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Sanktionen und das Problem des Gegenverkehrs

16.05.2022  |  Vertrauliche Mitteilungen
An dieser Stelle soll noch einmal auf die sich deutlich abzeichnenden Probleme der weltweiten Nahrungsmittelproduktion eingegangen werden. Denn was wir in unseren heimischen Supermärkten bereits in Form zeitweise leerer Regale (z.B. bei Mehl und einigen Ölsorten) und steigender Preise erleben, droht für andere Menschen, die in zumindest nahrungstechnisch weniger privilegierten Regionen leben, zu einer Frage des Hungerns, ja durchaus auch des Überlebens, zu werden.

Die Ukraine und Russland gelten als Europas Kornkammer. Russland ist mit einem Marktanteil von etwa 20% der weltweit größte Weizenexporteur, die Ukraine folgt auf Platz 5 (die vorstehende Rangfolge bezieht sich auf die Exportmenge, nicht auf die Gesamt-Produktion).

Das von Moskau als Antwort auf die westlichen Sanktionsmaßnahmen bis zum 30.6.2022 verfügte Ausfuhrverbot für Weizen, Gerste und Roggen macht sich deshalb bereits jetzt bemerkbar. Dabei baut man im Kreml vor allem auf den weltweiten Druck, den der dadurch erzeugte Getreidemangel schon jetzt ausübt.

So leidet z.B. Ägypten, das normalerweise rund 80% seines jährlichen Getreidebedarfs von 13 Millionen Tonnen aus Russland bezieht. Man sucht in Kairo jetzt intensiv nach alternativen Bezugsmöglichkeiten, bisher aber praktisch erfolglos - Gespräche mit potentiellen Lieferanten aus den USA, Kasachstan und Rumänien verliefen jedenfalls bisher im Sande. In Ägyptens Nachbarland Libanon wird der Weizen schon jetzt rationiert und darf nur noch für die Brotherstellung genutzt werden.

Während der russische Lieferstopp sofort wirkte, zeichnen sich bezüglich der Ukraine zusätzlich kriegsbedingte Produktions- und damit Lieferschwierigkeiten für den kommenden Herbst und Winter ab. Durch teilweise zerbombte und oft noch gar nicht bestellte Felder wird die nächste Ernte deutlich geringer als üblich ausfallen. Und wenn etwas geerntet werden kann - und nicht ohnehin im Land selbst dringend benötigt wird -, dürfte sich zumindest eine Verschiffung über das Schwarze Meer schwierig gestalten.

Derzeit sind alle ukrainischen Häfen geschlossen und eine Reihe von Schiffen kann nicht auslaufen oder wartet noch auf die Abfertigung. Nach aktuellen Schätzungen stecken deshalb aktuell rund 5 Millionen Tonnen Getreide alleine in diesen Häfen bzw. den dort liegenden Schiffen fest.

Zwar zählen Deutschland und die Europäische Union insgesamt nicht zu den Hauptabsatzmärkten für ukrainisches Getreide. Die meisten Lieferungen gehen vielmehr nach China und in einige afrikanische Staaten. Doch wenn ukrainische Lieferungen, ganz gleich wohin, ausfallen, macht sich dies zwangsläufig in einer erhöhten Nachfrage nach Getreide anderer Herkunft bemerkbar, was mindestens zu steigenden Preisen führt.

Erschwerend kommen deutliche Preiserhöhungen für Saatgut und bestimmte Düngersorten hinzu. So ist z.B. der Preis für Harnstoffdünger seit Beginn des Ukrainekrieges um ca. 50% gestiegen, der Diesel-Preis für die Landmaschinen hat sich teilweise fast verdoppelt.

Dabei stände die weltweite Landwirtschaft auch ohne Krieg und Zerstörung vor massiven Problemen. Die Weltbevölkerung wächst noch immer deutlich (jährlich um rund 80 Millionen Menschen) und der in den letzten Jahren in den sogenannten "Schwellenländern“ stark gestiegene Lebensstandard macht sich auch in einem geänderten Konsumverhalten mit einem überproportional steigenden Getreidebedarf bemerkbar.

Voraussichtlich noch weiter steigende Getreidepreise und ein insgesamt "engeres“ Angebot werden sich auch in Deutschland bemerkbar machen, wobei hier glücklicherweise nicht mit Hunger, sondern "nur“ mit steigenden Preisen zu rechnen ist. Anders sieht es aber schon in den meisten nordafrikanischen Staaten aus (siehe oben). Dort können weiter steigende Preise oder gar Lieferausfälle schnell zu heftigen politischen Unruhen und in der Folge neuen Flüchtlingsströmen führen.

Russland spielt bei alledem eine Schlüsselrolle und es steht zu befürchten, daß der Kreml diese Klaviatur noch laut und deutlich vernehmbar nutzen wird. Die gegen Russland verhängten Sanktionsmaßnahmen sollen an dieser Stelle nicht kritisiert werden.

Doch es wird immer deutlicher, daß Sanktionen in den meisten Fällen eben keine "Einbahnstraße“ sind und man im Regelfall mit heftigem "Gegenverkehr“ rechnen sollte.


© Vertrauliche Mitteilungen
Auszug aus den "Vertrauliche Mitteilungen", Nr. 4491



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