Angebots und zu einem Rückgang der Produktivität führen."

Greifen wir dazu nochmals das Zitat auf, wonach hinter der Inflation Absicht steckt, und lassen wir uns den Gedanken durch den Klopf gehen, warum denn wohl Regierungen und Zentralbanken jetzt mit Geld nur so um sich werfen, nachdem sie noch vor wenigen Monaten von der schwarzen Null diesseits und von restriktiver Geldpolitik jenseits des Atlantiks schwadroniert haben - eine 180 Grad-Wende, wie es sie in einem solchen Umfang und so rasend schnell noch nie gegeben hat, obendrein flankiert von der schnellsten Crash-Rally-Wende aller Zeiten.

Covit-19 bot für die Geldorgie offenbar einen willkommenen Anlass. Und um der Wahrheit gerecht zu werden: Hätte es keine Pandemie gegeben, wäre Politikern und Zentralbankern über kurz oder lang schon ein anderer Anlass eingefallen, um die Inflation auf Trab zu bringen - nur nicht so schnell wirksam wie die Pandemie.

Und nun? Zweifellos wird das viele durch die Welt schwirrende Geld zeitlich versetzt inflationär wirken. Aus welchem Anlass, sei einstweilen dahingestellt. Was für Abwehrmaßnahmen Anleger schon jetzt treffen sollten, ist naheliegend: Investitionen mit den Schwerpunkten in Gold, Silber und Aktien. Wobei eherne Börsenregeln gelten sollten, zuvorderst: Gründlich recherchieren, um zum Beispiel Flops wie Wirecard zu vermeiden, streuen und das Timing beachten. Das alles kostet zwar viel Zeit, ist aber unabdingbar.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu : Geld-Gedanken über den Tag hinaus


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