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Fokus auf das halbleere Glas unter Ignoranz der halbvollen Gläser

29.06.2020  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,1242 (06:34 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,1193 im US-Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 107.12. In der Folge notiert EUR-JPY bei 120,42. EUR-CHF oszilliert bei 1,0649.

Derzeit fokussiert sich der Finanzmarkt in der Diskontierung auf einen Teil des komplexen Umfelds, das uns umgibt. Dabei handelt es sich um die Infektionsdynamik des Corona-Virus in den USA, in Brasilien und zuletzt auch in Indien. Das ist jedoch nur ein Teilausschnitt der Gesamtlage. Überwiegend sind wir mit einer stabilen oder rückläufigen Infektionslage im Rest der Welt konfrontiert. Bedauerlich ist, dass in diversen Ländern, unter ihnen das UK, Schweden, die Niederlande, Spanien und Frankreich das Bild der realen Infektionslage (aktiv Infizierte gemäß Johns-Hopkins-Universität) zum Teil drastisch überzeichnet wird, weil die Zahl der Genesungen nicht nachgehalten wird.

Die ökonomischen Daten liefern in einer Durchschnittsbetrachtung überwiegend positiv überraschende Zahlen. Diese Zahlen können jedoch nicht an die Normallage vor Ausbruch von Covid-19 heranrücken, solange die Politik der Ökonomie in die Parade fährt. Gleichwohl ist die Performance der Konjunkturdaten Ausdruck einer nicht erwarteten Widerstandskraft im ökonomischen Umfeld. Wir verweisen u.a. auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne in China (siehe Datenpotpourri), die über das Wochenende einen starken Akzent setzten.

Teilnehmer an den Finanzmärkten fokussieren sich derzeit auf ein halbleeres Glas, während sie die halbvollen Gläser ignorieren. Zu den Halbvollen gehören die Gläser mit den Aufschriften Covid-19 in Asien, Covid-19 in Kontinentaleuropa, Erholung der Konjunktur, kommende Konjunkturprogramme, Zinstief /Anlagenotstand. Ob das smart ist, wird sich zeigen, denn die normative Kraft des Faktischen sollte nicht unterschätzt werden. Asymmetrien haben ihre eigene Verfallzeit.


Aktuelle Corona-Lage gemäß der Johns-Hopkins-Universität:

Wir weisen darauf hin, dass die Darstellung der Johns-Hopkins-Universität lediglich eine Annäherung an die reale Lage liefert. Insbesondere das fehlende Nachhalten diverser Länder bei den Genesungszahlen vermittelt eine Überzeichnung der Lage der aktiven Fälle. Die anfängliche Disziplin der Länder im Bemühen um eine transparente Darstellung der realen Lage ist nur noch in Teilen gewährleistet. Warum die Überzeichnung? „Food for thought!“

Das Thema der Exit-Strategien aus den Extremmaßnahmen bestimmt weiter grundsätzlich das Bild. Es gibt aber auch vereinzelt Verschärfungen der Maßnahmen, die aber weitgehend regionalen und nicht nationalen Charakter aufweisen.

In Asien setzt sich die Entspannung (und die wirtschaftliche Erholung) fort. In China liegen 507 akute Infektionen vor. In Südkorea stellt sich die Zahl auf 1.046. In Japan liegt sie bei 1.067. In Singapur sind es 5.925.

In Kontinentaleuropa ist die Lage stabil. Einige Länder liefern keine aktuellen Genesungszahlen laut Johns-Hopkins, so dass wir uns hier nur auf einige Länder fokussieren, die ihren Aufgaben nachkommen. In Deutschland liegt die Zahl der akuten Infektionen bei 8.068. Österreich liegt bei 551 Fällen. Die Schweiz bringt es auf 555. In Italien sind es noch 16.681. Irritierend sind die Genesungszahlen aus den Niederlanden (186!), Belgien, Spanien, Frankreich und Schweden.

Die Problemländer sind vor allen Dingen die USA (1.738.029), Brasilien (540.503) und Indien (210.120) bezüglich Tendenz und Amplitude der Ausbreitung. In Russland beginnt sich die Situation zu beruhigen (226.067).


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

Eurozone: Durchgehend positive Entwicklungen

Die Geldmenge M-3 stieg per Berichtsmonat Mai im Jahresvergleich um 8,9% (Prognose 8,6%) nach zuvor 8,3%. Die Kreditvergabe an Unternehmen nahm per Mai im Jahresvergleich um 7,3% nach zuvor 6,6% zu. Die Kreditprogramme zeigen die erhoffte Wirkung. Die Kreditvergabe an private Haushalte verzeichnete per Mai im Jahresvergleich einen Anstieg um 3,0% nach zuvor 3,0%. Covid-19 führt zu keinen Verzerrungen. Der Index des Verbrauchervertrauens Frankreichs legte per Juni von zuvor 93 auf 97 Punkte zu (Prognose 95).

In Italien nahm der Index des Verbrauchervertrauens per Juni von zuvor 94,3 auf 100,6 Zähler zu (Prognose 97,5). Der Index, der die Gemütslage im Sektor des verarbeitenden Gewerbes abbildet, stieg per Juni von 71,2 auf 79,8 Punkte (Prognose 80,0).


USA: Tendenziell durchwachsen

Persönliche Einkommen sanken per Berichtsmonat Mai im Monatsvergleich um 4,2% (Prognose -6,0%) nach zuvor +10,8% (revidiert von +10,5%). Reale Konsumausgaben verzeichneten per Mai einen Anstieg um 8,1% nach zuvor -12,2% (revidiert von -13,2%). Die jüngsten Schwankungen sind korreliert mit den US-Staatssubventionen an die privaten Haushalte, die in Teilen deutlich höher ausfielen als die durch Covid-19 verursachten Einkommensverluste. Der Index des Verbrauchervertrauens nach Lesart der Universität Michigan stellte sich gemäß finaler Berechnung auf 78,1 Punkte (vorläufiger Wert 78,9, Prognose 79,0).


China: Profite springen wieder an

Die Gewinne der Unternehmen im Industriesektor stiegen per Mai im Jahresvergleich um 6,0% nach zuvor -4,3%. Im Jahresverlauf Januar bis Mai stellte sich durch die Corona-Krise ein Rückgang im Jahresvergleich um 19,3% nach zuvor -27,4% (Phase Januar bis April) ein.


Japan: Sukzessive Normalisierung

Die Einzelhandelsumsätze sanken per Berichtsmonat Mai im Jahresvergleich um 12,3% nach zuvor -13,9%.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den Euro gegenüber dem USD favorisiert. Ein Unterschreiten des Unterstützungsniveaus bei 1.0850 - 70 neutralisiert den positiven Bias des Euros.

Bleiben Sie gesund, viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Solvecon Invest GmbH



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