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Jeff Thomas: Eine Frage des Timings

25.07.2021
Frankreich, 1877. Russland, 1916. Deutschland, 1937. Diese Daten haben etwas gemeinsam. Im Jahr 1788 wurden die politischen Umstände in Frankreich immer fragwürdiger, doch es bestand keine offensichtliche Notwendigkeit für Panik. Das war erst im nächsten Jahr der Fall, mit dem plötzlichen Ausbruch der Französischen Revolution. Von da an war es sogar gefährlich auf die Straßen von Paris zu gehen. So viele Menschen waren in Rage, dass man selbst als Nicht-Aristokrat schnell zu Kollateralschaden werden konnte. Im Jahr 1788 wäre es also weise gewesen, seine Sachen zu packen und sich aus dem Epizentrum der Entwicklungen zu entfernen.

Ähnlich war Russland 1916 im Krieg mit den Deutschen und die Bevölkerung wurde zunehmend lauter, was den Zustand der Wirtschaft anging. Dennoch glaubte selbst der Zar, dass die Leute die Situation einfach akzeptieren und sich durchschlagen müssten. Ein Jahr später desertierten Soldaten, eine Vielzahl politischer Möchtegerne war auf Macht aus und jeder, der einfach nur sein Leben leben wollte, hatte nun zu viel Angst, um auf die Straße zu gehen.

Und vor der Kristallnacht im November 1938 waren alle Anzeichen dafür, dass Deutschland aus den Fugen geriet, vorhanden, doch praktisch jeder nahm an, dass irgendwie alles gut werden würde. Ein Jahr später befand sich Deutschland im Krieg mit fünf Nationen und hatte drei weitere überfallen. Leute wurden zusammengetrieben, eingesperrt und/oder erschossen. Diejenigen, die Deutschland verlassen wollten, waren dazu nicht länger in der Lage.

Die Geschichte ist voll von ähnlichen Fällen. Im Nachhinein waren die Warnsignale immer vorhanden: eine zunehmend autokratische Regierung, zunehmend volatile und irrationale, politische Streitigkeiten, zunehmende Schulden, zunehmende Besteuerung, eine rückläufige Wirtschaft und das Entfernen grundlegender Freiheiten "zum Wohle aller."

Im Jahr 1929 hätten Sie, wenn Sie in den USA lebten, vielleicht gerade 2.735 Dollar für einen neuen Packard Custom 8 Roadster bezahlt - ein Mittel, um Ihre jüngsten Gewinne an der Börse zu zeigen. Ein Jahr später hätten Sie ihn vielleicht für nur 100 Dollar zum Verkauf angeboten, da es für alle Ihre vorherigen Preisangebote keine Abnehmer gab. Und Sie, wie auch sie, waren durch den Börsencrash ruiniert worden, und 100 Dollar bedeuteten den Unterschied zwischen Essen und Nicht-Essen.

Im Jahr 1958 genossen Sie vielleicht einen Daiquiri im El Floridita in Havanna und scherzten mit Freunden über "las barbudas" - die kleine Rebellentruppe, die sich in der Sierra Madre versteckte. Ein Jahr später war Schluss mit den Scherzen und private Unternehmen wie El Floridita wurden von der neuen Regierung verstaatlicht. Seit Jahrtausenden ist das Spielbuch das gleiche. Länder, in denen es sich wunderbar leben ließ, begannen sich von innen heraus zu verschlechtern, und die große Mehrheit der Bewohner hatte es versäumt, die Teeblätter zu lesen - die Warnzeichen, dass die Bedingungen in der Zukunft nicht besser, sondern schlechter werden würden. Aber warum sollte das so sein?

Nun, 1787, inmitten der schottischen Aufklärung, aus der Adam Smith hervorging, wird dem Volkswirtschaftler und Historiker Alexander Tytler zugeschrieben, dass er sagte: Eine Demokratie ist immer von vorübergehender Natur; sie kann einfach nicht als dauerhafte Regierungsform existieren.

Eine Demokratie wird so lange existieren, bis die Wähler entdecken, dass sie sich selbst großzügige Geschenke aus der Staatskasse zukommen lassen können. Von diesem Moment an stimmt die Mehrheit immer für die Kandidaten, die die meisten Vorteile aus der Staatskasse versprechen, mit dem Ergebnis, dass jede Demokratie schließlich aufgrund einer lockeren Finanzpolitik zusammenbricht, worauf immer eine Diktatur folgt.

Er stellte weiter fest, dass die letzten Stadien eines solchen Niedergangs zuerst durch Selbstgefälligkeit, dann durch Apathie gekennzeichnet sind. Das Endstadium ist immer ein Stadium der Unfreiheit. In einigen Fällen des Zusammenbruchs wird das Land von einer äußeren Macht übernommen, aber wie oben erwähnt, beginnt die Fäulnis immer von innen. Es liegt einfach in der menschlichen Natur, dass die Mehrheit der Bevölkerung in schwierigen Zeiten den Versprechungen verfällt, dass eine Änderung der Regierungsform irgendwie zur Beseitigung der problematischen Bedingungen führen kann und wird.

Aber wie verkaufen diejenigen, die solche Ansprüche stellen, ihre Ideen? Schlagen sie vor, dass jeder härter arbeiten und ein höheres Maß an Entsagung praktizieren sollte? Nun, nein. Obwohl es solche Leute geben mag und sie sich sogar äußern können, sind sie historisch gesehen nie die Personen, denen die Mehrheit der Bevölkerung folgt. Ausnahmslos wählt die Mehrheit (nachdem sie selbstgefällig und pathetisch geworden ist) diejenigen, die versprechen, von einer Gruppe zu nehmen und die Beute unter denen zu teilen, die weniger produktiv sind.

So unlogisch dieses Versprechen auch ist, neigen die meisten Menschen, selbst wenn sie an der Realität der Behauptung zweifeln, dazu, zu denken: "Na ja, schlimmer kann es nicht werden. Ich könnte etwas bekommen, also lass es uns versuchen." Ein sehr einfaches Beispiel dafür ist die Wahl auf den Bahamas im Jahr 1967, bei der die Bahamaer ihren ersten "Mann des Volkes" zum Premierminister wählten. Unter seiner Rhetorik von "Bahamas für Bahamianer" versprach er der großen Unterschicht der Bahamianer, dass er den britischen Bankern und anderen Wirtschaftsführern die Spitzenjobs wegnehmen würde und dass die Beute an den durchschnittlichen Bahamianer gehen würde.

Von besonderem Interesse waren die Luxusfahrzeuge, die von erfolgreichen Geschäftsleuten gefahren wurden. Die Bahamaer stellten sich zu Tausenden vor, dass die leitenden Angestellten in den Banken entlassen würden, dass sie selbst die Jobs bekämen... und die schicken Jaguar-Limousinen. Und das geschah bis zu einem gewissen Grad auch. Diejenigen, die loyal zu Premierminister Lynden Pindling waren, stiegen über Nacht in Führungspositionen auf - Positionen, für die sie nicht qualifiziert waren. Es überrascht nicht, dass sie nicht in der Lage waren, sich über Nacht ein jahrzehntelanges Wissen anzueignen. In der Folge verloren sie entweder ihre neuen Jobs, oder die Banken verloren massiv an Geschäft.

Und die Jaguars? Nun, es stellte sich heraus, dass es für jeden Jaguar, den es gab, Tausende von Bahamianern gab, und für 99,9% würde es keine zuvor erdachte Beute geben. Stattdessen ging ihr Leben in den kommenden Monaten und Jahren bald in Richtung Süden, da der Reichtum von den Bahamas wegfloss, das meiste davon auf Nimmerwiedersehen.

In anderen Ländern waren die Details oft etwas komplexer, aber das Szenario und das Ergebnis waren das gleiche. Sobald die ersten Warnzeichen auftauchen, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass sich der Prozess historisch gesehen nie von selbst umkehrt. Eine apathische Bevölkerung ist keine, die plötzlich beschließt, die Ärmel hochzukrempeln und das Land wieder auf eine produktive Basis zu stellen.

Die Bevölkerung springt unweigerlich auf den Schlitten der leeren Versprechungen auf und fährt damit bergab, bis sie den wirtschaftlichen Tiefpunkt erreicht. Und so wird die Umgehung einer solchen Situation zu einer Frage des Timings. Wenn klar wird, dass die verräterischen Anzeichen wieder auftauchen, werden diejenigen, die weise sind, erkennen, dass der Sand ausläuft und es Zeit ist, weiterzuziehen. Die Zeichen sind in der Regel an jedem Ort und in jeder Epoche die gleichen. Sie sind recht einfach zu erkennen. Der schwierige Teil besteht darin, den Ausstieg zu wählen, solange es noch einfach ist, dies zu tun.


© Jeff Thomas



Dieser Artikel wurde am 20. Juli 2021 auf www.internationalman.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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