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Zinswende: Eine explosive Mischung

21.02.2021  |  Manfred Gburek
Jahrelang wurde die Zinswende geradezu beschworen, im Lauf der Zeit allerdings immer weniger. Jetzt ist sie da, nur die breite Öffentlichkeit nimmt von ihr vorerst kaum Kenntnis. Dieser Schwebezustand mag noch eine Weile anhalten; dass ihm die Rückkehr in alte Zeiten bevorsteht, ist jedoch höchst unwahrscheinlich. Denn die Zinswende lässt sich mit wenigen Überlegungen begründen.

An erster Stelle sei dazu der Renditeanstieg amerikanischer Staatsanleihen genannt. Repräsentativ: Die zehnjährigen mit einem Sprung aus der Zone um null auf aktuell 1,3 Prozent. In deren Gefolge rentieren auch Anleihen weltweit höher als noch vor wenigen Monaten, etwa Bundesanleihen. Je länger die Laufzeit der Anleihen, desto höher sind zwar ihre temporären Kursverluste. Aber große Kapitalsammelstellen, zum Beispiel Versicherer oder Pensionsfonds, rechnen anders: Deren Verwalter ärgern sich nicht so sehr über zwischenzeitliche Kursverluste, sondern sie freuen sich über höhere Zinsen bis zum Ende der Anleihenlaufzeit. Daraus erklärt sich unter anderem der jahrelange Run auf Hochzinsanleihen von fragwürdiger Bonität.

Die Zinswende wirkt sich umfangreich aus, außer auf Anleihen auch auf Aktien, Immobilien einschließlich Baukrediten, Gold und Silber. Besonders spannend ist zurzeit der Zusammenhang zwischen Gold, Silber und Zinsen. Da beide Edelmetalle zinslos sind, erklären sich ihre schwankenden Preise aus anderen Faktoren, die auf sie einwirken, zuvorderst aus dem laufend wertloser werdenden Papiergeld, sprich: Inflation (positiv für Gold und Silber) und aus steigenden Anleihenrenditen (im ersten Schub negativ für Gold und Silber, später wegen sinkender Realrenditen ebenfalls positiv).

So weit die gängige Interpretation. Um sie mit einem weiteren Argument auf den Punkt zu bringen: Gängige Anleihen bieten in der Regel eine laufende Verzinsung, und sei sie noch so gering (wie zurzeit), während Gold und Silber zinslos bleiben. Von hier an gilt es, zwischen den beiden Edelmetallen zu differenzieren: Das zinslose Gold ist primär ein Wertspeicher mit der Aufgabe, vor der Papiergeld-Inflation zu schützen. Dagegen übt Silber zusätzlich - zeitweise sogar primär - noch eine andere Funktion aus: Während das meiste Gold gehortet und mit einem nur geringen Teil zu Schmuck verarbeitet wird, dient Silber etwa zur Hälfte der Verarbeitung in der Industrie.

Wer die Preisentwicklung der beiden Edelmetalle laufend verfolgt, konnte zuletzt feststellen, dass der Silberpreis im Vergleich zum Goldpreis während der vergangenen Monate besser abgeschnitten hat, konkret: Seit dem vergangenen August mit einer Seitwärtsbewegung (wenn man die Preise glättet), während der Goldpreis (ebenfalls geglättet) gefallen ist. Aus beiden Entwicklungen lässt sich schließen, dass Silber in der fraglichen Zeit offenbar eher seine Funktion als Industriemetall wahrgenommen hat (ähnlich wie etwa Kupfer, Eisenerz und Nickel), statt der Funktion als Wertspeicher gerecht zu werden.

Was ist aus alldem zu schließen? Greifen wir dazu wieder die zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen heraus, die aktuell zu 1,3 Prozent rentieren - zwar nicht gerade ein Schnäppchen, aber immerhin besser als das symbolische Sparbuch. Zu beachten ist jedoch, dass Anleihen generell, abgesehen von den nicht gerade zahlreichen inflationsindexierten, nominale Werte darstellen. Das heißt: Kommt es zur Inflation, verlieren Anleihen an Wert und damit an Kaufkraft.

Aber was für eine Inflation? Darüber lässt sich streiten. Traditionell, vor allem in Deutschland, unterteilt man sie gern in die schleichende, in die trabende und in die galoppierende Inflation, jeweils abgeleitet aus der Entwicklung einer sogenannten Warenkorbs. Nur sind Warenkörbe so eine Sache: Spiegeln sie wirklich die Inflation wider? Tatsache ist: mal ja, mal nein. Und wie steht es um die Asset Inflation, also um den Preisanstieg von Sachwerten, zu denen man vor allem Immobilien, Aktien und Edelmetalle zählt? Sinnigerweise gehörten in den vergangenen Jahren sogar Anleihen zu den Assets - immerhin brachten sie zum Teil hohe Kursgewinne. Doch damit ist jetzt Schluss.

Nebenbei sei noch erwähnt, dass in jüngster Zeit wieder mal Zentralbanker um die vermeintlich richtige Interpretation der Inflation streiten. Das bringt uns indes nicht weiter, weil es letzten Endes in eine pseudo-volkswirtschaftliche Diskussion mündet. Dabei geht es im Wesentlichen darum, die Schwankungen der Inflationsrate auszugleichen. Wem das wirklich nützen soll, sei dahingestellt.

Viel wichtiger wäre es, gerade jetzt alle Daten zu erfassen, die geeignet sind, uns im Zuge Korona-Krise die wahre Inflation verständlich zu machen. In ihr steckt nämlich viel Brisanz - allein schon deshalb, weil der klassische Warenkorb uns da nicht weiterhilft. Man stelle sich nur Folgendes vor: Frisöre, Restaurants, Läden und viele weitere Korona-Opfer gehen wieder zur Tagesordnung über. Dann werden diejenigen Dienstleister, die ihre Wartezeit ohne Pleite überstanden haben, die Umsatz- und Ertragsausfälle so schnell wie möglich zu kompensieren versuchen. Folglich ist mit saftigen Preisaufschlägen zu rechnen.

Und weil viele Pleiten die Zahl der Anbieter ebenso schrumpfen lassen, wie die Unterbrechungen der Lieferketten zusätzlich für Inflationsschub sorgen, bedeutet das: Wer überlebt, befindet sich in der Position der Stärke - und kann höhere Preise verlangen als vor Korona.

Da es sich hier um eine globale Betrachtungsweise handelt, ist damit zu rechnen, dass die Konsequenzen ebenfalls global sein werden. Die Vorzeichen sind schon gegeben: Aktienkurse halten sich auf hohem Niveau als Vorboten der Konjunktur, und die Wirtschaft verspricht in allen großen Ländern zu brummen. Für weiteren Schub sorgen die aufwärts gerichteten Preise der wichtigsten Rohstoffe. Was jetzt noch fehlt, ist eine Initialzündung für die Preise von Gold und Silber. Allzu lange wird sie nicht mehr auf sich warten lassen. Die Inflation des Papiergelds wird ihr den Boden bereiten. Die entscheidenden Gründe sind ja bereits genannt.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu: Aktien sind wie Filetstücke


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