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Quo vadis China? Deutschland vor der Wahl

24.09.2021  |  Christian Buntrock
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,1742 (06:30 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,1705 im US-Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 110,41. In der Folge notiert EUR-JPY bei 129,65. EUR-CHF oszilliert bei 1,0858.

Die Aktienmärkte tendierten weiter fest, die FED-Entscheidung wurde wie erwartet vom Markt ignoriert, auch die Evergrande-Entwicklung in China wurde gestern entspannter verfolgt. Zum Risk-On Modus passend wurden sowohl Gold als auch der japanische Yen in den letzten Tagen abverkauft und der Bund Future tendierte schwächer. Spannung könnte das Wochenende bringen. Zum einen mag sich die Situation in China dynamisch wandeln, zum anderen steht in Deutschland als größte Ökonomie Europas die Bundestagswahl an.


Richtungsentscheidung in Deutschland?

Die Koalitionsmöglichkeiten, die realistischen Bereich liegen, sind noch nie so zahlreich bei einer Bundestagswahl gewesen. Von Schwarz-Rot-Gelb über eine weite Spannweite nach links bis Rot-Rot-Grün ist alles möglich. Legen wir die letzten Umfragen zu Grunde (die in der Vergangenheit teils deutlich daneben lagen), erscheint eine von der SPD geführte Regierung am wahrscheinlichsten.

Da es Scholz erklärtes Ziel ist, die CDU in die Opposition zu senden, bliebe in diesem Szenario die Auswahl zwischen Rot-Grün-Rot und Rot-Grün-Gelb. Laut einer jüngsten Spiegel-Umfrage ist die SPD-Basis in dieser Frage indifferent, während das grüne Herz klar links schlägt. 70% der grünen Anhänger ziehen eine Rot-Grün-Rote Koalition vor.
Was bedeutet dieses Szenario für den Kapitalmarkt?

In beiden Fällen ist mit einer Erhöhung der Staatsausgaben zu rechnen, im zweiten Fall sollte die Erhöhung signifikant ausfallen. Konsumtitel würden sich also profitieren, Titel der Baubranche sicherlich ebenso.

Unternehmen aus dem Bereich Green Energie profitieren in beiden Varianten durch die Teilnahme der Grünen. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob das Thema politische Unterstützung für diese Unternehmen nicht schon in den Kursen eskomptiert ist.

Während die FDP sich gegen eine europäische Vergemeinschaftung von Schulden stellen mag, sehe ich sie unter Rot-Rot-Grün als beschlossene Sache an. Eine Spreadeinengung zwischen Bundesanleihen und den Staatsanleihen der Peripherie Europas ist im zweiten Szenario wahrscheinlich.

Andere Wahlergebnisse wie eine Jamaika- oder Deutschlandkoalition sollten vom heimischen Kapitalmarkt "neutral" verdaut werden.


Quo vadis China?

Die Volksrepublik China ist seit Wochen wegen restriktivem Vorgehen gegen heimische Konzerne in den Medien, aber auch wegen seiner Strategie im aktuellen Fünf-Jahres-Plan in allen strategischen Technologiegebieten Unabhängigkeit anzustreben. Zuletzt hat sich die europäische Handelskammer aus China in einem Positionspapier überraschend deutlich zur Entwicklung geäußert. Sie sieht hohe Kosten in der kompletten Unabhängigkeit vom Ausland:

1. Einen Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen.

2. Eine Abnahme der Innovationsgeschwindigkeit.

3. Steigende Hürden für das Auslandsgeschäft.

4. Die Fehlallokation von Ressourcen.

5. Verminderter Zugang zu ausländischen Technologien, da es zu wechselseitigen Beschränkungen anderer Länder mit China kommt.

6. Schwierigkeiten die eigenen Klimaziele einzuhalten, da der Austausch mit anderen Ländern verhindert wird.

7. Verschlechterung der Beziehungen zu anderen Ländern auf Grund der merkantilistischen Vorgehensweise Chinas.

China bewege sich weg von den 1978 begonnenen Reformen und der Öffnung des Landes, was eine negative Auswirkung auf das Pro-Kopf-BIP-Wachstum des Landes haben werde.

Suchen wir nach den Ursachen dieser Politik, dass China seine Lieferketten ins Land holt, müssen wir den Kopf gen Westen drehen.

Stellvertretend für die Ursache steht Huawei, das per Chipmangel in den Ruin getrieben werden sollte. Wie kann China also an dieser Stelle besser reagieren? Die US-Politik steigert die Transaktionskosten für China. Die Institutionenökonomik empfiehlt völlig korrekt in diesem Fall Insourcing. Andernfalls würde China dauerhaft erpressbar sein.

Es ist nicht im Interesse Europas, dass die Welt in Blöcke zerfällt. Also heißt es Farbe bekennen, wenn Dritte erpresst werden. Verbalakrobatik ist die bisherige Reaktion auf Rechtsbrüche der USA gegen die WTO, Peking, Iran oder die EU selbst (siehe Zollstreit). Taten sind es nicht.

Trotzdem ist die Warnung der Handelskammer berechtigt. Die Kombination der Staatseingriffe und die gleichzeitige Vernachlässigung marktwirtschaftlicher Prinzipen führt zu Ineffizienzen und geringerem Wachstum. Innovation kann man nicht befehlen.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die Sowjetunion als Zentralwirtschaft zwar Pro-Kopf in den Forschungsausgaben auf dem Niveau des Westens lag. Sie war aber nicht in der Lage relevante Ergebnisse zu produzieren und diese umzusetzen. Es fehlte die Technologieoffenheit zur Lösung von Problemen, so dass oft jahrelang in die falsche Richtung geforscht wurde oder brauchbare Ergebnisse nicht verwendet wurden, da sie nicht im aktuellen Fünf-Jahres-Plan standen.

China läuft nach den US-Provokationen Gefahr, falsch abzubiegen und wieder in einer Staatswirtschaft ohne marktwirtschaftliche Prinzipien anzukommen. Sollte dies geschehen, hätte Ex-Präsident Trump mehr erreicht, als er je hoffen konnte.


Türkei senkt überraschend den Leitzins

Die Türkei senkte gestern überraschend ihre Leitzinsen von 19% auf 18%. Mit diesem Schritt passte sie die Leitzinsen an die Entwicklung der Kerninflationsrate an, die auf 16,8% fiel. In der Sitzung zuvor hatte die türkische Zentralbank ihre Zieldefinition entsprechend angepasst. Die Inflationsrate selbst liegt weiterhin bei 19,25%. Der Devisenmarkt scheint hingegen auf die steigende negative Realverzinsung abzustellen und schickte die Lira auf Talfahrt. Ob die neue Zieldefinition für die Türkei sinnvoll ist, wurde an dieser Stelle bereits hinterfragt. In das Prognosemodell für die Türkei mit aufzunehmen ist auf jeden Fall der Wunsch des Zentralbankgouverneurs, seinen Job zu behalten.

So musste bisher jeder Vorgänger, der sich den Wünschen des Präsidenten widersetzt hat, sein Amt aufgeben. Wie Sie wissen, lese ich aus aktuellem Anlass vermehrt Stellenanzeigen. Tauschen würde ich mit Gouverneur Kavcioglu trotzdem nicht wollen.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den EUR gegenüber dem USD favorisiert. Ein Unterschreiten des Unterstützungszone bei 1.1640 - 1.1670 negiert den positiven Bias des EUR.

Viel Erfolg!


© Christian Buntrock
Solvecon Invest GmbH



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