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Die besten Zeiten in den schlimmsten Zeiten

14.09.2020  |  Peter Schiff
Während die meisten Leute allgemein verstehen, dass sich Aktienmarkt und Wirtschaft nicht im Gleichschritt bewegen, besteht noch immer der zugrundeliegende Glaube, dass ein starker Markt eine starke Wirtschaft widerspiegelt. Doch gemäß dieser Logik muss unsere aktuelle Wirtschaft historisch stark sein. Wenn Sie das als merkwürdig ansehen - angesichts der Tatsache, dass wir uns inmitten einer destabilisierenden und polarisierenden Pandemie sowie einer Zeitspanne politischen Risikos befinden, die die Grundlagen der Republik bedroht - dann nur, weil Sie nicht verstehen, wie sich die grundlegende Beziehung zwischen Aktienmarkt und Wirtschaft verändert hat. Die Stärke an der Wall Street wird nun durch die Schwäche der allgemeineren Wirtschaft angekurbelt; ob Sie das nun glauben wollen oder nicht.

Der vielleicht verlässlichste Maßstab für Aktienbewertungen ist das zyklisch angepasste Preis-Leistungs-Verhältnis (CAPE), das die Aktienkurse mit den durchschnittlichen Erträgen über eine Zeitspanne von 10 Jahren vergleicht und somit kurzfristige Schwankungen einebnet. In einem Artikel vom August hieß es, dass CAPE-Verhältnisse (die damals bei 31,1 lagen und seitdem auf 32,65 gestiegen sind) nur zu drei Gelegenheiten der vergangenen 132 Jahre verfügbarer Daten so hoch oder höher waren: Im Jahr 1929 vor der Great Depression, im Jahr 1999 vor dem Dotcom-Crash und dann kurz im September 2018.

Und während wir nun wissen, dass der Optimismus, der diese Spitzen verursachte, größtenteils illusionär war, machte es zumindest etwas Sinn, dass die Aktienkurse stiegen. Doch wo ist der Optimismus, der die Märkte nun ankurbelt? Sicher, Donald Trump mag seine Pom-Poms herumwedeln, doch kein ernsthafter Volkswirtschaftler oder Investor denkt, dass sich die Wirtschaft auf etwas Großartiges zubewegt. Stattdessen basiert diese Rally nur auf der Druckerpresse.

Da die Fed nun mehr Stimulus liefert als jemals zuvor und verspricht, die Zinsen so weit das Auge reicht nahe null zu belassen, schreiben viele Leute die überraschende Rally einem "Bekämpfe niemals die Fed"-Vorurteil zu. Dieses hat Investorenängste darüber gebannt, dass die Fed jeden Preisrückgang mit weiterem Stimulus besiegen wird. Die niedrigen Zinsen "drängen" Investoren außerdem zu Aktien, weil die verfügbaren festverzinslichen Erträge beinahe vollkommen eliminiert wurden. Doch diese Kräfte, die in den vergangenen 20 Jahren an unserer Seite waren, erklären nicht vollkommen, warum der aktuelle Markt so stark ist. Die COVID-Pandemie hat tatsächlich Umstände geschaffen, in denen das, was der Wirtschaft und den Geschäften der Main Street schadet, tatsächlich dem S&P 500 hilft.

Fed-Stimulus ist vor allem für sehr große, öffentlich gehandelte Unternehmen hilfreich, die sich durch Ausgabe von Anleihen am öffentlichen Markt Geld leihen können. Demnach können große Unternehmen - größtenteils diejenigen, die öffentlich gehandelt werden - in Echtzeit Vorteile aus dem Aktivismus der Fed schlagen. Im Gegensatz dazu verlassen sich kleinere Unternehmen üblicherweise auf traditionelle Bankkredite, die oftmals riskanter sind als alternative Verwendungen von Bankkapital. Deshalb werden kleineren Unternehmen regelmäßig Kredite verweigert, oder höhere Zinssätze aufgezwungen als es bei öffentlichen Anleiheausgebern der Fall ist.

Niedrige Zinsen erlauben es außerdem großen, öffentlich gehandelten Unternehmen ihre existierenden, höheren Schulden zu niedrigeren Zinsen zu refinanzieren und somit ihre Erträge durch Verringerung ihrer Zinsausgaben zu erhöhen. Dies führt dazu, dass der Markt ein höheres Preis-Ertrags-Vielfaches auf diese Erträge anwendet. Also bieten niedrige Zinsen einen doppelten Vorteil für diese Unternehmen, sowohl in Sachen Erträgen als auch höherer Bewertungen.

Doch Privatunternehmen, die kollektiv viel mehr Menschen anstellen als große öffentliche Unternehmen, erhalten nur mäßige Vorteile von extrem niedrigen Zinsen. Kleinere Unternehmen, die sich deutlicher auf Verkaufsumsatz als Kapitalmärkte verlassen, um ihre Finanzierungsbedürfnisse zu erfüllen, verzeichneten einen Umsatzeinbruch aufgrund erzwungener Lockdowns, Sparsamkeit der Verbraucher, Arbeiterknappheit und Angebotsstörungen. Sie können nicht die Verschleierungstaktik der Wall Street anwenden, um diesen Mangel wettzumachen.

Zusätzlich dazu sind größere Unternehmen besser dazu ausgerüstet, die COVID-Lockdowns zu überleben; durch die Fähigkeit, das Geschäft online zu tätigen und es Angestellten zu erlauben, von zu Hause zu arbeiten. Die besten Unternehmen, wie Amazon und Netflix, haben den Online-Handel als Kern ihres Geschäftsmodells. Diese Unternehmen könnten tatsächlich von der schwindenden Konkurrenz kleinerer Unternehmen, die sich nicht effektiv anpassen können, profitieren. In diesem Umfeld sollte es nicht überraschend sein, dass die 10 größten (durch Index-Gewichtung) Unternehmen des S&P 500 zum 31. Juli fast 29% der gesamten Marktkapitalisierung des Indexes ausmachten, das höchste Niveau in fast 40 Jahren. Demnach hat die Performance dieser Unternehmen eine große Auswirkung auf den Markt im Allgemeinen.

Während die Wirtschaft der "Main Street" weiterhin stagniert, wird die Fed weiterhin Finanzierung für große Unternehmen verfügbar machen, um billige Kredite aufzunehmen - auch während der Schmerz für kleinere Unternehmen anhält. Das bedeutet, dass eine schlechte Wirtschaft gut für den Aktienmarkt ist. Der Schmerz der Main Street ist Gewinn der Wall Street.

Doch zu erwarten, dass eine Erholung der Main Street diese Dynamik ändern wird, ist vollkommen realitätsfern. Diejenigen, die auf starke Immobilienverkäufe im Juli als Zeichen für Optimismus deuten, sollten zweimal darüber nachdenken. Eine nüchterne Überprüfung der Daten deutet an, dass die Verkäufe größtenteils durch Menschen angekurbelt wurden, die städtische Gebiete aufgegeben haben, um in Außenbezirke zu ziehen. Wenn das der Fall sein sollte, dann deuten die Verkaufszahlen nicht auf wirtschaftliche Gesundheit sondern wachsende Angst hin.

Der Coronavirus und dessen wirtschaftliche Stagnation werden uns wahrscheinlich noch in den kommenden Jahren heimsuchen. Selbst wenn ein Impfstoff im nächsten Jahr entdeckt wird - was eine optimistische Einschätzung ist - dann wäre der Schaden für Reise-, Unterhaltungs-, Fitness- und Lebensmittelbranche bereits irreparabel. Wie lange wird es dauern, bevor sich die Menschen in großen Ansammlung wieder wohl fühlen? Die Angst wird auch lange nach Ende dieser Gefahr bestehen bleiben.

Kulturelle Veränderungen, die bereits durchgeführt wurden, könnten bedeuten, dass sich Bürogebäude, Einzelhandelsketten und Kinos nie wieder erholen könnten. Menschen und Unternehmen gewöhnen sich an das Arbeiten von Zuhause, Online-Shopping und das Vermeiden von Menschenmengen. Laut einem Artikel von Bloomberg am 23. August schätzt Goldman Sachs nun, dass fast ein Viertel der 22 Millionen temporären Kündigungen, die zum ersten Shutdown im März begannen, permanent werden. Etwa 2 Millionen dieser Personen könnten bis weit ins Jahr 2021 arbeitslos bleiben. Doch diese kurzfristigen Problemen könnten erst der Anfang sein.

Viele Arbeiter des öffentlichen Sektors haben klar gemacht, dass sie nicht zur Arbeit zurückkehren werden, solange noch irgendeine Gefahr vom Coronavirus ausgeht. Wenn diese Forderungen lächerlich wirken, dann nur, weil Sie den Gedanken der neuen Arbeit noch nicht begreifen. Es gibt diejenigen, die nun glauben, dass eine Wirtschaft ohne Arbeit funktionieren kann, solange die Regierung die Rechnung übernimmt. Der Vorgang, Waren und Dienstleistungen zu produzieren, ist so unnahbar für die meisten Amerikaner geworden, dass die meisten Leute nicht verstehen, dass etwas produziert werden muss, bevor man es konsumieren kann und dass die Produktion nicht immer einfach ist. Dieses Gefühl ist im Aufstieg von Konzepten wie dem universellen Grundeinkommen, Arbeitslosengeld und der modernen Geldtheorie sichtbar, die andeutet, dass es keinerlei Nachteile der unbegrenzten Gelddruckerei gibt.

Die Billionen, die Washington bereits ausgegeben hat, um die Menschen vor den Regierungslockdowns zu schützen, werden schwer zu stoppen sein, sobald sich die Leute daran gewöhnt haben. In seinem ersten Interview seit Akzeptanz seiner Präsidentschaftsnominierung für die Demokraten räumte Joe Biden ein, dass er die Wirtschaft sofort wieder stilllegen würde, wenn COVID "nicht unter Kontrolle gebracht wird." Natürlich definierte er hierbei nicht, was "unter Kontrolle" wirklich bedeutet. Zweifelsohne meint er damit, was auch immer seinem politischen Interesse dient; was die Bemühung zu sein scheint, die Regierung im Zentrum jedes Lebensaspektes zu platzieren.

Es ist nicht nur die Möglichkeit weiterer Shutdowns, die Investoren verängstigen sollte. Sollten die Demokraten im November übernehmen, dann ist es wahrscheinlich, dass Unternehmen mit Erhöhungen der Unternehmenssteuer, neuen Umweltmandaten, neuen Regulierungen bezüglich höherer Gehälter und Vorteile sowie zunehmend absurden und unausführbaren Diversitäts- und Kapitalvoraussetzungen zu kämpfen haben könnten, die Einhaltung und rechtliche Kosten in die Höhe treiben und die Produktivität einbrechen lassen könnten.


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