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Kissinger - Scholz - Weltbank und IWF werden lauter - Wenn der Westen kein Geld will

27.05.2022  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,0757 (06:01 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,0663 im europäischen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 126,78. In der Folge notiert EUR-JPY bei 136,40. EUR-CHF oszilliert bei 1,0299.

Henry Kissinger (98) meldete sich in Davos zu Wort und forderte faktisch in der Ukraine-Krise zur Rückkehr zur Diplomatie auf, um weitere Schäden für die Menschen in der Ukraine, aber auch für die Welt verhindern zu helfen. Ich freue mich, dass derartigen Diplomaten Raum in den Medien gegeben wird. Ich fühlte mich zuletzt sehr allein mit diesen Ansichten, geprägt aus politischer und diplomatischer Erfahrung und Weitsicht verbunden mit belastbaren historischen Evidenzen.


Kanzler Scholz in Davos - Seine Statements - Replik

Kanzler Scholz hat vor einer Entglobalisierung gewarnt. Es sei richtig, dass Lieferketten in strategischen Bereichen diversifiziert werden müssten, zugleich müsse Acht gegeben werden, dass aus notwendiger Diversifizierung kein Vorwand wird für Abschottung, Zollschranken und Protektionismus. Die Entglobalisierung sei ein Holzweg.

Kommentar: Ich stimme Kanzler Scholz zu. Eine Rückkehr zu Autarkie ist hinsichtlich der tiefen Vernetzung und der unterschiedlich verteilten Rohstoffreserven nichts als teure Illusion. Wer will, kann in den Worten zarte Selbstkritik erkennen, denn der Westen, allen voran die USA, haben nach der Ausschaltung der WTO durch die USA durch Sanktionen ohne Rechtsbasis Protektionismus in aggressiver Form umgesetzt. Es kam sogar zu Drohungen gegen Deutschland (Daimler etc.).

Scholz sieht die Welt in einer neuen Phase der Globalisierung. Die Zeiten, in denen es in Nordamerika und Europa verlässliches Wachstum, hohe Wertschöpfung und niedrige Inflation gegeben habe, gingen zu Ende. Es würde zukünftig weniger eine Fixierung auf die Märkte in Nordamerika und Europa geben, sondern andere Teile der Welt würden starke Nachfrage entwickeln. Deshalb sei künftig mehr und nicht weniger internationale Zusammenarbeit nötig.

Kommentar: Herr Scholz scheint unseren Report zu lesen, danke, das war auf den Punkt! Chapeau und merci! Ich flankiere an dieser Stelle mit einem Bild, das nicht aktuell ist, aber die Veränderung der finanz- ökonomischen Machtachse zu Lasten der USA darstellt. Die Tendenz hat sich seit 2018 weiter zu Gunsten Chinas entwickelt. Realitätssinn ist die zwingende Voraussetzung für Erfolg, das gilt für Staaten, für Unternehmen und gilt auch für Privatpersonen.

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So weit zum normativ Faktischen. "Food for thought!"


Weltbank wird lauter

Der Chef der Weltbank, Malpass, wies am 25.Mai darauf hin, dass der durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Preisanstieg bei Energieträgern und Lebensmitteln sowie mögliche Engpässe bei der Düngemittelversorgung eine globale Rezession auslösen könnten. Er sagt, dass Deutschland bereits in einer Phase der sich abschwächenden Wirtschaft sei. Dazu passt mein Artikel in der Welt (hinter der Bezahlschranke: https://www.welt.de/wirtschaft/plus238604437/Gas-Folker-Hellmeyer-zu-den-drastischen-Folgen-eines-Embargos.html ).


Auch der IWF wird lauter

Der IWF hat Deutschland für den Fall einer schlecht laufenden Konjunktur vor einer verfrühten Rückkehr zur Einhaltung der Schuldenbremse im Jahr 2023 gewarnt. Wenn die Energiepreise weiter zulegten, wäre es klüger von Deutschland, weiter die Konjunktur zu stützen, sagte IWF-Chefin Georgiewa. Bereits in seinem jüngsten Bericht hatte der IWF gemahnt, dass es zahlreiche Risiken für die erwartete schwache Erholung der Wirtschaft in Deutschland gebe.

Kommentar: Das Thema Versorgungssicherheit tritt beim IWF nicht auf, nur das der Preislichkeit, ersteres Thema wöge viel schwerer.


Wenn der Westen keine Zahlungen erhalten will …

Die USA haben Russland näher an den Rand einer Zahlungsunfähigkeit gebracht. Die US-Regierung ließ eine Ausnahmeregelung auslaufen, dies es Russland bisher erlaubt hat, trotz der Sanktionen wegen des Kriegs in der Ukraine Zahlungen an die US-Gläubiger seiner Staatsschulden weiteraufrechtzuerhalten. Das russische Finanzministerium kündigte an, die Auslandsschulden in Rubel zu bedienen.

Kommentar: Die USA erzwingen eine Situation, dass auch westliche Gläubiger keine Zinsen oder Rückzahlungen erhalten. Früher wurden Länder bedrängt und bedroht oder zu Reformen verpflichtet, wenn sie nicht zahlten. Dieser Zusammenhang stellt die Absurdität da.

Zu den Fakten: Russland hat eine Staatsschuld in Höhe von 16,8% des BIP (IWF Fiscal Monitor 04/22), die USA 125,6%, Eurozone 95,2% und Japan 262,5%. Es könnte sein, dass das westliche Selbstbild bei diesen Aktionen nicht dem globalen Fremdbild entspricht. Das Thema der westlichen Glaubwürdigkeit wird mit diesen US-Maßnahmen meines Erachtens einem erheblichen Stresstest unterworfen.


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

Eurozone: Stimmung der Verbraucher kritisch

Das deutsche BIP stieg per 1. Quartal 2022 in der saisonal bereinigten Fassung laut detaillierter Berechnung im Quartalsvergleich um 0,2% (vorläufiger Wert 0,2%) und im Jahresvergleich um 3,8% (vorläufiger Wert 3,7%).

Der deutsche GfK-Konsumklimaindex legte per Juni von zuvor -26,6 (revidiert von -26,5) auf -26,0 Punkte zu (Prognose -26,0). Der Index bewegt sich weiter auf niedrigsten Niveaus in der bis 2001 zurückgehenden Historie. Die Tiefpunkte lagen zuvor im Mai 2020 bei -23 Zählern und per März 2003 bei -3,5 Punkten.

In Frankreich sank der Index des Verbrauchervertrauens per Mai von zuvor 87 (revidiert von 88) auf 86 Zähler (Prognose 89).


USA: Daten überwiegend mit unterschwellig negativer Tendenz

Das BIP sank per 1. Quartal 2022 gemäß 2. Schätzung in der annualisierten Fassung um 1,5% (P. -1,3%). Die Arbeitslosenerstanträge stellten sich per Berichtswoche 21. Mai auf 210.000 nach 218.000. Die Unternehmensgewinne sanken per 1. Quartal um 4,30% zum Vorquartal. Der Index anhängiger Hausverkäufe sank per April von zuvor 103,3 (revidiert von 103,7) auf 99,3 Punkte auf den niedrigsten Stand seit April 2020. Der Kansas Fed Composite Index fiel per Mai von zuvor 25 auf 23 Zähler.

Der von der MBA wöchentlich ermittelte Hypothekenmarktindex ging in der Berichtswoche per 20. Mai von zuvor 319,4 auf 315,5 Punkte zurück und markierte den tiefsten Indexwert seit Januar 2019. Die Allzeittiefs lagen bei 290 - 295 Zählern (Januar 2015, Januar 2019). Höchstwerte wurden im Januar 2009 bei 1.325 und im März 2020 bei 1.172 Zählern markiert. Der Auftragseingang für langlebige Wirtschaftsgüter nahm per April im Monatsvergleich um 0,4% (Prognose 0,6%) nach zuvor 0,6% (revidiert von 1,1%) zu.


China: Corona zehrt an Gewinnen

Die Gewinne der Industrieunternehmen verzeichneten per April im Jahresvergleich einen Rückgang um 8,6%% nach zuvor +12,2%. In der Phase Januar - April lag die Zunahme bei 3,5% (01-03/22 zuvor 8,5%).


Russland: Rubelstärke erlaubt starke Zinssenkung

Russlands Zentralbank senkte die Leitzinsen am 26. Mai in einer außerplanmäßigen Sitzung von 14% um 3% auf 11% (Prognose 15%). Hintergrund sei auch die Stärke des Rubels, der in der Folge Boden verlor. Die Zentralbankreserven stellten sich per Stichtag 20. Mai auf 583,4 nach zuvor 585,7 Mrd. USD. Die Erzeugerpreise legten per April im Monatsvergleich um 6,3% nach zuvor 5,9% und im Jahresvergleich um 31,5% nach zuvor 26,7% zu.


Japan: Zarte Entspannung beim CPI

Der Anstieg der Verbraucherpreise stellte sich im Jahresvergleich per Mai auf 2,4% nach zuvor 2,5%.


Südkorea: BOK erhöht Zinsen gemäß Erwartungen

Die Zentralbank hat den Leitzins erwartungsgemäß von zuvor 1,50% auf 1,75% angehoben.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den USD gegenüber dem EUR favorisiert. Ein Überschreiten des Widerstandsniveaus bei 1.0870 - 1.0900 neutralisiert den positiven Bias des USD.

Viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefvolkswirt der Netfonds Gruppe



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