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Die Schuldenorgie der EU

25.10.2020  |  Manfred Gburek
So etwas gab es noch nie, Corona macht's möglich: Eine zehnjährige Anleihe mit 10 Milliarden Euro Volumen und minus 0,238 Prozent "Rendite", ausgegeben von der EU zugunsten sozialer Zwecke, flankiert von ihrer zwanzigjährigen Schwester mit 7 Milliarden Euro Volumen und plus 0,131 Prozent Rendite, geschehen am vergangenen Dienstag - beide Anleihen total überzeichnet, sodass ein Mehrfaches an Volumen hätte untergebracht werden können.

So kommt es, wie es kommen muss: Die Brüsseler Bürokraten legen nach, und wie! Für soziale Zwecke sind im laufenden Jahr weitere Anleihen geplant, alles in allem kumuliert im "Wert" von 30 Milliarden Euro. Und weil zu erwarten ist, dass der Kapitalmarkt dieses Volumen locker verdrücken wird, zielen Pläne bis zur Zeit in fünf bis sechs Jahren sogar schon auf 1 Billion Euro. Nicht zu vergessen: Corona-Hilfspakete und Wiederaufbaufonds, finanziert mit sogenannten grünen Anleihen, um das Ganze den Schlange stehenden Großanlegern schmackhaft zu machen.

Das sind nur einige von mehreren gelungenen Versuchen, die EU-Schulden gerade jetzt in die Höhe zu schrauben; der Markt gibt es ja her, wie die erwähnten Beispiele zeigen. Wie reagiert darauf die für die Geldpolitik zuständige EZB? Sie findet das alles prima - und setzt sich ganz nebenbei sogar öffentlich für den Corona-Hilfsfonds ein. Alles zusammen verschmilzt dann zu noch mehr Schulden. Deren Eskalation soll so schnell wie möglich vorangehen. Denn es könnte ja sein, dass die Konjunktur schneller als erwartet anspringt; dann würden sich zusätzliche Finanzspritzen erübrigen.

Das alles ist auch ein Lehrstück in Sachen Börse: Die Aktienkurse steigen nicht etwa im Rhythmus der Konjunktur, sondern sie profitieren vorauseilend in erster Linie vom vielen Geld, das Anlagen sucht. Zwischendurch fallen die Kurse, wie in der vergangenen Woche. Dann gewinnt man vorübergehend den Eindruck, dass sie sich, gemessen an ihrer Entwicklung während der vergangenen Monate, unterm Strich seitwärts bewegen, in Europa wie in Amerika, China und sonst wo - bis der nächste Schub nach oben kommt.

Ähnlich verhält es sich mit Anleihen, die von Profis bevorzugt werden, weswegen ihr Volumen das der Aktien global bei Weitem übertrifft - nicht zuletzt deshalb, weil das internationale Schuldenmachen locker vonstatten geht. Wie locker, dafür ist das Beispiel von den erwähnten EU-Anleihen der beste Beweis. Und falls Corona als Rechtfertigung für Anleihen mit Renditen um oder unter null Prozent nicht mehr ausreicht? Dann wird eben das zwischenzeitlich in der medialen Versenkung untergetauchte Klima für die Emission weiterer Anleihen genutzt, die das Prädikat "grün" erhalten.

Das Tückische an den hier beschriebenen Zuständen besteht darin, dass man ihren nächsten Wendepunkt nicht vorherbestimmen kann und dass dann, wenn er da ist, Verkäufe von Anleihen und Aktien erfahrungsgemäß auf mehr oder weniger illiquide Märkte stoßen. Die substanzlosen Anleihen verlieren ihren "Wert" in einem solchen Fall am Ende vollständig, wohingegen Aktien ihren Wert wenigstens zum Teil erhalten - falls die betreffenden Unternehmen über Substanz verfügen - zum Beispiel ein hohes Eigenkapital, Marktmacht oder Patente - und nicht zu hoch verschuldet sind.

Die Auslöser von Wendepunkten an den Kapitalmärkten sind zwar mannigfach, aber im Kern auf nur wenige Ursachen zurückzuführen. Dabei spielt der Überraschungseffekt eine wichtige Rolle, zuletzt ausgelöst durch die Corona-Pandemie, in den Jahrzehnten zuvor durch die Crashs von 1987, von 2001 bis 2003 und 2008. Besonders Letzterer gilt in Bankerkreisen als nicht wiederholbar - überwiegend mit dem Argument, die Hauptursache von damals seien hochverschuldete amerikanische Immobilienspekulanten gewesen, während der Immobilienmarkt jetzt einen Boom erlebt wie schon lange nicht mehr.

Man sollte sich von solchen Argumenten nicht blenden lassen und stattdessen lieber auf Gerd Gigerenzer hören, einen international angesehenen Börsenpsychologen, wenn er unter anderem mit Blick auf die Entwicklung der Aktienkurse behauptet: "Wir haben es mit unbekannten Risiken oder Ungewissheit zu tun. Die Welt der Ungewissheit ist riesig im Vergleich zu der der Risikos." Daraus folgt: "Wir müssen mit den 'unbekannten Unbekannten' fertig werden.“

Diese lassen sich weder vorherbestimmen noch anhand von Daten quantifizieren. Das hindert Börsianer, vor allem an der Wall Street, derzeit allerdings nicht daran, außer ständig pseudogenaue Prognosen zu erstellen, Finanzwetten auf den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl abzuschließen. Das Ganze womöglich durch Charts und ihre Interpretation untermauert, als könnte man aus einer Wimpel-, Untertassen- oder Kopf-Schulter-Formation jederzeit auf die Zukunft schließen.

Lässt man die derzeitige globale Schuldenorgie mit ihren Schwerpunkten in Europa wie auch in Amerika sowie in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern Revue passieren, drängen sich zwei Fragen auf: Wie wird sie enden und was kann man bereits jetzt gegen sie unternehmen?

Die erste Frage ist relativ leicht zu beantworten: Fast alles spricht dafür, dass es über kurz oder lang zur Entwertung der Geldwerte (zum Beispiel Anleihen, Sparbücher, Geldmarktfonds) durch Inflation kommen wird, wobei der bisherige Boom der Sachwerte, Asset Inflation genannt (zum Beispiel Immobilien, Aktien, Gold), eine Art Vorhut bildet.

Auf die zweite Frage gibt es Antworten, die sich überwiegend um diese Trio-Vorhut drehen, ergänzt um Silber und Rohstoffe aller Art, darüber hinaus Münzsammlungen, Oldtimer und weitere Hobbyanlagen. Zu alldem lassen sich ganze Bücher schreiben (wovon viele Autoren schon reichlich Gebrauch gemacht haben) oder einfach nur Überlegungen anstellen, die sinnvollerweise von den eigenen Vermögensstrukturen und -plänen ausgehen sollten.

Darin spielt Gold traditionell eine dominierende Rolle. Aber in welcher Form? Gängige Münzen und Barren sind sicher nicht zu verachten, doch bis auf Weiteres dürften Gold- und Silberaktien, vor allem für Anleger mit starken Nerven, die bessere Wahl sein - zumal ihre mehrmonatige Seitwärtsbewegung jetzt zu Ende zu gehen verspricht. Die Standardwerte unter den Edelmetallaktien sind in den Indizes XAU und HUI zu finden (unter anderem bei www.kitco.com) Zu guter Letzt: In einem aktuellen Rundschreiben macht sich die DWS, Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, für die Anlage in Gold stark.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu: Welcher Börsianertyp sind Sie?


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