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Jeff Thomas: Der erste Liberalist?

14.09.2021
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Die meisten Liberalisten sehen Murray Rothbard als einen ihrer Mentoren. Sie werden wissen, dass Rothbards primäre Mentoren Ludwig Von Mises und Friedrich Hayek waren. Doch bei seiner Suche nach libertärem Denken grub Rothbard noch tiefer. Das schrieb er 1967:

"Der erste libertäre Intellektuelle war Lao Tzu, der Gründer des Taoismus. Über sein Leben ist wenig bekannt, doch offenbar war er ein persönlicher Bekannter von Konfuzius Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. Wie Letzterer kam er aus dem Staat Sung und stammte vom niedrigen Adel der Yin-Dynastie ab.

Anders als der bekannte Verfechter für die Herrschaft der philosophischen Bürokraten entwickelte Lao Tzu ein radikal libertäres Credo. Für Lao Tzu war das Individuum und dessen Glück der Kern und das Ziel der Gesellschaft. Wenn gesellschaftliche Institutionen das Florieren und das Glück des Individuums hemmten, sollten diese Institutionen eingeschränkt oder vollständig abgeschafft werden. Für den Individualisten Lao Tzu war die Regierung - mit ihren "Gesetzen und Anordnungen, deren Zahl die Haare eines Ochsen überschritt" - ein bösartiger Unterdrücker des Individuums und "angsteinflößender als wilde Tiger."

Insgesamt muss die Regierung auf das kleinst-möglichste Minimum beschränkt werden; "Tatenlosigkeit" war die passende Funktion der Regierung, da nur Tatenlosigkeit es dem Individuum ermöglichen, zu florieren und glücklich zu werden. Jedes Eingreifen der Regierung, so Lao Tzu, wäre kontraproduktiv und würde zu Verwirrung und Chaos führen. Nachdem er sich auf die Erfahrungen der Menschheit mit Regierungen bezogen hatte, kam Lao Tzu zu dieser entscheidenden Schlussfolgerung: "Je mehr künstliche Tabus und Einschränkungen es in der Welt gibt, desto ärmer sind die Menschen... Je mehr Gesetze und Anordnungen in den Vordergrund gerückt werden, desto mehr Diebe und Räuber wird es geben."

Das Weiseste ist dann natürlich, die Regierung einfach zu halten und dafür zu sorgen, dass sie nicht aktiv wird, denn dann "stabilisiert sich" die Welt. Wie Lao Tzu es ausdrückte: "Somit sagt der Weise: Ich handle nicht und dennoch wandeln sich die Leute, ich bevorzuge die Stille und die Leute korrigieren sich, ich handle nicht und die Leute bereichern sich..."

Lao Tzu erhielt diese herausfordernden und radikalen neuen Einblicke in einer Welt, die von der Macht der orientalischen Tyrannei dominiert wurde. Welche Strategie sollte man für den gesellschaftlichen Wandel verfolgen? Für Lao Tzu war es sicherlich undenkbar - mit keinem verfügbaren historischen Beispiel für einen libertären gesellschaftlichen Wandel - eine optimale Strategie zu ergründen, ganz zu schweigen eine Massenbewegung zu formieren, um den Staat zu stürzen. Und so schlug Lao Tzu den einzigen strategischen Ausweg ein, der ihm offen zu stehen schien: Der Weg des Taoisten, der eine Entzogenheit von der Gesellschaft und der Welt, des Rückzugs und der inneren Reflexion darstellt."


Ich gestehe ein, dass zeitgenössische Taoisten zwar den Rückzug aus der Welt als ein religiöses oder ideologisches Prinzip befürworten, es jedoch sehr gut möglich ist, dass Lao Tzu diesen Rückzug nicht als ein Prinzip bezeichnete, sondern als die einzige Strategie sah, die ihm in seiner Verzweiflung blieb. Wäre es hoffnungslos, die Gesellschaft von den unterdrückenden Fängen des Staates zu lösen, dann nahm er vielleicht an, dass man stattdessen einen Rückzug aus der Gesellschaft und der Welt als einzige Fluchtmöglichkeit vor der Tyrannei des Staaten ansehen sollte.

Es scheint, als hätte sich in 2.500 Jahren wenig verändert. Der Trieb einiger Individuen, andere zu kontrollieren, ist offensichtlich zu einem permanenten Zustand jeder Ära geworden. Die einzige Frage lautet, wie man damit umgehen sollte. Meiner Ansicht nach wird die Zahl der Liberalisten immer gering bleiben. Genau wie es immer diejenigen geben wird, die vor nichts haltmachen, um andere zu kontrollieren, wird die große Mehrheit der Menschen wie Pawlowsche Hunde auf das leere Versprechen größerer Sicherheit im Austausch gegen eingeschränkte Freiheit reagieren. Selbst ein Land, das mit einem Volk beginnt, das dazu entschlossen ist, sein eigenes Leben und Schicksal zu kontrollieren, erliegt über mehrere Generationen schließlich den leeren Versprechungen.

Der Verfall mag 100 Jahre, 200 Jahre oder noch länger dauern, doch historisch gibt schließlich jede Kultur auf, und erliegt, Stück für Stück, den leeren Versprechungen, bevor es letztlich vollkommen dominiert wird. Letztlich erlebt jedes Land den wirtschaftlichen Ruin - die Menschen haben das Verlangen verloren, zu produzieren, während die Führungspersonen sie ausgeblutet haben. In diesem historischen Muster gibt es jedoch eine Rettung. Nach einem Zusammenbruch muss alles von vorne beginnen. Parasitische Führungspersonen werden zum Gräuel. Das Land fängt von vorne an. Diejenigen, die produktiv sind, weisen den Weg und die Freiheit wird zum Schlagwort.

Jeder, der an das libertäre Prinzip glaubt, hat zwei Möglichkeiten, wenn er in einem Land lebt, das sich in den letzten, unterdrückerischsten Stadien befindet: Er kann entweder dort bleiben und gegen einen übermächtigen Strom anschwimmen, oder mit den Füßen abstimmen. Er kann andere Orte aufsuchen - die sich in den Anfangsstadien der Entwicklung befinden, wo die Bewohner so denken wie er, wo er keine Bedrohung für "das System" ist, sondern mit seinem Status als Liberalist tatsächlich mit dem Strom schwimmt.

Sicher, wie wir oben sehen können, ist es genau das, was Lao Tzu vor 2.500 Jahren geschlussfolgert hat (und bevor seine Regierung die Fähigkeit besaß, eine Drohne über sein Haus fliegen zu lassen). Heute haben wir natürlich mehr Möglichkeiten als Lao Tzu. Die Transportmöglichkeiten sind nicht nur so gut, dass wir überall hinfliegen können, das Internet erzählt uns zudem alles, was wir über Orte auf der Welt wissen müssen, die vielleicht zu uns passen könnten. Es gibt zweifelsohne diejenigen, die es bevorzugen, dem Proletariat anzugehören - und eine orwellianische Existenz zu akzeptieren. Für diejenigen, die das nicht tun - die einer eher libertären Denkgruppe angehören - sind die guten Neuigkeiten, dass es Möglichkeiten gibt - sogar äußerst viele. Ein besseres Leben an einem anderen Ort.

Hier einige Schlusskommentare von Lao Tzu, die ich mag, entnommen aus seinem Tao Te Ching. Sie veranschaulichen die Tatsache, dass das Problem des Liberalisten beständig ist. Alles was bleibt, ist die Frage, ob wir die Weisheit besitzen, die Lösung herbeizuführen - diejenigen Orte aufzusuchen, die eine bessere Alternative bieten.

"Diejenigen, die an der Macht sind, sind lästig..."

"Je zahlreicher die Einschränkungen und Verbote,
desto ärmer sind die Leute,
desto fortschrittlicher die Waffen des Staats,
und desto düsterer die Nation..."

"Und somit nehmen die Tugendhaften Verträge wahr,
während diejenigen ohne Tugend die Steuern einnehmen..."

"Handle bevor die Dinge existieren.
Bewältige sie bevor Chaos herrscht."



© Jeff Thomas



Dieser Artikel wurde am 13. September 2021 auf www.internationalman.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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