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Das Risiko einer Überstimulation

24.02.2021  |  John Mauldin
Jede der vielen verrückten und unvorhergesehenen Veränderungen des letzten Jahres ist ein neuer Aspekt der Keynesianischen Wirtschaftstheorie. Praktisch jeder Machthaber ist nun der Ansicht, dass Defizitausgaben BIP-Wachstum verursacht. Sie widersprechen sich nur in Hinsicht auf das erwartete Ausmaß und die geschätzte Dauer. Die wenigen Ausnahmen gibt es meist außerhalb der Machthallen.

Dies ist wichtig, weil Defizitausgaben, die bereits höher als jemals zuvor sind, noch weiter zunehmen werden, wenn der Kongress das Erholungspaket von Präsident Biden verabschiedet. Ich sehe es als unvermeidbar, dass es verabschiedet werden wird, da die Demokraten die notwendigen Stimmen haben und bei den wichtigsten Themen einer Meinung zu sein scheinen. Sie werden vielleicht einige Details anpassen, um Manchin oder Tester zufrieden zu stellen, doch die endgültige Höhe wird irgendwo nahe der gewünschten 1,9 Billionen Dollar liegen.

Zusätzlich zu Billionen bereits verabschiedeter Pakete, einem Haushaltsdefizit, das sich bereits vor der Pandemie nahe 2 Billionen Dollar befand und einer Federal Reserve, die auf eigene Weise stimuliert, fragen sich die Leute nun, ob das nicht zu viel ist. Die Antwort hängt vom "Greifarm" des Coronavirus ab. Wenn die Impfstoffe gut genug funktionieren und weitreichend genug verabreicht werden, um die neuen Varianten zu stoppen und im späteren Verlauf des Jahres eine Normalisierung der Wirtschaft zu ermöglichen, mag all dieses Geld vielleicht exzessiv sein. Steigende Verbrauchernachfrage, in Kombination mit Angebotsproblemen, könnte Inflation auslösen.

Doch wenn sich die Pandemie bis zum Sommer fortsetzt, dann bedeutet dies, dass uns der Greifarm noch immer in den Fängen hat. Die Beschäftigtenzahlen werden sich nicht erholen und weitere Kleinunternehmen werden scheitern. Dieses Erholungspaket - so groß es auch ist - könnte sich als notwendig und vielleicht sogar zu klein erweisen.

Die Experten, denen ich vertraue, sind bei dieser Frage nicht einer Meinung. Doch die Debatte ist philosophisch wichtig. Nichts unterstreicht das mehr als der Kommentar meines persönlichen, wirtschaftlichen Dorn im Auge, die Befürworterin der modernen Geldtheorie Dr. Stephanie Kelton. Auf die Frage hin, ob sie darüber besorgt sei, dass das Stimuluspaket Inflation verursachen wird, entgegnete sie:

"Denke ich, dass die vorgeschlagenen 1,9 Billionen Dollar Gefahr laufen werden, eine Nachfragesoginflation auszulösen? Nein. Doch zumindest fokussieren wir uns hier auf das Inflationsrisiko und sprechen nicht darüber, dass uns das Geld ausgeht. Die Konditionen der Debatte haben sich geändert."

Das ist genau das, was uns besorgen sollte. Niemand, mit Ausnahme einiger alter, klassischer Volkswirtschaftler, scheint um die wachsenden Schulden besorgt zu sein. Heute erkunden wir, wohin uns das alles führen könnte.


Das Argument für Inflation

Die Sorge, dass es zu einer Überstimulation kommen könnte, trat diesen Monat auf den Plan, als der ehemalige Finanzminister Larry Summers, ein Demokrat, hervorhob, dass man die "Output-Lücke" deutlich übersteigen werde, die in den aktuellsten Wirtschaftsprognosen des Congressional Budget Office gezeigt wurde.

Was ist eine Output-Lücke? Das Bruttoinlandsprodukt misst das Wirtschaftswachstum. Volkswirtschaftler kalkulieren außerdem das "mögliche BIP"; also wie stark die Wirtschaft wachsen könnte, wenn jeder verfügbare Arbeiter und andere Ressourcen vollständig eingesetzt würden. Inflation tritt tendenziell auf, wenn das tatsächliche BIP das mögliche BIP übersteigt, weil die Wirtschaft "heiß läuft." Eine Output-Lücke ist das Gegenteil; also wenn die Wirtschaft deutlich unter ihrer möglichen Leistung operiert. Das ist es, was wir während Rezessionen erleben.

Natürlich umfasst dies zahlreiche Annahmen. Das BIP an sich hat ebenfalls Probleme, ist jedoch trotzdem ein nützlicher Rahmen für Analysen. Regierungs- und Zentralbankpolitik sollten darauf abzielen, die Wirtschaft gemäß ihres Potenzials am Laufen zu halten: nicht zu heiß, nicht zu kalt.

Larry Summers merkte an, dass Bidens Erholungspaket etwa 150 Milliarden Dollar im Monat injizieren wird, während das CBO erklärte, dass die monatliche Lücke zwischen dem tatsächlichen und dem möglichen BIP nun bei etwa 50 Milliarden Dollar läge und bis Jahresende auf 20 Milliarden Dollar im Monat sinken soll. Wenn dies der Wahrheit entspricht, bedeutet das, dass wir deutlich mehr Geld injizieren werden, als die Wirtschaft händeln kann. Irgendwo muss es überschwappen und das könnte zu einer Preisinflation führen. Hier ein Zitat von Summers:

"Während es enorme Unsicherheit gibt, so besteht die Chance, dass makroökonomischer Stimulus ähnlich der Niveaus vom Zweiten Weltkrieg zu inflationärem Druck führen wird, den wir seit Generationen nicht so erlebt haben; das wird Konsequenzen für den Wert des Dollar und die Finanzstabilität haben. Dies wird handhabbar sein, wenn Geld- und Fiskalpolitik rapide angepasst werden können, um das Problem anzusprechen.

Doch angesichts der Versprechungen der Fed, die Ignoranz der Offiziellen gegenüber der Möglichkeit einer Inflation sowie die Schwierigkeiten dabei, Kongress-Unterstützung für Steuererhöhungen oder Ausgabensenkungen zu erhalten, besteht das Risiko, dass die Inflationserwartungen scharf steigen werden. Stimulusmaßnahmen diesen Ausmaßes sind Schritte ins Ungewisse. Um glaubwürdig zu sein, müssen sie mit klaren Statements einhergehen, dass die Konsequenzen genau im Auge behalten werden und dass es, falls notwendig, die Kapazität sowie den Willen gibt, die Politik rasch anzupassen."


Andere teilen Summers Sorgen und fügen der Liste weitere Punkte hinzu. Der ehemalige Präsident der New Yorker Fed, Bill Dudley, schrieb in einer Bloomberg-Kolumne im Dezember über Gründe, sich um eine schnellere US-Inflation zu sorgen. Ich fasse seinen Artikel hier zusammen:

1. Die Art und Weise, wie der Preis letzten April und Mai abrupt fiel, wird die Jahresvergleiche diesen Frühling verändern und die jährlichen Inflationszahlen nach oben katapultieren.

2. Während normale Ausgaben im späteren Verlauf des Jahres zurückkehren, werden Unterhaltungs- und Hotelbranche Preiskraft zurückerhalten. Scharfe Preisanstiege könnten notwendig sein, um die Nachfrage nach vermindertem Angebot auszugleichen.

3. Unternehmen werden nicht in der Lage sein, höhere Nachfrage zu bedienen, indem sie einfach mehr produzieren. Viele Expansionsprojekte und -investments wurden letztes Jahr ausgesetzt und einige Unternehmen sind einfach verschwunden.

4. Die Fed überarbeitete kürzlich ihren politischen Leitfaden, um höhere Inflation zu erlauben. Das Ziel ist nun eine durchschnittliche Inflation von 2% über einen nicht definierten Zeitraum. Da sich diese derzeit unter 2% befindet und dies jahrelang der Fall war, heißt es jetzt, dass sie über einen langen Zeitraum über 2% steigen kann.

5. Veränderungen der politischen Kontrolle und des fiskalpolitischen Denkens bedeuten, dass die Regierung nun wahrscheinlich aggressiver Ausgaben tätigen wird und es weniger wahrscheinlich ist, dass der Stimulus rasch gestoppt werden wird.


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