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Inflationäre Enteignung

19.07.2020  |  Manfred Gburek
Lohnt es sich, über die Inflation noch ein einziges Wort zu verlieren? Diese Frage scheint auf Anhieb berechtigt zu sein, denn die seit Monaten knapp über Null liegende Inflationsrate sowohl in Deutschland als auch im Euroraum, in den USA und anderswo spricht nach üblicher Lesart zunächst dafür. Und wenn man sie in die Zukunft fortzuschreiben versucht, fehlen oft stichhaltige Argumente für eine Trendwende.

Aber ist da nicht noch etwas? Ja, die Covid-19-Pandemie. Sie will einfach nicht aus der Welt verschwinden, im Gegenteil, zu ihr bekommen wir täglich Horrormeldungen serviert, und niemand kann sich einen Reim auf mögliche Folgen machen. Seien wir doch realistisch: Obwohl sich ein direkter Zusammenhang zwischen Convid-19 und der Inflation derzeit nur unzureichend herstellen lässt, werden wir ihn schon in wenigen Monaten zu spüren bekommen.

Bis dahin dürfte zwar eher die Deflation für Diskussionsstoff sorgen; aber dass die Pandemie über kurz oder lang inflatorisch wirken wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Eine aktuelle Studie der Fondsgesellschaft DWS zeigt in diese Richtung:

"Allerdings hat die Covid-19-Rezession auch gravierende Auswirkungen auf die Angebotsseite der Wirtschaft. Um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, wurden viele Verbote verhängt. Restaurants, Hotels, Fitnessstudios und andere Dienstleister waren besonders von den Lockdown-Maßnahmen betroffen. Diese staatlich verordnete Reduktion des Angebots führt im Angebots- und Nachfragemodell dazu, dass sich neben der Nachfragekurve auch die Angebotskurve nach links verschiebt. Ein Covid-19-Rezessions-Gleichgewicht findet sich bei wesentlich niedrigerer Wirtschaftsleistung und allenfalls moderat niedrigerem Preisniveau."

Zugegeben, das ist schwerer Stoff. Doch sein Knackpunkt lässt sich bereits erahnen: Weniger Angebot trifft anfangs auf konstante, gegebenenfalls nur leicht rückläufige Nachfrage. Wie der EU-Gipfel vom Wochenende allerdings deutlich macht, kann es den Politikern mit ihren riesigen Geldpaketen, genannt Fiskalpolitik, nicht schnell genug gehen, um die Nachfrage in die Höhe zu treiben. Dazu weist die DWS noch auf einen interessanten Sonderaspekt hin:

"Jüngst veröffentlichte Inflationsdaten scheinen diese theoretische Betrachtung zu bestätigen. Ohne Berücksichtigung der Energiekomponente, die dank des Ölpreises dieses Jahr schon einige Kapriolen geschlagen hat, liegt die Inflationsrate in der Eurozone mit 1,3 Prozent im Juni genau auf dem gleichen Niveau wie zu Beginn des Jahres. Spannend wird es, wenn sich die Angebotsseite wieder erholt. Die steigende Wirtschaftsleistung würde dann von deutlich höheren Preisen begleitet. Es ist durchaus vorstellbar, dass zwar nicht die Konjunktur, aber dafür die Inflation eine V-förmige Erholung sehen könnte."

Dafür sprechen auch weitere Indizien. Nehmen wir zum Beispiel die aus den Fugen geratenden Lieferketten, über die in den meisten Medien leider nur oberflächlich berichtet wird. Dabei werden sie schon bald enorme Auswirkungen auf unser Leben haben. Grund genug, um auf die Dramatik hinzuweisen. Diese ergibt sich daraus, dass im Zuge der Globalisierung nicht nur Autos, Computer und sonstige Güter des täglichen Bedarfs über die Weltmeere geschippert werden, sondern auch lebensrettende Medikamente, medizinische Geräte und ganze Krankenhauseinrichtungen.

Die entsprechenden Lieferungen werden jetzt zunehmend unterbrochen, oder sie können wegen Covid-19 erst gar nicht stattfinden - sei es, weil in China, in Taiwan oder sonst wo im Fernen Osten ganze Kapazitäten ausfallen, sei es, weil der zwischen den USA und China immer härter ausgefochtene Protektionismus nun auch noch durch beiderseitige Machtdemonstrationen im Südchinesischen Meer verschärft wird. Noch scheint sich dieser Konflikt, vordergründig betrachtet, nicht auf Europa auszuwirken. Doch wir werden die Konsequenzen schon in diesem Jahr zu spüren bekommen.

Europa spielt in diesem Szenario nur eine untergeordnete Rolle. Das liegt daran, dass sich weder die EU-Länder insgesamt noch speziell die durch den Euro verbundenen Staaten auf eine klare Linie einigen können. Hätte es dazu noch eines Beweises bedurft, der EU-Gipfel vom Wochenende hat ihn schon am ersten Tag erbracht: Er vereinigt auf wundersame Weise Differenzen in der Sache mit einer Art babylonischer Sprachverwirrung.

Peter Boehringer, AfD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag, bringt den sprachlichen Aspekt in einem YouTube-Beitrag humorvoll auf den Punkt, indem er einfach nur aufzählt, welche Namen die Brüsseler und sonstigen Bürokraten ihren Schuldenspielen mit Billionen Euro gegeben haben: Next Generation EU, Fonds für einen gerechten Übergang, Green Deal, Recovery Fund und Merkel-Macron-Fonds. Boehringers Fazit: "In Brüssel riecht man Geld."

Bei allem Wirrwarr, eines steht fest: Deutschland springt weitgehend für die Finanzen anderer EU-Länder ein. Das ist nicht erst seit gestern beschlossen, und es wird durchgeführt. Was speziell die bereits hoch verschuldeten Euroländer betrifft: Sie werden von Deutschland subventioniert, weil das Ziel feststeht: die Erhaltung des Euro um so gut wie jeden Preis. Das mag man bedauern oder einfach nur furchtbar finden, weil der Preis letzten Ende in die Billionen geht. Doch sachliche Argumente zählen wenig, wenn es um das Primat der Politik geht.

Die hier zitierten Billionen sind in Wahrheit Falschgeld auf dem Weg zur Enteignung der Bürger. Sie lassen sich noch nicht als inflationäre Enteignung erkennen, weil die ganze Wahrheit erst in den nächsten Jahren zum Vorschein kommen wird. Bis dahin heißt es, zum Schutz vor den Folgen das eigene Geld derart anzulegen, dass es so gut wie möglich vor der Inflation geschützt ist, vor allem in Gold, Silber, in einer selbst genutzten Immobilie und, sofern man über hinreichend Börsenerfahrung verfügt, in Aktien.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu : Spekulation mit Pfiff



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