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Zins, Inflation, Gold - und der "Great Reset"

05.11.2021  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Dem zunehmenden Kaufkraftschwund von US-Dollar, Euro & Co zu entgehen, wird für Anleger eine der zentralen Herausforderungen in den kommenden Jahren, im "Great Reset", sein.

"Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet." - Otmar Emminger (1911-1986), Bundesbank-Präsident von 1977-1979


Verkehrte Zinswelt

Die nachstehende Abbildung 1 zeigt die nominale Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe und ihre reale, das heißt inflationsbereinigte Rendite von 1957 bis Oktober 2021. Folgendes lässt sich erkennen: (1) Von 1957 bis etwa Mitte der 1990er Jahre schwankte die reale Rendite um einen Mittelwert von ungefähr 4 Prozent (einen großen Ausreißer "nach unten" gab es im Sommer 1990). (2) Spätestens mit der Einführung des Euro zu Beginn des Jahres 1999 setzte ein markanter Zinsabwärtstrend ein, der sowohl die nominale als auch die reale Rendite erfasst hat. (3) Erstmalig fiel die Nominalrendite Mitte 2016 unter die Nulllinie; die Realrendite war bereits gegen Ende 2010 erstmalig negativ.

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Quelle: Refinitiv; Berechnungen Degussa. *Nominalzins abzüglich der Jahresveränderung der Konsumgüterpreisinflation.


Am aktuellen Rand, im Oktober 2021, lag die Realrendite bei minus 4,6 Prozent - ein Rekordwert in der Betrachtungsperiode. Vereinfacht gesprochen heißt das: Derjenige, der eine 10-jährige Bundesanleihe mit einer Rendite von real minus 4,6 Prozent erwirbt und sie bis zur Fälligkeit hält, der verliert (vorausgesetzt, die Marktlage ändert sich nicht) knapp 38 Prozent seines Kapitals. Die Nominalrendite ist folglich nicht mehr ausreichend, um dem Anleger eine positive Realrendite zu sichern; ähnlich ist es in den USA (siehe Abb. 2). Diese irritierende, geradezu groteske Situation in den Anleihemärkten hat von Seiten der Ökonomen verschiedene Erklärungen hervorgebracht.

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Quelle: Refinitiv; Berechnungen Degussa. *Nominalzins abzüglich der Jahresveränderung der Konsumgüterpreisinflation.


Eine der Erklärungen lautet, dass die Ersparnis sehr stark angestiegen sei, und das hätte, weil die Investitionsnachfrage nicht mithält, den Nominal- wie auch den Realzins abgesenkt; und weil der "Ersparnisüberhang" so groß sei, ist nun sogar der Realzins im Minusbereich angelangt.

Eine andere Erklärung lautet: Die Zentralbanken fragen Staatsanleihen nach, treiben deren Kurse in die Höhe und senken dadurch die Nominalrendite ab - und zwar so weit, dass die Realrendite negativ wird; der starke Anstieg der Güterpreisinflation, der sich in den letzten Monaten zugetragen hat, treibt die Realrenditen nun stärker denn je unter die Nulllinie. Welche dieser Erklärungen nun die stichhaltige ist, oder ob beiden eine Berechtigung zukommt: Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass auf den weltweiten Zinsmärkten eine höchst außergewöhnliche Situation entstanden ist.

Ein negativer Realzins ist ex post gesehen gut zu erklären: Die Investoren haben die Anleihen zu einem bestimmten Zinssatz gekauft, und nach dem Kaufzeitpunkt stellte sich heraus, dass die zum Kaufzeitpunkt erwartete Preisinflation zu niedrig war, dass sie unter der tatsächlich eingetretenen Inflation lag. Ganz anders stehen die Dinge jedoch ex ante: Würde jemand, der bei Sinnen ist, sein Geld verleihen, wenn er dafür eine negative Realrendite erhält? Wohl kaum.

Schon die Vorstellung einer Nominalrendite von null erscheint absurd: Es wäre dann nämlich vorteilhafter, wenn der Anleger Geld hält anstelle in Anleihen zu investieren. Könnten vielleicht "institutionelle Faktoren" erklären, warum Nominal- und Realzins auf oder unter die Nulllinie fallen können?

Beispielsweise sind die Kapitalsammelstellen (Versicherungen, Renten- und Pensionsfonds etc.) durch Regularien verpflichtet, einen Großteil der ihnen zugehenden Anlagegelder im Anleihemarkt anzulegen; und dieser Direktive müssen sie auch dann folgen, wenn die Nominal- und Realzinsen bei null Prozent oder darunter liegen.

Institutionelle Anleger und ihre Kunden verabschieden sich bei Null- oder Negativzinsen nicht notwendigerweise sofort aus dem Kreditmarkt, sondern legen das Geld weiterhin dort an, wenn sie davon ausgehen, dass die Phase des nominalen/realen Null- und Negativzinses nur von kurzer, von vorübergehender Dauer ist; weil sie die (Transaktions-)Kosten einer Portfolioumschichtung scheuen; oder weil sie zu träge sind.



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