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"Radikale Bemühungen funktionieren selten, wenn es ihnen an gesundem Menschenverstand mangelt."

19.06.2021  |  Claudio Grass
Interview mit Fernando del Pino:

Schon in den ersten Tagen der COVID-Krise waren die meisten vernünftigen Beobachter besorgt, dass das Risiko einer Massenpanik und einer Angst, die unsere Vernunft übermannt, viel höher und viel gravierender sein würde als die biologische Bedrohung an sich. Im Laufe der folgenden Wochen und Monate bestätigten sich diese Befürchtungen, als Politiker und Medien auf der ganzen Welt das Feuer schürten, die Öffentlichkeit mit apokalyptischen Bildern bombardierten und Sensationslust und emotionale Appelle einer rationalen Analyse und verantwortungsvollen Berichterstattung vorzogen.

Die Auswirkungen dieser Vorgehensweise wurden bald offensichtlich: Die Mehrheit der Bevölkerung der meisten westlichen Nationen war vor Angst gelähmt, gab das kritische Denken auf und vertraute blind den Behörden, den "Experten" und den Institutionen, selbst als sich diese gegenseitig und oft auch selbst widersprachen, und obwohl die "Wissenschaft", der sie uns zu folgen aufforderten, ihre Richtlinien und ihre Politik eindeutig widerlegte.

Bis zum heutigen Tag sind die meisten westlichen Bürger in diesem Albtraum-Szenario gefangen, trotz der Tatsache, dass sich die Prognosen über die verheerenden Auswirkungen des Virus, die wir vor Monaten gehört haben, nie bewahrheitet haben.

Was stattdessen geschah, war eine beispiellose Verwüstung der Wirtschaft, verursacht durch die Lockdowns und die unzähligen Einschränkungen, die von den Regierungen auferlegt wurden. Während dieser ganzen Zerreißprobe gab es nur sehr wenige Menschen, die ihre Meinung gesagt und offen ihre Ablehnung zum Ausdruck gebracht haben. Eine noch geringere Zahl bediente sich dazu stichhaltiger Argumente, eines besonnenen Ansatzes und tatsächlicher wissenschaftlicher Beweise.

Eine dieser seltenen Stimmen der Vernunft war Fernando del Pino Calvo-Sotelo, Privatanleger und ehemaliges Vorstandsmitglied bei Ferrovial, einem Bauunternehmen, das 1952 von seinem Vater Rafael del Pino y Moreno gegründet wurde. Neben seiner umfangreichen Erfahrung in der Privatwirtschaft und seinen Erkenntnissen als erfolgreicher Investor verfügt Fernando über ein fundiertes Verständnis der Wirtschafts- und Währungsgeschichte.

Er war lange Zeit ein entschiedener Verfechter der individuellen Freiheit, der Selbstverantwortung und des unabhängigen und rationalen Denkens - und seine Veröffentlichungen zu dieser Krise, wie auch zu anderen Themen, spiegeln dies deutlich wider. Inmitten der Panikmache, der Übertreibungen und der Politisierung der Wissenschaft, die wir seit mehr als einem Jahr erleben, behielten seine nüchternen, sachlichen und faktenbasierten Analysen einen wichtigen Bezug zur Realität und lieferten zahllose solide Argumente gegen die Politik der Angst und den Missbrauch der Staatsgewalt, die inzwischen zur Norm geworden sind.


Claudio Grass: Zu Beginn der Pandemie wurden wir Zeuge der plötzlichen Einführung noch nie dagewesener Maßnahmen und Einschränkungen in allen europäischen Demokratien und auf der ganzen Welt. Erzwungene Geschäftsschließungen und Aufforderungen, zu Hause zu bleiben, schufen Bedingungen, die sich der durchschnittliche westliche Bürger bis dato niemals hätte vorstellen können. Was war Ihre erste Reaktion und was waren Ihre Gedanken zum Beginn dieser Zeit?

Fernando del Pino: Als im Januar und Februar 2020 die ersten Nachrichten aus Wuhan und später aus der Toskana aufkamen, dachte ich, um ehrlich zu sein, dies sei nur ein weiterer Fehlalarm wie bei der Schweinegrippe. Dann, in der ersten Märzwoche, begann ich die täglichen Fälle in Madrid zu verfolgen und begann mir Sorgen zu machen, weil sie sich alle zwei Tage verdoppelten oder verdreifachten, und wir alle wissen, wozu exponentielles Wachstum ziemlich schnell führt.

In der zweiten Märzwoche erkannte ich, dass ich viel zu sorglos gewesen war und dass dieses Virus anders und tödlicher war als die Grippe. Ich erkannte zudem, dass unsere Regierung keinerlei Kontrolle über die Situation hatte - stattdessen waren Chaos und Täuschung an der Tagesordnung.

Die ersten Regierungsmaßnahmen kamen für mich überraschend. Ich hatte noch keine ausführlichen Recherchen über COVID angestellt, um mir ein faktenbasiertes Urteil über ihre (Un-)Wirksamkeit bilden zu können, aber ich war erstaunt über die Leichtigkeit, mit der Einschränkungen der Grundrechte umgesetzt wurden (anscheinend außerhalb der verfassungsmäßigen Grenzen, zumindest in Spanien), und, was noch beunruhigender war, wie leicht die Menschen die Tatsache akzeptierten, dass sie keine freien Bürger mehr waren, die von der Rechtsstaatlichkeit geschützt wurden. Strenge Hausarrests, Stasi-mäßige Denunziationen durch Nachbarn, Polizeibeamte, die, im Glauben, die Welt zu retten, ihre Macht missbrauchten und die allgemeine Panik...

Es war, als würde man in einer dystopischen, Orwellschen Welt leben, die unser Leben im Bruchteil eines Augenblicks verändert hatte. Die ergriffenen Maßnahmen waren unter dem Gesichtspunkt der Freiheit ungeheuerlich und aus epidemiologischer Sicht meist nutzlos. Im Frühjahr 2020 erlebte Spanien zum Beispiel den zu dieser Zeit schlimmsten Lockdown weltweit - nach Dauer und Härte - und dennoch stieg die Zahl der Todesfälle in einem Zeitraum von drei Monaten um das 120-Fache. (Es handelt sich um ein Virus mit einer durchschnittlichen Inkubationszeit von nur 5 Tagen. Rechnen Sie selbst.)

Egal wie schön die Strategie auch sein mag, man sollte sich dennoch gelegentlich ihre Ergebnisse ansehen - eine Tatsache, der sich die Politiker offenbar nicht bewusst sind. Und etwas lief offensichtlich falsch: Lockdowns, eine mittelalterliche Maßnahme (wie ein Nobelpreisträger sie bezeichnete), haben nicht funktioniert. In der Zwischenzeit wurde völlig unnötigerweise die Wirtschaft (und damit die Lebensgrundlage ganzer Familien) flächendeckend zerstört.

Das vielleicht Schlimmste war die Ungewissheit über die Zukunft, die die Hoffnung raubt. Die Hoffnung zu verlieren, ist in jeder Lebenssituation wirklich sehr gefährlich. In Großbritannien spielte sich, mit der verrückten Lockdown-Politik und den schlechten epidemiologischen Ergebnissen, die gleiche Geschichte ab.


Claudio Grass: Mehr als ein Jahr später gelten viele der harten Einschränkungen auch weiterhin und es kam sogar in vielen europäischen Ländern zu einer dritten Runde vollständiger Lockdowns. Und dennoch lesen wir bereits Mainstream-Wirtschaftsanalysen, die eine große Erholung feiern, obwohl die Arbeitslosigkeit nach wie vor extrem hoch ist und die Unternehmen unglaubliche, zum Teil irreparable Schäden erlitten haben. Für viele konservative Anleger und normale Bürger ist dies eine verwirrende Zeit, in der es schwer fällt, sich zu orientieren. Was sind Ihre Leitprinzipien und was ist Ihre Prognose für die Zukunft?

Fernando del Pino: Ich denke, dass die übertriebene Panik nun durch eine ebenso übertriebene Euphorie ersetzt wurde, was typisch ist. Die Politiker neigen dazu, zu denken (gut, vielleicht ist das ein Oxymoron), dass die Wirtschaft eine Maschine ist, die man abschalten und dann per Knopfdruck wieder anwerfen kann. Nichts liegt der Wahrheit ferner. Die Wirtschaft ist vielmehr ein biologisches System, und wenn man die Wirtschaft abschaltet, entspricht das biologisch einem Sauerstoffentzug, der zu einem irreversiblen Organverfall führt. Die Zellen werden absterben.

Ich denke, dass dasselbe in den westlichen Volkswirtschaften passieren wird, wenn der wahre Verfall, der nicht durch COVID selbst, sondern durch die Reaktion der Regierungen auf COVID verursacht wurde (ein wesentlicher Unterschied), offensichtlich wird.

An den Finanzmärkten sollte man meiner Meinung nach Vorsicht walten lassen. Der Zeitpunkt zum Kaufen war inmitten der Panikverkäufe, nicht inmitten einer übertriebenen Euphorie. Der US-Aktienmarkt befindet sich nach allen Bewertungsmaßstäben, die man in die Finger bekommen kann, eindeutig im Blasenbereich; Europa und Asien mögen weniger teuer sein, aber es ist schwer vorstellbar, dass sie verschont bleiben, sollte der US-Markt abrupt abstürzen. Anleihen leiden unter der Finanzrepression, daher sollte ein diversifiziertes Portfolio, das die Unsicherheit widerspiegelt und berücksichtigt, wahrscheinlich ein gewisses Investment in die am wenigsten teuren Aktienmärkte und Branchen, in das unschöne Bargeld und in Gold enthalten.

Wenn ich in der aktuellen Situation nach Prognosen gefragt werde, kann ich nicht anders, als mich an den Film Rocky III zu erinnern, in dem Mr. T (der Clubber Lang spielt) von einem Journalisten gefragt wird, bevor er Rocky Balboa (Sylvester Stallone) in ihrem ersten Kampf haushoch besiegt:

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