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US-Zentralbank führt Zinsstraffung fort – doch Zinserhöhungsspielraum wird wohl bald an Grenzen stoßen

23.09.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auf seiner Sitzung am 21. September 2022 hat der Rat der US-Zentralbank (Fed) den Leitzins um 0,75 Basispunkte auf eine Bandbreite von 3,00-3,25% erhöht.

Die Fed betont in ihrer Pressemitteilung, dass sie weitere Zinsanhebungen für angemessen hält. Zudem will sie mit dem Verkauf von Staats- und Hypothekenanleihen, die sie durch die "QE-Politik in ihrer Bilanz angehäuft hat, weitermachen. Eine "restriktive Botschaft“ also.

Zumal die Fed signalisiert, dass sie den Leitzins weiter auf 4,4% bis Ende dieses Jahr anheben wird (bisher: 3,4%), in 2023 auf 4,6% (bisher 3,8%), und ihn in 2024 wieder auf 3,9% absenken wird (bisher 3,4%). Die Inflation wird in 2022 bei 5,4% liegen, in 2023 bei 2,8% und bei 2,3% in 2024. (Über Güte und Zweck der Prognosen wollen wir hier kein Wort verlieren.)

Doch wird die Fed es schaffen, die Zinsen nur so weit anzuheben, dass die Hochinflation gebrochen und gleichzeitig eine Rezession verhindert wird? Oder sorgt sie mit ihren Zinserhöhungen – wie schon so oft in der Vergangenheit - für einen großen Crash? Oder ist andauernde Hochinflation, einhergehend mit Wirtschaftsrezession, wahrscheinlich(er)?

Die US-Wirtschaft schrumpft bereits seit zwei Quartalen in diesem Jahr (Q1: -1,6%, Q2: -0,6%). Die hohe Güterpreisinflation (August: +8,3% gegenüber dem Vorjahr) übt zusätzlich einen negativen Nachfrageeffekt aus, der Kursrückgang des US-Aktienmarktes tut ein Übriges. Steigende Leitzinsen verschärfen also absehbar die Kontraktion.

Die Aussicht auf weitere Zinserhöhungen in den USA setzen seit geraumer Zeit schon viele Währungen unter Abwertungsdruck gegenüber dem Greenback - wie insbesondere JPY, EUR und CNY -, und dies verringert die Liquidität in den internationalen Finanzmärkten, erhöht die weltweite Rezessionswahrscheinlichkeit.

Die Aussicht auf schwindendes Wirtschaftswachstum, verbunden mit wachsenden Spannungen in den internationalen Finanzmärkten, werden jedoch der Fed-Zinspolitik früher oder später Grenzen setzen. Das zeigt auch bereits die Invertierung der US-Zinskurve (d. h. die Langfristzinsen liegen mittlerweile deutlich unter den Kurzfristzinsen).

Spätestens wenn die nächste Kreditkrise vor der Tür steht, wird es wirklich heikel: Die Fed muss dann entscheiden, ob sie Rezession und Zahlungsausfälle auf breiter Front hinnimmt, um die Hochinflation zu brechen; oder ob sie die Wirtschaft unterstützen will, auch wenn dadurch die Hochinflation andauert. Eine weitere Zinserhöhung bis auf 4,0% ist aus unserer Sicht plausibel, ein Anstieg darüber hinaus weniger wahrscheinlich.

Zu bedenken ist: Die Geldpolitik wirkt mit Zeitverzögerungen: Eine Zinserhöhung heute hat erst Auswirkungen in der Zukunft. Ähnlich wie eine Heizung: Der Raum ist kalt, und man dreht die Heizung ganz auf. In der Nacht wacht man dann jedoch schwitzend auf, weil der Raum völlig überhitzt ist. Das kann auch bei der Fed-Geldpolitik passieren: Die Zinserhöhungen erweisen sich rückblickend als "überzogen“, bringen die Wirtschaft und die Finanzmärkte zum Einsturz.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass Fed-Chef Jerome H. Powell während der Fragestunde durchblicken ließ, dass er (der Rat) damit rechnet, dass die Inflationszahlen in den kommenden Monaten nachgeben, und dass das die Notwendigkeit für Zinserhöhungen abschwächen könnte. Die Aktienmärkte quittierten das mit einem Ansteigen der Kurse, und auch EUR, JPY und CNY erholten sich etwas. Hinter dieser Marktreaktion verbirgt sich vermutlich die Erwartung der Investoren, dass die Fed, wenn es zum Schwur kommt, Wirtschaft und Finanzmärkte nicht fallen lässt, eine erhöhte Inflation zulassen wird (allen anderen Aussagen zum Trotz).

Der Goldpreis in US-Dollar gerechnet ist seit Sommer 2020, in dem er seinen bisherigen Rekordpreis von etwa 2.040 USD/oz erreicht hatte, gefallen. Das ist vor allem auf die US-Dollar-Aufwertung zurückzuführen. In vielen anderen Währungen gerechnet ist der Goldpreis hingegen gestiegen beziehungsweise hat nur leicht nachgegeben.

Durch die "Flucht in den US-Dollar“ in den letzten etwa zwei Jahren hat vermutlich aus Sicht vieler Investoren das Gold an Attraktivität verlieren lassen. Doch es ist aus unserer Sicht sehr wahrscheinlich, dass früher oder später die Investoren wieder umdenken werden - dass sie erkennen, dass der Greenback sie letztlich nicht wie erhofft vor Kaufkraftverlust verschonen wird.

In einem Umfeld, in dem absehbar die Realzinsen (also Nominalzinsen abzüglich der Güterpreisinflation) negativ bleiben, und in dem die Risiken einer Systemkrise unweigerlich weiter anwachsen, gibt es gute Gründe, physisches Gold und Silber im Portfolio zu halten. Aus unserer Sicht sind die Edelmetalle zu aktuellen Preisen „günstig“, so dass sich ein Auf- und Ausbau von physischen Gold- und Silberpositionen empfiehlt.

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P.S.: Die Fed-Prognosen finden Sie hier:
https://www.federalreserve.gov/monetarypolicy/files/fomcprojtabl20220921.pdf


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH




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