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Inflation ist keine Naturkatastrophe. Sie ist menschengemacht

18.02.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
"Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand." - Max Frisch

Inflation ist ein monetäres Phänomen. Sie ist Folge der Geldmengenausweitung durch die Zentralbanken. Es ist leider zu befürchten, dass die Inflation hoch bleibt, weil die Geldpolitiker das Geldmengenwachstum nicht entschieden genug verringern.


Unerfreuliche Konstellation

Die Inflationsaussichten haben sich verdunkelt. Es hat sich eine sehr unerfreuliche Konstellation von Faktoren zusammengebraut.

Erstens: Der politisch diktierte Lockdown hat die Produktionsleistung der Volkswirtschaften stark geschmälert. Produktionsausfälle, Logistikprobleme und Lieferengpässe sorgen nach wie vor für erhöhte Angebotsknappheit.

Zweitens: Die zurückgestaute Nachfrage baut sich nun ab, beflügelt die Konjunktur, trifft dabei aber auf ein verknapptes Angebot und treibt die Güterpreise in die Höhe.

Drittens: Die in vielen Ländern politisch forcierte Energiewende artet in einen "Energiepreisschock" aus, der alle Güterpreisen erfassen wird - und sogar die Versorgungssicherheit bedrohen kann.

Viertens: Angebotsverknappung, anziehende Konjunktur und stark steigende Energiepreise treffen auf einen gewaltigen Geldmengenüberhang, den die Zentralbanken aufgetürmt haben, und der sich nun Güterpreisinflation übersetzt.

Fünftens: Das Vordringen der Staaten im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben - in Form von mehr Ge- und Verboten, Regulierung, Gesetzen, Besteuerung, staatlichen Ausgabenprogrammen etc. - drängt das, was von den freien Märkten noch übrig ist, zusehends weiter zurück. Die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaften nimmt dadurch ab, der Wettbewerbsdruck in vielen Sektoren wird abgeschwächt, und auch das begünstigt ein Ansteigen der Güterpreise.

Eine Reihe von Zentralbanken hat angekündigt, aus der extrem expansiven Geldpolitik aussteigen zu wollen. Die Bank von England hat sogar schon im Dezember 2021 erstmalig den Leitzins erhöht. Die US-Zentralbank (Fed) will im März beginnen, die Zinszügel anzuziehen, und auch die Europäische Zentralbank (EZB) wird wohl im Verlauf des Jahres die Kreditkosten anheben. Doch wird das ausreichen, die bereits hohe Inflation zu verringern? Der Inflationsschub, den die Zentralbanken mit ihrer Geldmengenschwemme in Gang gesetzt haben, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen: Seit Ende 2019 hat die Fed die Geldmenge M2 um 40 Prozent ausgeweitet, die EZB die Geldmenge M3 um 20 Prozent.

Hinzu kommt, dass die Geldmengen immer noch mit erhöhten Raten wachsen. So nimmt die US-Geldmenge M2 derzeit mit etwa 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, die Euro-Geldmenge M3 um etwa 7 Prozent. Die Geldpolitik muss, will sie die künftige Inflation mäßigen, das Kredit- und Geldmengenwachstum abbremsen, also die Zinsen kräftig anheben, beziehungsweise sie muss damit aufhören, neu ausgegebene Staatsschulden in großem Stil aufzukaufen, das heißt zu monetarisieren, denn dadurch wird die ausstehende Geldmenge ebenfalls erhöht. Das aber wird absehbar auf große Widerstände stoßen.

Zum einen wird die konjunkturelle Erholung durch die sehr niedrigen Zinsen angetrieben. Eine Verteuerung der Kredit- und Kapitalkosten wäre daher absehbar mit wirtschaftlichen Bremsspuren, vielleicht sogar - wenn die Zentralbanken die Realzinsen (also die inflationsbereinigten Nominalzinsen) über die Nulllinie heben - mit Rezession und Arbeitslosigkeit verbunden. Zum anderen ist aus Sicht der hochverschuldeten Staaten eine Verteuerung der Kreditkosten höchst unerwünscht: Steigende Zinskosten schränken den Ausgabespielraum ein und schüren Zweifel an der Schuldentragfähigkeit der staatlichen Finanzen.

Hinzu kommt, dass eine erhöhte Inflation politisch alles andere als ungelegen kommt. Inflation ist nämlich so etwas wie eine "Inflationssteuer", sie bereichert - für viele Menschen gar nicht sichtbar - den Staat auf Kosten der breiten Bevölkerung. Das geschieht auf verschiedenen Wegen. Steigen die Güterpreise, ziehen früher oder später auch die Löhne an - schließlich wollen die Arbeitnehmer für den erlittenen Kaufkraftverlust entschädigt werden.

Wenn die Steuersätze nicht verändert werden, hat das zur Folge, dass die reale Steuerlast ansteigt: Die Steuerzahler geraten unter einen höheren Grenzsteuersatz. Obwohl ihre realen Einkommen durch die Erhöhung ihrer nominalen Löhne nicht zunehmen, müssen sie mehr Steuern bezahlen.

Ein ähnlicher Effekt stellt sich bei Unternehmen ein. In Inflationszeiten steigen die Umsätze der Firmen an, während in den Bilanzen die Produktionsmittel zu Anschaffungs- beziehungsweise Herstellungskosten angesetzt sind. Das führt in inflationären Zeiten zu "Scheingewinnen": Die Gewinne in der betrieblichen Rechnungslegung werden höher ausgewiesen als sie in realer, also inflationsbereinigter Rechnung tatsächlich sind. Durch die Besteuerung der inflationsbedingt aufgeblähten Gewinne wird den Firmen Substanz entzogen.

Die Inflation trifft auch den Sparer und Investor. Wenn er mit seinen Kapitalanlagen "nur" die Inflation verdient, hat er dann sein Kapital erhalten? Die Antwort ist nein! Der erzielte Gewinn unterliegt der Kapitalertragssteuer. Der Anleger erleidet in diesem Falle einen realen Kapitalverlust, wenn er/sie auf den Gewinn Steuern zahlen muss. Dieser steuerbedingten Kapitalminderung kann man nur entkommen, wenn man eine Rendite erzielt, die nicht nur höher ist als die Inflation, sondern die auch die Steuer auf den Kapitalertrag abdeckt.


Wie die Inflation Ihre Vermögen entwertet

Nehmen wir an, Sie haben 100 Euro in eine Aktie investiert. Die Inflation steigt danach auf 10 Prozent. Der Kurs ihrer Aktie steigt ebenfalls um 10 Prozent auf 110 Euro. In diesem Fall sind sie in realer Rechnung nicht reicher geworden. Der Kursanstieg ihrer Aktie hat sie lediglich vor dem Kaufkraftverlust des Geldes bewahrt, für den die Inflation sorgt.

Doch halt: Auf den Kursgewinn (den sie früher oder später realisieren werden/müssen) erhebt der Staat nun Kapitalertragsteuer in Höhe von, sagen wir, 25 Prozent. Sie zahlen also 10 Euro x 0,25 = 2,5 Euro an das Finanzamt. Es bleiben Ihnen nach Steuern also 107,50 Euro. Sie erleiden folglich einen realen Kaufkraftverlust in Höhe der Steuer auf ihren Kapitalertrag. Um der Inflation zu entkommen, reicht daher eine Rendite in Höhe der Inflation nicht aus. Sie müssen zusätzlich auch die Steuer auf ihren Kapitalertrag verdienen, um dem Inflationsschaden zu entkommen. Für die meisten Sparer, die meisten Anleger und auch Investoren sicherlich keine leichte Aufgabe!




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