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Unbarmherziges, preisunempfindliches Kaufen

11.04.2021  |  Steve Saville
[Dies ist ein Auszug aus einem Artikel, der ursprünglich vor sechs Wochen auf www.tsi-blog.com veröffentlicht wurde, jedoch noch immer relevant bleibt.]

Wir haben uns auf den geldpolitischen Tsunami fokussiert, der von Zentralbanken in Bewegung gebracht wurde, doch es gibt eine weitere Kraft, die zu den rekordhohen Bewertungen am US-Aktienmarkt beiträgt. Diese Kraft ist die Veränderung hin zu passivem und ETF-fokussiertem Investment, die vor mehr als zwei Jahrzehnten begann und nun die Geldflüsse innerhalb des Aktienmarkt dominiert.

Die sogenannten "passiven" Strategien verwenden regelbasiertes Investment. Oft, um einen Index nachzufolgen, indem alle einzelnen Bestandteile oder ein repräsentatives Beispiel dieser Bestandteile gehalten wird. Seitens des Assetmanager gibt es keine Diskretion. Geld, das beispielsweise in einen S&P500 Index-Fonds fließt, wird in alle Aktien des S&P500 basierend auf ihrer Gewichtung investiert; die Aktien mit den höchsten Marktanteilen werden den Großteil dieses Geldes erhalten.

Je teurer eine Aktie wird, desto mehr Investment zieht sie an und desto teurer wird sie. Die Gewichtung von Apple im S&P500 Index ist derzeit 500-mal so groß wie die von Xerox. Wenn also Geld in den S&P500 Index-Fonds fließt, dann wird der Anteil des Geldes, das in Apple fließt automatisch 500-mal so viel sein, wie das Geld, das in Xerox-Aktien fließt. Eine relative hohe Bewertung, die auf vergangener Performance beruht, ist also keine Einschränkung zukünftiger, relativer Stärke, sondern erschafft sogar zusätzliche, relative Stärke.

Das wäre kein großes Problem, wenn passives Investieren nur einen kleinen Teil des Marktes ausmachen würde, doch die Strategie ist mittlerweile zur wichtigsten Nachfragequelle für Aktien innerhalb der USA geworden. Das bedeutet, dass der größte Nettokäufer der US-Aktien jeden Monat preisunempfindlich (wertblind) ist. Zusammengefasst: Jeden Monat fließt eine große Menge Geld in Fonds, die es ohne Berücksichtigung des Wertes allokieren.

Des Weiteren handeln viele "aktive" Fondsmanager nun ETFs anstatt einzelner Aktien und viele dieser ETFs sind regelbasiert. Beispielsweise kauft ein aktiver Manager, der bullisch gegenüber Öl eingestellt ist, lieber Aktien des Energy Select Sector ETF (XLE), anstatt Aktien einzelner Ölunternehmen herauszusuchen und zu beobachten. Dieser ETF folgt einem Index der US-amerikanischen Energieunternehmen im S&P 500. Je teurer ein Ölunternehmen also wird, desto größer seine Gewichtung im XLE und desto größer die Menge Geld, die investiert wird, wann immer die Nachfrage nach dem ETF den Preis des ETFs über dessen Nettovermögenswert befördert.

Die zunehmende Beliebtheit der ETFs unter "aktiven" Managern sorgt tendenziell dafür, dass die Aktien, die die größten Gewichtungen in den ETFs besitzen, relativ stark werden, ungeachtet der Tatsache, ob die Stärke basierend auf Performance der zugrundeliegenden Unternehmen gerechtfertigt ist. Die zunehmende Verwendung von ETFs durch aktive Manager verschlimmert also den Effekt auf marktweite Bewertungen der zunehmenden Popularität passiven Investments. Eine Folge ist, dass der Markt nicht länger zum Mittelwert zurückkehrt, wie es einst der Fall war. Theoretisch könnte er bis in die Unendlichkeit teurer und teurer werden.

Praktisch kann er das nicht, weil irgendwann etwas passieren wird, das dafür sorgt, dass sich die Richtung der passiven Geldströme umkehrt. Das ist Teil der Erklärung, warum der Rückgang im März 2020 so außergewöhnlich war. Im März 2020 sorgte die Entscheidung, große Teile der Wirtschaft in Reaktion auf ein Virus zu schließen, dafür, dass der massive, preisunempfindliche Käufer eine kurze Zeit lang zu einem Nettoverkäufer wurde. Als Resultat verzeichnete der S&P500 Index seinen schnellsten 35%-Rückgang von einem Rekordhoch aller Zeiten.

Zusammenfassend sollten Sie vorsichtig im Umgang mit Behauptungen sein, dass die heute rekordhohen Bewertungen andeuten, dass ein deutliches Hoch in Sachen Zeit oder Preis ansteht. In Wirklichkeit könnten die Bewertungen noch viel höher steigen. Seien Sie außerdem skeptisch gegenüber bullischer Selbstgefälligkeit, weil sich die Geldströme irgendwann umkehren werden. Das Risiko, dass sich die Geldströme ohne Vorwarnung umkehren werden, ist der Grund, warum wir etwa 35% in Bargeld investieren, trotz unserer Erwartungen, dass der Aktienbullenmarkt noch einige Monate andauern wird.


© Steve Saville
www.speculative-investor.com



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Dieser Artikel wurde am 5. April 2021 auf www.tsi-blog.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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