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Ökonomische Gesetze und die Logik des menschlichen Handelns

30.12.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
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Ein weiteres Problem des Empirismus ist das Folgende: Die Empiristen stellen Hypothesen auf ("Wenn-dann-Aussagen") und überprüfen ihren Wahrheitsgehalt mit Beobachtungen. Nehmen wir an, die untersuchte Hypothese wird bestätigt. Ist sie dann verifiziert? Die Antwort ist nein. Denn es kann ja sein, dass künftige Beobachtungen sie widerlegen.

Und was ist, wenn die Hypothese nicht bestätigt wird? Ist sie dann widerlegt? Nein, denn es kann ja sein, dass die Hypothese durch künftige Beobachtungen gestützt wird. Man erkennt: Der Empirismus ist nicht nur in sich widersprüchlich, er kann auch keine abschließenden Wahrheitsaussagen bereitstellen. Er kann nur zeigen, dass etwas in der Vergangenheit so oder so war, aber daraus lassen sich keine Gesetzmäßigkeiten ableiten. Der Falsifikationismus behauptet mit einem absoluten Wahrheitsanspruch, dass eine Hypothese nicht verifizierbar ist, dass sie bestenfalls nicht falsifiziert, also nicht verworfen werden kann.

Doch diese Aussage lässt sich mit dem Falsifikationismus nicht begründen, sie wiederspricht ihm sogar! Denn wie kann diese Behauptung absolute Gültigkeit beanspruchen, wenn, wie es der Falsifikationismus ja behauptet, eine Aussage sich bestenfalls bis auf weiteres nicht widerlegen lässt, sie aber niemals als verifiziert gelten kann?

Hinzu kommt das Problem, dass Beobachtungen, die zur Überprüfung von Hypothesen verwendet werden, theorieabhängig sind. Es gibt keine "theorielose" Erfahrung, sondern Erfahrung wird stets auf der Grundlage einer Theorie gemacht. Wenn es aber, wie die Falsifikationisten behaupten, kein sicheres Wissen gibt, so kann es auch kein sicheres Wissen über die Richtigkeit von Beobachtungen geben, die ja unter Zuhilfenahme von Theorien gemacht werden.

Die richtigen Theorien können sich schließlich im Zeitablauf ändern, und wenn das der Fall ist, werden sich auch die Beobachtungen ändern, denn sie hängen ja von der jeweils verwendeten Theorie ab. Man kann also nicht sicher sein, dass die Beobachtungen, die zur Überprüfung von Theorien Verwendung finden, die richtigen sind. Kurzum: Der Falsifikationismus kann die erkenntnistheoretischen Defizite des Empirismus, die er vorgibt zu lösen, nicht lösen.


Methodologischer Dualismus

Die wissenschaftliche Methode, die in den Naturwissenschaften angewandt wird, hat - wie bereits gesagt - Einzug in die Volkswirtschaftslehre gehalten. Dafür dürfte maßgeblich der US-amerikanische Ökonom Milton Friedman mit seinem Aufsatz "The Methodology of Positive Economics" (1953) beigetragen haben. Doch ist das erkenntnistheoretisch angemessen? Die Antwort, die der österreichische Ökonom Ludwig von Mises auf diese Frage gibt, lautet: Nein. Denn, so Mises, die wissenschaftliche Methode der Naturwissenschaft lässt sich nicht sinnvoll auf die Nationalökonomie anwenden.

Das Erkenntnisobjekt der Naturwissenschaften ist nämlich ein ganz anderes als das der Nationalökonomie. In der Naturwissenschaft geht es um Naturphänomene. In der Nationalökonomie geht es um das Handeln des Menschen. In der Naturwissenschaft wird (vereinfachend gesprochen) nach Ursache-Wirkungszusammenhängen gesucht. Hat man eine Ursache gefunden, versucht man, die Ursache für diese Ursache zu finden. Und so weiter. Man sucht nach der Letztbegründung der Naturphänomene - die bislang jedoch noch nicht gefunden wurde. Im Bereich des menschlichen Handelns ist das jedoch anders: Hier kennen wir bereits die Letztbegründung:

Wir wissen aufgrund logischer Überlegungen, dass das menschliche Handeln durch Ideen (oder Theorien) verursacht ist. Wie erklärt sich das? Wollte man die Aussage "Das menschliche Handeln wird durch Ideen getrieben" verneinen, so müsste man annehmen, dass das menschliche Handeln von anderen, von sichtbaren äußeren Faktoren bestimmt wird. Doch es ist bislang nicht bekannt, welche äußeren Geschehnisse (physikalischer, chemischer und physiologischer Art) menschliche Ideen bilden und in welcher Weise sie die Werturteile der Handelnden beeinflussen.

Es gibt bislang keine Erkenntnis, die uns sagt, dass der handelnde Mensch immer und überall auf einen bestimmten Impuls in einer ganz bestimmen Art und Weise reagiert. Selbst die überzeugtesten Positivisten erheben nicht diesen Wissensanspruch! Es lässt sich logisch auch gar nicht denken, dass sich die Ideen, die das menschliche Handeln bestimmen, durch externe Größen jemals erklärt werden könnten. Denn wenn das der Fall wäre, dann hieße das, dass sich das menschliche Handeln vorhersagen ließe. Das aber ist - bei genauem Nachdenken - unlogisch, ist denkunmöglich.

Der handelnde Mensch ist nämlich ein lernendes Wesen - und man kann die Lernfähigkeit des Menschen nicht widerspruchsfrei verneinen. Wer sagt "Der Mensch kann nicht lernen", der unterstellt, dass seine Zuhörer lernfähig sind, dass sie das, was er sagt, noch nicht wissen, es aber lernen können; sonst würde er es ja nicht sagen. Er begeht einen performativen Widerspruch.

Und wenn man sagt: "Der Mensch kann lernen nicht zu lernen, der begeht einen offenen Widerspruch. Wenn man also die Lernfähigkeit des Menschen nicht widerspruchsfrei verneinen kann, dann kann es auch keine homogenen, vergleichbaren Datenpunkte des menschlichen Verhaltens geben, wie man sie im Bereich der Naturwissenschaft gewinnen kann. In den Naturwissenschaften lassen sich reproduzierbare Experimente machen, Versuche unter gleichen Bedingungen. Beispiel: Chemikalie A wird mit Chemikalie B vermischt, und das führt zu einer Reaktion X.

Derartige reproduzierbare Experimente unter sonst gleichen Bedingungen sind im Bereich des menschlichen Handelns nicht möglich. Das menschliche Handeln findet stets unter einer Vielzahl von Einflussfaktoren statt. Es ist nicht möglich, einen Faktor zu verändern, während man alle anderen Faktoren konstant hält (wie es in naturwissenschaftlichen Laborexperimenten möglich ist). Zudem ist der Mensch lernfähig, wie bereits aufgezeigt.

Folglich ist jede Handlung eines Menschen, die man in der Vergangenheit beobachten konnte, einzigartig, nicht reproduzierbar, nicht in der Weise analysierbar, wie die Datenpunkte eines naturwissenschaftlichen Experiments. Ludwig von Mises zeigt damit auf, dass die Nationalökonomie nicht als Erfahrungswissenschaft (wie es die Naturwissenschaft ist) gedacht und praktiziert werden kann. Folgerichtig fordert er einen methodologischen Dualismus. Damit meint er, dass die wissenschaftliche Methode in der Nationalökonomie eine andere sein muss als die, die in den Naturwissenschaften angewandt wird.



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