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Geld trifft Klima

22.11.2020  |  Manfred Gburek
Ein aktueller Beitrag in der Zeitschrift "journalistin" beginnt mit der Bestandsaufnahme zu diesem besonders unter jungen Menschen beliebten Beruf - und kommt sofort danach zu einem Vorab-Fazit, das ein Schlaglicht auf die ganze Medienlandschaft wirft: "Idealerweise gehen Journalist*innen ihre Arbeit möglichst unabhängig von ihrem persönlichen Hintergrund an. Doch die eigenen Erfahrungen beeinflussen immer auch den Blick auf Debatten und die Auswahl von Themen."

Der Beitrag stützt sich auf eine breit angelegte Studie, bei der ARD-Volontäre Frage und Antwort gestanden haben. Darin eingebettet ist die sogenannte Sonntagsfrage: Würde am kommenden Sonntag gewählt, käme in der Gruppe der 18- bis 39-Jährigen dieses Ergebnis heraus (jeweils in Prozent): Union 33, Grüne 27, SPD 13, Die Linke 9, AfD 8, FDP 6, Sonstige 4 Prozent. Und nun kommt der Clou: Würden am Sonntag nur ARD-Volontär*innen wählen, ergäbe sich dieses Ergebnis: Grüne 57,1, Die Linke 23,4, SPD 11,7, Sonstige 3,9, Union 3,0, FDP 1,3 Prozent.

Zugegeben, bis zur Bundestagswahl werden, falls nichts dazwischen kommt, noch rund zehn Monate vergehen. Doch als Trendbarometer kann man diese Ergebnisse durchaus werten. Insofern seien hier noch weitere zitiert, die einen Einblick in die journalistische Arbeit gewähren: "60 Prozent der aktuellen Volontär*innen sind weiblich. - Insgesamt ist das Geschlechterverhältnis in der ARD zwar ausgeglichen, aber die Führungspositionen werden nur zu 38 Prozent von Frauen besetzt. - 30 Prozent gaben in der Befragung an, einen Migrationshintergrund zu haben. Das bedeutet, dass entweder sie selbst oder mindestens ein Elternteil aus dem Ausland kommen."

Die hier zitierte Zeitschrift trug bis zu ihrer September-Ausgabe den Titel "journalist". Die Änderung mit dem angehängten "in" lässt sich je nach Gusto entweder als Verbeugung vor dem weiblichen Geschlecht oder als Kampfansage werten. Und noch etwas fällt auf: Zum Abschied aus dem männlichen Titel hieß dieser "Die Grüne Ausgabe". Damit schließt sich der Kreis: Nicht nur Volontäre stehen auf Grün, sondern auch gestandene Journalisten. Bei so viel Schützenhilfe brauchen Rolf Habeck und Annalena Baerbock in den kommenden Monaten eigentlich nur still zu halten, und schon fliegen ihnen die Stimmen zur Bundestagswahl zu.

Das Ganze hat auch eine finanzielle Komponente, verpackt als Einsatz für Klimaneutralität, Nachhaltigkeit oder ESG (Environment, Social, Governance) und begleitet von sogenannten grünen Anleihen, über deren Wertigkeit man streiten kann. Denn ein virtuelles Grün bedeutet: Bonus für Großanleger, Malus für Großanleger.

Asoka Wöhrmann, Chef der Deutsche Bank-Tochter DWS, steckt seine Anlagestrategie wie folgt ab: Die Bekämpfung des Klimawandels sei "eine kollektive Aufgabe dieser Generation, zu der wir uns gerne bekennen. Auch, weil wir hier an Wachstumspotential für die DWS glauben und weil wir im Bereich der Nachhaltigkeit unter den Vermögensverwaltern führend sein wollen."

Der deutsche Fondsverband BVI kommt in seinen jüngsten Recherchen sogar schon zu berauschenden Ergebnissen: Das Vermögen offener Nachhaltigkeitsprodukte betrage 129 Milliarden Euro. Allein seit Jahresmitte sei das Volumen entsprechender Fonds um 27 Prozent gestiegen. Was sagt uns das? Der BVI verweist zwar auf seine Wohlverhaltensregeln; aber welche Geldanlage im konkreten Fall als nachhaltig zu definieren ist, bleibt offen. Denn ssowohl national als auch international gibt es verschiedene Auswahlkriterien. Wie es unter anderem vonseiten der EU heißt, wird an einer Vereinheitlichung gearbeitet.

Dabei gibt es vonseiten der EU bereits den "Green Deal"; da wird mal eben gut eine halbe Billion Euro für nachhaltige Projekte in Aussicht gestellt, die auf Umwegen letztlich aus Steuerzahlern finanziert werden sollen. Obendrein ist Deutschland mit etwa 500 Milliarden Euro dabei. Wer die Zahlen kritisch hinterfragt und wissen will, was es konkret mit ihnen auf sich hat, erhält in der Regel die Antwort, grüne Programme dienten nicht allein einem gesunden Klima, sondern sie sorgten auch für die Erhaltung von Arbeitsplätzen.

Will man das ganze Szenario in Worte fassen, führt uns diese Aussage etwas weiter: Geld trifft Klima. Dagegen ist im Prinzip kaum etwas einzuwenden - gäbe es da nicht das Problem mit den erwähnten Wohlverhaltensregeln. Soll etwa am Ende jede Sparkassenfiliale darüber bestimmen können, ob ihre Dekafonds nachhaltig sind? Oder führen Ausschlusskriterien wie beispielsweise keine Investition in Rüstungsaktien, zum Boykott von Airbus-, Rheinmetall- oder Hensoldt-Aktien, auch wenn die drei Konzerne mit ihren Rüstungssparten der Verteidigung Deutschlands und Europas dienen? Jedenfalls müssen Fondsmanager, die mit solchen Fragen konfrontiert sind, einen allseits akzeptierten Kompromiss aushandeln.

An der grünen Zukunft ist indes nicht mehr zu rütteln. Sie wird sich - Definitionsprobleme hin oder her - auf Investitionen konzentrieren, die möglichst hohe Gewinne versprechen, ohne der Umwelt zu schaden. Demzufolge werden davon solche Aktien profitieren, hinter denen erfolgversprechende grüne Geschäftsmodelle stecken. Die Auswahl ist riesengroß. Sie reicht von Linde, Vestas und Siemens Gamesa bis zu BYD, Geely und weiteren chinesischen Autoaktien.

Ein Aspekt ist noch besonders zu beachten: Wir haben es derzeit an den Weltbörsen mit viel Kursphantasie zu tun. Dadurch werden immer mehr Spekulanten angelockt. Das führt zeitweise zu heftigen Kursausschlägen nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. Dieses Auf und Ab gilt es diszipliniert zu nutzen - eine schwere, aber nicht unlösbare Aufgabe, die man mithilfe einer gewissen Streuung und mit Limits lösen kann. Viel spricht dafür, dass wir es in den nächsten zwei bis drei Monaten mit einer solchen Entwicklung zu tun bekommen werden.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu: Auf ins Finanzdickicht!


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