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Polen/Ungarn/EU - EZB mit klarer Verbalakrobatik - China kommt

27.11.2020  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,1923 (06:01 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,1885 im europäischen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 103,94. In der Folge notiert EUR-JPY bei 123,95. EUR-CHF oszilliert bei 1,0800.

An den Finanzmärkten hat sich bis auf eine Ausnahme nicht viel getan. Bitcoin stürzte gestern zweistellig ab.

In den letzten 24 Handelsstunden erreichten uns aus China extrem positive Daten. Die Gewinne der Industrieunternehmen sprudeln (siehe Datenpotpourri).


EU-Problem Warschau und Budapest

Das Rechtsstaatlichkeitsgebot, das ohne Gewaltenteilung unmöglich ist, ist für EU-Mitglieder bindend und keine Beliebigkeit. Die Versuche Warschaus und Budapests, essentiellste EU-Grundlagen mit erpresserischen Mitteln auszuhebeln, ist Ausdruck dafür, dass sie die EU solitär als Melkkuh interpretieren.

An dieser Stelle wird unumstößlich klar, dass der Erweiterungsprozess der EU unter Missachtung der Kriterien, die für den Beitritt eindeutig definiert waren, fehlerhaft war. Aus diesem Grunde sind wir sehr glücklich, dass zumindest Präsident Macron den Erweiterungsprozess (Balkan) unter Berücksichtigung der Erfahrungen neu gestalten will. Die Position Berlins wirft hier nur inhaltsschwere Fragen auf.

Zu den Fakten: Im Konflikt über den EU-Finanzplan, der von Warschau und Budapest initiiert wurde, haben sich Polen und Ungarn für eine Änderung der EU-Verträge ausgesprochen. Das ist sportlich, wenn zwei überschaubar große EU-Länder faktisch 25 andere EU-Länder majorisieren wollen (undemokratisch), um essentielle Grundlagen der EU nach eigenem Gusto umzugestalten und dafür das EU-Budget als Erpressungsmaßnahme wählen.

Aus Polen und Budapest verlautet, dass zur Überwindung der von ihnen ausgehenden Blockade des EU-Budgets zweigleisig vorgegangen werden solle. Gleichzeitig zu den Verhandlungen über das EU-Budget sollte im Europäischen Rat "diskutiert" werden, ob die Rechtsstaatlichkeitsthematik und die finanziellen Interessen der EU gekoppelt werden sollten. Faktisch wollen Warschau und Budapest mit der Entkoppelung der Themen sicherstellen, dass die Gelder fließen und das essentielle Thema Rechtsstaatlichkeit/Gewaltenteilung, das in Polen und Ungarn karikiert wird, keine absehbaren Folgen hat.

In EU-Kreisen wurde der Vorstoß zurecht zurückgewiesen. Es gebe keine Unterstützung im Rat/EU-Parlament, die Frage der Kopplung neu zu diskutieren. Polen und Ungarn sind immer stärker in der EU isoliert. Das ist auch bitter notwendig.

Erlauben Sie mir eine süffisante Anmerkung. Polen unterstützt die USA an allen Stellen, so auch in der Demokratisierung der Ukraine, dem Kampf gegen Moskau und geht selbst innenpolitisch Wege, die in eine ganz andere Richtung weisen. Was sagt Ihnen diese Asymmetrie bezüglich Glaubwürdigkeit? Wem gegenüber ist Polen eigentlich loyal, der EU (die bisher zahlt) oder den USA (die Geschäfte macht)?


Verbalakrobatik der EZB: Da kommt was!

Das Thema verstärkter expansiver Schritte der bedeutenden westlichen Zentralbanken drängt dank diverser Einlassungen immer stärker in den Vordergrund.

Gestern lieferte die EZB unmissverständliche Verbalakrobatik. EZB-Chefvolkswirt Lane warnte davor, einen längeren Zeitraum eine zu niedrige Inflationsrate in der Eurozone zu akzeptieren (dritter Monat in Folge negative CPIs, zuletzt -0,3%).

Diese Akzeptanz würde sich belastend auf die Erholung des Konsums und auf die Investitionstätigkeit auswirken. Zusätzlich würden die Inflationserwartungen fallen. Diese Einlassungen sind implizit eine Ansage, dass weitere expansive Maßnahmen zeitnah anstehen.

Aus Sicht von EZB-Ratsmitglied Holzmann (Notenbankchef Österreichs) wird der Umfang möglicher neuer Schritte von den EZB-Konjunkturprognosen, die am 10. Dezember veröffentlicht werden, abhängen. Er betonte, dass die EZB nicht nur über weitere Programme nachdenken, sondern alle Möglichkeiten diskutieren würde.

Explizit schloss er Aktienkäufe zunächst aus. Dass er das Thema ansprach, verdeutlicht, dass man seitens der EZB die Erfahrungen der Bank of Japan und der Schweizer Nationalbank, die beachtenswert Kapitalstock (Aktien) einsammeln (impliziter Inflationsschutz), auf dem Radarschirm potentieller Maßnahmen hat.

Wir sind erfreut, dass eine weitere Absenkung der EZB-Einlagezinsen offensichtlich nicht erwogen ist (kritischer Grenznutzen).


Ergo zeichnen sich zwei Maßnahmenpakete ab:
  • Das Anleiheprogramm PEPP wird quantitativ und qualitativ erweitert.
  • Liquiditätsspritzen (TLTROs) für den Finanzsektor werden verstärkt (Umfang, Zeitfenster).


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden: China kommt!

China: Starke Gewinnentwicklung in Industrie

Die Gewinne der Industrieunternehmen Chinas legten per Oktober im Jahresvergleich (ergo vor Covid-19) um 28,20% nach zuvor 10,10% zu. Im Ablauf von Januar bis Oktober ergab sich ein Anstieg im Jahresvergleich um 0,7% nach zuvor -2,4%.


Eurozone: Keine neuen Erkenntnisse

Die Geldmenge M-3 legte per Oktober im Jahresvergleich um 10,5% (Prognose 10,4%) nach zuvor 10,4% zu. Die Kreditvergabe an private Haushalte stieg wie im Vormonat um 3,1%. Unternehmenskredite weiteten sich im Jahresvergleich um 6,8% nach zuvor 7,1% aus. Der Index des Verbrauchervertrauens Irlands legte per November von zuvor 52,6 auf 65,5 Zähler zu und markierte den höchsten Indexstand seit März 2020. Die deutschen Importpreise verzeichneten per Berichtsmonat Oktober im Monatsvergleich


Japan: Preisrückgang

In Tokio sanken die Verbraucherpreise im Jahresvergleich per Berichtsmonat November um 0,7% nach zuvor -0,3%. Hier kam es zum größten Rückgang seit April 2013.


Russland: Wenig Veränderung bei Reserven

Die Devisenreserven stellten sich in der Berichtswoche per 20. November auf 584,9 nach zuvor 583,9 Mrd. USD.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den Euro gegenüber dem USD favorisiert. Ein Unterschreiten des Unterstützungsniveaus bei 1.1580 - 1.1610 negiert den positiven Bias.

Bleiben Sie gesund, viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Solvecon Invest GmbH



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