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Der Moment der Wahrheit für das Geldsystem

14.08.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
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Internationale Zentralisation

Die Krisenanfälligkeit des Fiat-Geldsystems hat eine weitere beunruhigende Folgewirkung: Auf internationaler Ebene kooperieren die Staaten beziehungsweise ihre Zentralbanken immer enger, um systemische Risiken auszuschalten. Beispielsweise haben die Zentralbanken bereits in 2008/09 begonnen, sich im Zuge von «Liquidität-Swap-Abkommen» bei Bedarf gegenseitig die eigene Währung zu verleihen.

So leiht die US-Zentralbank (Fed) bei Bedarf unbegrenzt US-Dollars an die chinesische Zentralbank, die Europäische Zentralbank (EZB), Bank von Japan, die Bank von England oder die Schweizer Nationalbank. Dadurch werden verbliebene Kreditausfallrisiken in den Fremdwährungskreditmärkten eliminiert, und die letzten Bruchstellen des Fiat-Geldsystems werden gekittet.

Der Verdacht, eine einheitliche Weltgeldpolitik - im Extremfall mit einer Weltzentralbank und eigenem Fiat-Weltgeld - kündige sich an, lässt sich nicht mehr als Spinnerei abtun; als Nukleus könnten beispielsweise die «Sonderziehungsrechte» des Internationalen Währungsfonds (IWF) dienen. Spätestens mit dem digitalen Zentralbankgeld haben die Staaten die volle Kontrolle über Geld und Kredit:

Die Guthaben, die man bei Geschäftsbanken hält, werden eins zu eins in Zentralbankguthaben eintauschbar. Geschäftsbanken werden so zu etwas wie Zweigstellen der Zentralbank. Die Geldbehörden können nach und nach das Einlagengeschäft, den Zahlungsverkehr und irgendwann auch noch das Kredit- und Geldschöpfungsgeschäft komplett an sich ziehen. Karl Marx’ Umsturzfantasie wäre dann vollendet.

Im Jahre 1848 forderte Marx (und Friedrich Engels) bekanntlich die «Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschliesslichem Monopol». Ein geradezu gruseliges Szenario: Die allmächtige Zentralbank beziehungsweise die Sonderinteressengruppen, die sie vereinnahmen, hätten es fortan in der Hand, wer wann und unter welchen Bedingungen Kredit und Geld erhält - welcher Staat, welche Industrie, welcher Arbeiter und Angestellte.

Der Weg in eine de facto diktatorische Befehls- und Lenkungswirtschaft - wie sie viele Befürworter der Klimarettungspolitik und «grünen Geldpolitik» herbeisehnen - wäre damit quasi durch die Hintertür vollzogen.


Das Kartell aufbrechen

Keine Frage, die Welt hat ein «Geldproblem»: Das Fiat-Geld zerstört über kurz oder lang die freie Marktwirtschaft und damit auch die freie Gesellschaft; die Coronavirus-Krise verstärkt nur die bestehende Dynamik.

Weil die Regierenden und auch die Regierten mittlerweile am Fiat-Geld hängen wie Fliegen am Fliegenfänger, ergeben sich für die Zentralbanken noch weiter gespannte Handlungsspielräume. Sie können die Staatsschulden monetisieren und dadurch auch die Preisinflation in die Höhe treiben, ohne dass sie unüberwindbare Opposition zu befürchten bräuchten: Um dem grossen Übel des «Megacrashs» zu entgehen, werden die Inflationskosten als das vergleichsweise kleinere Übel akzeptiert.

Was in der Zeit «nach Corona» kommt, lässt sich bereits erahnen: Die ohnehin schon grosse Abhängigkeit der Volkswirtschaften vom Fiat-Geld wird die Zentralbanken und die Gruppen, die sie für ihre Zwecke einzusetzen wissen - Staaten, aber natürlich auch die Banken- und Finanzindustrie sowie Grossunternehmen -, noch grösser machen. Das Bestreben, die ungedeckten Währungen vor dem Untergang zu bewahren, wird das Kartell der Zentralbanken noch enger zusammenrücken lassen.

Dass alles auf eine einheitliche Weltgeldpolitik mit einem Weltgeld hinausläuft, ist sicherlich nicht weniger wahrscheinlich geworden; es braucht nicht gesondert betont zu werden, welche totalitären Gefahrenpotenziale damit verbunden wären.

Um ein solches Szenario abzuwenden, muss sich Wesentliches ändern im Denken und Handeln der Menschen. Nicht mehr und nicht weniger als eine Abkehr von allen antikapitalistischen, sozialistischen und inflationistischen Ideologien, die heute mehrheitlich beklatscht und Wählerstimmen gewinnen, ist erforderlich.

Man muss zur Einsicht gelangen, dass das Geld nicht in die Hände des Staates gehört, dass nur der freie Markt «gutes Geld» hervorbringen kann: Dazu müssen die Nachfrager die Freiheit haben, das Geld nachzufragen, das ihren Wünschen entspricht; und Anbieter müssen die Freiheit besitzen, Güter anzubieten, von denen sie meinen, sie werden von den Menschen als Geld nachgefragt.

Vor allem aber sind Macht und Einfluss des Staates so stark wie nur eben möglich zurückzudrängen, wenn Freiheit und Wohlstand gewahrt bleiben sollen. Es wird nicht weniger als eine intellektuelle Revolution erfordern, um das Geldproblem zu lösen. Gewiss, damit steht den Volkswirtschaften eine gewaltige Herausforderung ins Haus. Doch Passivität darf keine Alternative sein: Sie würde den Menschen Inflation und Unfreiheit bringen.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


Dieser Beitrag wurde in Schweizer Monat, Juli/August 2020, S. 11 - 13 abgedruckt.


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