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Das Tapering, das es so nie gab

28.11.2021  |  Claudio Grass
Basierend auf dem, was sie als "falkenhafte" Aussagen von Fed und anderen Zentralbanken beschreiben, erwarten Mainstream-Finanzmedien und Marktanalysten nun schon seit mehreren Monaten eine heftige Reaktion oder einen "Taper Tantrum." Das Entfernen der "Stützräder" der Wirtschaft, indem Zinsen erhöht und Assetkaufprogramme gestoppt werden, wurde oftmals als ernsthafte Bedrohung für die wirtschaftliche Erholung bezeichnet und sollte den Erwartungen zufolge schwerwiegende Folgen für die Aktienmarktperformance haben. Und doch haben sich diese Befürchtungen nicht bewahrheitet.


Kein Tapering, kein Tantrum

Anfang dieses Monats hielt die Fed das November-Treffen ihres Federal Open Market Committee (FOMC) ab und gab ein Statement heraus, das oberflächlich die Prognosen der Mainstream-Analysten zu rechtfertigen schien. Tatsächlich stand die gefürchtete Drosselung bevor, so schien es zumindest. Laut dieses Statements würde die Zentralbank beginnen, ihre Assetkäufe um 10 Milliarden Dollar in Staatsanleihen und 5 Milliarden Dollar in hypothekarisch gesicherten Wertpapieren zu reduzieren, wobei weitere Reduzierungen für Dezember geplant seien. Diese "konservative" Wende hätte die Märkte aufschrecken müssen, wenn man den Warnungen der Finanzmedien Glauben schenken wollte, und dennoch...

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...geschah nichts dergleichen. Tatsächlich passierte genau das Gegenteil: Wichtige Indices stiegen und Investoren schienen erleichtert aufzuatmen.

Die Erklärung für diese Reaktion ist eigentlich recht einfach. All diese "Reduzierungen", die von der Fed angekündigt wurden, betrafen neue Assetkäufe. Es wurde hier kein Wort über eine Reduzierung des 8 Billionen Dollar schweren bestehenden Fed-Portfolios verloren. Im Gegenteil; es scheint sogar das starke Bestreben zu geben, die rekordhohe, überbelastete Bilanz beizubehalten. Anders gesagt: Den Begriff "Tapering" zu verwenden, um die "neue" politische Richtung der Fed zu beschreiben, ist bestenfalls eine falsche Bezeichnung und schlimmstenfalls ein offenkundiger Versuch, die Öffentlichkeit zu täuschen.


Die Party geht weiter und weiter...

Natürlich beweist die Marktreaktion an sich, dass die meisten Investoren das politische Narrativ und die "Verpackung" der Zentralbankentscheidungen durchschauen. Sie erkennen, dass sie sich auf anhaltende Unterstützung verlassen können und es keinerlei Grund zu fürchten gibt, dass der geldpolitische Expansionismus des letzten Jahrzehnts allzu bald umgekehrt wird. Und sie liegen mit ihren Annahmen richtig.

Zum einen ist es wirtschaftlich und praktisch unmöglich, den Kurs zum jetzigen Zeitpunkt zu ändern und die Geldpolitik tatsächlich zu straffen. Es waren die hohen Assetkäufe, die die Märkte über Wasser hielten, nicht nur während der COVID-Krise, sondern schon seit der letzten Rezession. Diese "Stützräder" sind nun zu einem festen Bestandteil unseres geldpolitischen und finanziellen Systems geworden, anstatt nur temporäre "Notfallmaßnahmen" zu sein, als die sie einst eingeführt wurden. Gleiches gilt für die künstlich unterdrückten, extrem niedrigen Zinsen.

Nationen und Unternehmen sind gleichermaßen abhängig von billigen Krediten geworden und nehmen dieses "kostenlose Geld" inzwischen als selbstverständlich hin. Es gibt einfach keine Möglichkeit, diese Unterstützung zu diesem Zeitpunkt zu entfernen, ohne eine historische Welle an Zahlungsausfällen und sehr wahrscheinlich einen weitreichenden Wirtschaftskollaps zu riskieren.

Darüber hinaus ist eine Umkehr des geldpolitischen Kurses der letzten Jahre sowie wirkliches "Tapering" politisch ebenso unhaltbar. Die Auswirkungen der Krise, die dadurch ausgelöst werden könnte, hätten enorme politische und gesellschaftliche Folgen.

Insbesondere nach fast zwei Jahren COVID-Desaster, präzedenzloser Zerstörung und weitreichendem Schmerz, den Regierungsmaßnahmen zahlreichen Bürgern zugefügt haben, ist es schwer vorstellbar, dass die Bevölkerung positiv und verständnisvoll auf eine weitere Runde wirtschaftlicher sowie finanzieller Unruhen reagiert. Nachdem all die Versprechen einer "deutlichen" Erholung und einer "Rückkehr zur Normalität" ausblieben, wissen die USA, wie die meisten westlichen Regierungen auch, dass sie sich bereits auf sehr dünnem Eis befinden.

Natürlich ist diese Strategie, wie angesichts der Bilanz der Zentralbanker bereits zu erwarten war, sehr kurzsichtig. Die offenen Geldhähne und das Beibehalten des Niedrigzinsumfelds verzögern nur das Unausweichliche. Wie konservative, rationale Investoren und Edelmetallbesitzer erkannt und seit langer Zeit erwartet haben, mag dieser kurzsichtige Ansatz die Rezession in den kommenden Wochen oder Monaten zwar hinauszögern, doch er führte auch zu deutlich größeren, tiefgreifenderen systematischen Risiken, die von einer Inflationskrise bis hin zum möglichen Eintreten eines tatsächlichen Währungszusammenbruchs reichen.


© Claudio Grass
www.claudiograss.ch


Dieser Artikel wurde am 22.11.2021 auf www.goldandliberty.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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