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Wenn FED-Chefs ihren Kopf verlieren

05.05.2021  |  Egon von Greyerz
"Nehmen Sie mich beim Wort: Keine neuen Steuern!" Das sagte Bush Senior bei seiner Dankesrede zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Republikaner 1988; er versprach, dass es keine Steuererhöhungen geben werde. 1992 stand all das wieder zur Disposition, als die Clinton-Kampagne zu einem verheerenden Angriff auf Bushs Gelöbnis ansetzte. Was dann folgte, wissen wir.

Es gibt eine einfache Regel: Man hört nicht darauf, WAS die Menschen sagen, sondern WIE sie es sagen. Schon vor 50 Jahren beschrieb Mehrabian in seinem Kommunikationsmodell, dass Worte nur 7% der Gesamtbotschaft ausmachen, dass die Körpersprache einen Anteil von 55% hat und der Ton der Stimme ganze 38%. Deswegen sollte man sich nie auf die Worte eines Sprechers konzentrieren, denn die sind am wenigsten wichtig.


Eine Welt voller Quants und neuraler Systeme

Die Automatisierung von Investitionsentscheidungen ist ein massiver Wachstumsbereich. Anfang der 2020er gab es bei Goldman Sachs 920 freie Stellen für Ingenieure, unter anderem für Quants und Datenspezialisten. Diese Stellen machten knapp 50% aller freien Stellen bei Goldman aus.

Vorbei die Zeiten, als damals, vor mehr als 50 Jahren, die Aktienhändler irgendwann gegen 10 Uhr morgens in der City of London (Finanzdistrikt) eintrudelten, sich eine zweistündige Mittagspause mit Gin&Tonic, Wein plus Portwein und anschließend Käse genehmigten. Ich erinnere mich gut daran, weil ich in dieser Zeit auch in der City zu tun hatte.


Eine Welt ohne Compliance und ohne Regulierung

Das war die Zeit, in der Geschäfte noch per Handschlag gemacht wurden und keine 250 Seiten langen Verträge und 10 Rechtsbeistände gebraucht wurden. Es herrschte vollstes Vertrauen und das Wort eines Brokers galt. Es gab praktische keine Compliance, der Insider-Handel war legal.

Heutzutage wird die Finanzwelt voll und ganz durch strenge Gesetze und Regulierungen kontrolliert, durch absurd komplexe Compliance-Bestimmungen und tausende Rechtsanwälte. Das Vertrauen ist weg, es herrscht Angst und alle sichern sich nach allen Seiten ab.

Trotzdem war das Business in den alten Zeiten ruhiger und definitiv angenehmer verglichen mit der heutigen, skrupellosen Geschäftswelt.


Investitionsentscheidungen nach Tonlage der FED-Chefs

Neuronale Netzwerke und Quants gab es vor fünfzig Jahren noch nicht. Die heutige Zeit hingegen ist so schnell, dass es bald schon keine Menschen mehr braucht. Eine Studie von drei verschiedenen Forschern der Universitäten Berkeley, Birmingham und Reading (beide GB) ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die mit der menschlichen Sprache von Zentralbankern transportierten Emotionen nicht nur die Aktienmärkte bewegen, sondern auch als Grundlage für Finanzentscheidungen dienen können. Die Forscher analysierten die Stimmen von Bernanke, Yellen und Powell während der Pressekonferenzen nach FOMC-Treffen.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass allein der Wechsel von einer negativen zu einer positiven Tonlage des Fed-Chefs den S&P-Index um bis zu 200 Basispunkte ansteigen lassen kann. Zu diesem Zweck wurde ein neuronales Netzwerk gebaut, um die einzelnen Segmente jeder Audioaufzeichnung mit einer Datenbank abzugleichen. Die Datenbank kategorisiert nun, welche Emotionen die menschliche Sprache widerspiegelt, indem sie auf Audioaufnahmen von Schauspielern zurückgreift, die den Text in unterschiedlichster Weise wiedergegeben hatten.

Auch Investmentbanken verfügen über ähnliche Modelle, welche jedoch bei weitem nicht so fortgeschritten sind wie dieses. Doch genau in diese Richtung werden die Banken jetzt vorstoßen. Die Analyse der Aussagen von Zentralbankern aber auch Finanzministern und Unternehmensvorständen wird in den kommenden Jahren zur Standardprozedur gehören.

Schauen wir uns jetzt aber an, was die Fed in Bezug auf Gold sagt. Die oben genannten neuronalen Systeme funktionieren beim Gold nicht ähnlich präzise wie bei der Forex- und Aktienmarktanalyse.


Greenspan über Gold

Open in new windowPolitiker sprechen mit gespaltener Zunge, das ist ein gängiges Axiom. Sobald sie in die Politik einsteigen, ist es ihnen unmöglich, die Wahrheit zu sagen.

Dasselbe gilt für die Oberhäupter der Federal Reserve. Ganz gleich, welche Ansichten der Amtsinhaber zuvor über gesunde Geldpolitik gehabt haben mag, sie sind, sobald er oder sie das Eccles-Gebäude betritt, wie vom Winde verweht.

Mein Kollege Matt Piepenburg schrieb letzte Woche über den Urheber der derzeitigen "Everything Bubble" Alan Greenspan. Dieser "Maestro" ist zum Inbegriff des kompletten Sinneswandels geworden, da Greenspan als frischer Federal-Reserve-Chef quasi alle zuvor gehegten Prinzipien über Bord werfen musste.

1966 schrieb er seinem berühmten Essay "Gold und wirtschaftliche Freiheit": “Daher wirkt unter dem Goldstandard ein freies Bankensystem als Hüter von ökonomischer Stabilität und ausgeglichenem Wachstum. Wenn Gold von den meisten oder gar allen Nationen als Tauschmittel akzeptiert wird, so begünstigt und fördert ein ungehinderter freier Goldstandard weltweit die Arbeitsteilung und einen umfangreichen internationalen Handel.“


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