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Was irrtümliche Ideen anrichten

07.11.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Die Idee, die Geldmenge in der Volkswirtschaft müsse steigen, ist irrtümlich, und sie bereitet den Weg für fehlerhafte Politiken.

"Wenn ein paar Menschen recht miteinander zufrieden sind, kann man meistens versichert sein, daß sie sich irren," so Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Ein aufrüttelnder Gedanke, der zu einem kritischen Blick auf die Volkswirtschaftslehre einlädt. Hier wird beispielsweise nahezu einhellig die Meinung vertreten, die Geldmenge in der Volkswirtschaft müsse im Zeitablauf wachsen, damit mehr Güter und Dienste produziert werden können. Doch das ist ein großer Irrtum. Er offenbart sich, wenn man sich vor Augen führt, was Geld eigentlich ist.

Geld ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Es hat nur eine Funktion: die Tauschmittelfunktion. Recheneinheits- und Wertaufbewahrungsfunktion sind nur Anwendungen der Tauschmittelfunktion. Wenn aber Geld nur eine Funktion hat - die Tauschmittelfunktion -, dann ist einsichtig, dass eine Vermehrung der Geldmenge keinen volkswirtschaftlichen Nutzen stiftet.

Eine Volkswirtschaft wird reicher, wenn mehr Konsum- und Produktionsgüter verfügbar sind, nicht aber, wenn die Geldmenge zunimmt. Denn was passiert, wenn die Geldmenge wächst? Antwort: Der Tauschwert der Geldeinheit nimmt ab - im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre.

Der Schluss, den man daraus ziehen kann, lautet: Jede gerate vorherrschende Geldmenge ist so gut wie jede andere. Ob die Geldmenge 10 Billionen oder 20 Billionen Euro beträgt, in beiden Fällen werden die Gelddienste gleich gut verrichtet. Bei einer großen Geldmenge fallen die Güterpreise hoch aus, bei einer kleinen Geldmenge fallen die Güterpreise geringer aus.

Veränderungen der Geldmenge sind allerdings höchst bedeutsam: Sie führen zu einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen, die Gewinner und Verlierer schafft. Die Erstempfänger des neu geschaffenen Geldes sind die Gewinner. Sie können es gegen Güter eintauschen, deren Preise noch unverändert sind. Nachdem das neue Geld nachfragewirksam von Hand zu Hand weitergereicht wird, steigen die Güterpreise (beziehungsweise sie fallen höher aus, als wenn die Geldmenge nicht gestiegen wäre). Folglich können die Spätempfänger des neuen Geldes nur noch zu erhöhten Güterpreisen kaufen.

Die Erstempfänger werden auf diese Weise reicher auf Kosten der Spätempfänger. Da ist es natürlich wenig verwunderlich, dass dieser Umverteilungseffekt, der mit einer Ausweitung der Geldmenge einhergeht, Interessenten anlockt, die ihn für ihre Zwecke auszubeuten suchen. Allen voran sind der Staat und die Banken an einer chronischen Ausweitung der Geldmenge interessiert.

Und so erklärt sich auch, warum heutzutage das Geld staatlich monopolisiert ist, und warum es kein Sachgeld (wie Gold oder Silber) mehr ist, sondern ungedecktes Papiergeld repräsentiert, das per Kreditvergabe in Umlauf gebracht wird. Denn damit ist es möglich, die Geldmenge nach politischer Willkür jederzeit in jeder beliebigen Menge zu vermehren und dabei auch noch kräftig die Hand aufhalten zu können.

Allerdings erfordert die Herrschaft über das Geld - damit Staaten und Banken daraus Gewinn schlagen können - eine gewisse Disziplin: Die Geldmengenausweitung darf nicht zu ungestüm sein, sonst verfällt die Kaufkraft des Geldes zu stark und der Schwindel fliegt auf. Steigt die Geldmenge zu stark, schnellen die Güterpreise zu rasch in die Höhe, und die Menschen fragen dann weniger Geld nach. Im Extremfall - in Phasen von Hyperinflation - kann das ungedeckte Papiergeld sogar wertlos verfallen. Der Staat verliert eines seiner wichtigsten Machtinstrumente, die Banken gehen leer aus.

Aus diesem Grund hat man in vielen Ländern die Hoheit über die Geldmenge staatlichen Zentralbanken zugewiesen und sie "politisch unabhängig" gemacht. Das soll verhindern, dass Regierungspolitiker, die stets getrieben sind vom Wiederwahldruck, direkten Zugriff auf die Notenpresse erlangen und es mit der Geldvermehrung übertreiben. Doch diese Konstruktion gerät mittlerweile in vielen Ländern zusehends aus den Fugen. Das ungedeckte Papiergeldsystem hat dafür gesorgt, dass die Schulden von Staaten, Banken, Unternehmen und Konsumenten in den letzten Jahrzehnten immer weiter in die Höhe gestiegen sind.

Mittlerweile droht die Kreditpyramide in sich zusammenzusacken und die Volkswirtschaften mit sich zu reißen. Deshalb haben alle bedeutenden Zentralbanken die Zinsen auf die Nulllinie gezwängt, zuweilen auch darunter. Seit der politisch diktierten Lockdown-Krise werden nicht nur strauchelnde Staaten und Banken mit neu geschaffenem Geld über Wasser gehalten, neues Geld wird nun auch direkt auf die Konten von Unternehmen und Arbeitslosen gebucht. Die Geldmengen steigen wie in Kriegszeiten. Doch Widerstand dagegen bleibt aus.

Und auch das ist nicht überraschend. Viele Menschen meinen schließlich, das Ausweiten der Geldmenge in der Volkswirtschaft sei notwendig, um Wachstum und Beschäftigung zu befördern - und dass es in der Krise besser sei, die Geldmenge auszuweiten, als sie unverändert zu lassen. Zudem hängen mittlerweile viele Menschen an der Vermehrung des ungedeckten Papiergeldes wie die Fliegen am Fliegenfänger.

Sie hat Industrien und Arbeitsplätze geschaffen, die nur entstehen konnten, weil die ungedeckten Geldmengen permanent ausgeweitet worden sind, und die untergehen würden, wenn die Geldmengenvermehrung gestoppt würde. Vor die Wahl gestellt, die Geldmengen weiter auszuweiten oder die Geldmengenvermehrung einzustellen, wird sich vermutlich eine Mehrheit für ersteres und gegen zweiteres finden.

Den Preis für den monetären Irrsinn der letzten Jahrzehnte ist verständlicherweise niemand bereit zu bezahlen, und in der Vermehrung der Geldmenge sehen viele den Weg des geringsten Übels. Die irrtümliche Theorie - nämlich dass die Geldmenge wachsen müsse, damit die Volkswirtschaft wachsen kann -, erweist sich als folgenschwer: Sie schadet dem zivilisatorischen Fortschritt schwer, befördert wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen, die zum Scheitern verurteil sind.

Das Bestreben, das ungedeckte Papiergeldsystem zu bewahren, wird Freiheit und Wohlstand der Menschen ruinieren. Für Europa hat der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, am 26. Juli 2012 den Weg bereits gewiesen.

Er sprach die Worte aus: "Whatever it takes", die vielfach übersetzt werden als "Was immer auch erforderlich sei" werde getan, um den Euro zu erhalten. Die treffende Übersetzung ist jedoch: "Ohne Rücksicht auf Verluste" werde der ungedeckte Papiergeld-Euro erhalten - wenn es sein muss auch gegen die bürgerlichen und unternehmerischen Freiheiten. Goethe drückt das Drama poetisch so aus: "So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern sollte."


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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