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Diplomatische Töne aus Washington? - IWF vor Prognosesenkung - EZB-Protokoll

07.10.2022  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 0,9808 (05:38 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 0,9787 im fernöstlichen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 144,95. In der Folge notiert EUR-JPY bei 142,18. EUR-CHF oszilliert bei 0,9704.


Diplomatische Töne aus Washington?

Präsident Biden hat die Situation in der Welt mit der Kuba-Krise von 1962 verglichen. Er sagte, zum ersten Mal seit der Kuba-Krise haben wir es mit einer direkten Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen zu tun, wenn sich die Situation tatsächlich so weiter entwickele wie bisher.

Kommentar: Entscheidend ist der Passus "wenn sich die Situation tatsächlich so weiter entwickele wie bisher". Der Weg der Eskalation, der bisher gegangen wurde, bedarf zweier Parteien, nicht einer. "It takes two to tango!" Ich habe mich medial deswegen bewusst für die Kunst der Diplomatie engagiert, um genau das aktuelle Szenario verhindern zu helfen. Das US-Präsidialamt hatte zuvor wiederholt erklärt, es gebe trotz Putins "nuklearem Säbelrasseln" keine Anzeichen dafür, dass sich Russland auf einen Einsatz von Atomwaffen vorbereite. Kommentar: So weit, so gut.

O-Ton Reuters: "Die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba hatte 1962 zu ernsthaften Spannungen zwischen den Regierungen in Moskau und in Washington geführt. Beide Seiten standen kurz vor dem Einsatz von Atomwaffen."

Kommentar: Das habe ich auch in der Schule gelernt. Historisch korrekt ist jedoch, dass die USA Atomraketen in der Türkei gegen die Sowjetunion stationierten (Aktion). Dann kam die Gegenreaktion Moskaus mit Kuba. Das Endergebnis war, dass beide ihre Atomwaffen zurücknahmen. Mein ehemaliges Schulbuchwissen war Ausdruck eines Narratives.

Biden führte weiter aus, dass es seiner Ansicht nach nicht möglich sei, taktische Atomwaffen einzusetzen, ohne dass es am Ende ein Armageddon, eine Katastrophe gäbe. Er und seine Mitarbeiter suchten nach einem diplomatischen Ausweg. Man versuche herauszufinden, wie Putin aus dieser Situation herauskomme, wie Putin das schaffen könne, nicht nur ohne sein Gesicht zu verlieren, sondern auch seine Macht in Russland.

Kommentar: Sollten diesen Worten Bidens ernste diplomatische Bemühungen folgen, könnte sich eine Tür Richtung Deeskalation öffnen. Zarte Hoffnungen mögen berechtigt sein. War der Katalysator das Ergebnis der OPEC+ Veranstaltung (wer ist isoliert, siehe Report gestern)?


IWF wird Prognosen senken

Die Perspektiven für die Weltwirtschaft trüben sich laut IWF weiter ein. Die IWF-Chefin kündigte an, globale Prognosen für das BIP-Wachstum in dem kommende Woche erscheinenden "World Economic Outlook" senken zu müssen. Man erlebe eine fundamentale Veränderung der globalen Wirtschaft. Sie würde unberechenbarer, schwankungsanfälliger und stärker geprägt von geopolitischen Spannungen. Europa sei besonders stark von den Folgen der Ukraine-Krise betroffen. In den USA belaste die Inflation die Konsumlust, in China bremsten Corona-Einschränkungen die Wirtschaft aus.

Kommentar: Kein Widerspruch bezüglich der quantitativen und qualitativen Aussagen.

Die IWF-Prognosen wurden seit Oktober 2021 bereits drei Mal nach unten angepasst. Per 2022 wird derzeit noch ein Wachstum von 3,2% erwartet, 2023 sollen es 2,9% sein. Die IWF-Chefin warnte, dass das Risiko einer Rezession steigen würde. Länder, die für circa 1/3 der globalen Wirtschaftskraft stünden, würden mindestens zwei Quartale Kontraktion im Quartalsvergleich in Folge haben (Definition technischer Rezession). Sie konstatierte, dass es wahrscheinlicher sei, dass es zunächst schlechter als besser würde.

Kommentar: Korrekt, es sei denn, dass es zu einer Deeskalation im Rahmen von Diplomatie kommt. Träumen ist erlaubt!

Bis 2026 schätzt der IWF bezüglich der aktuellen Krisen die weltweiten Wertschöpfungsverluste auf rund 4 Billionen USD (entspricht in etwas BIP Deutschlands). Dies sei ein massiver Rückschlag für die Weltwirtschaft.

Kommentar: Das ist nur in Bezug auf das BIP, die Wohlstandsverluste durch Preisinflation und gleichzeitige Deflation bei Anlagemärkten (Aktien, Anleihen, Immobilien) sind erheblich höher.

Oberste Priorität müsse es nun haben, die Inflation zu senken. Zahlreiche Notenbanken hätten dafür zuletzt die Zinsen angehoben.

Kommentar: Korrekt, aber wenn die Inflationsursachen maßgeblich in der Außenpolitik begründet sind, was können Zentralbanken dann machen?

Die Finanzpolitik müsse den Ärmsten helfen (u.a. Energie), durch die Krise zu kommen. Dies müsse gezielt geschehen. Es dürfe nicht gegen die Notenbanken gearbeitet werden.

Kommentar: Mahnende Worte, ob sie umfassend gehört werden?


EZB-Protokoll: "Zwischen den Zeilen" ...

Quintessenz: Die EZB-Währungshüter wollen die Inflation mit einer straffen Linie bei den Leitzinsen einpflegen. Wenn jetzt kraftvoll gehandelt würde, könne man größere Zinsschritte im weiteren Konjunkturverlauf bei schwächerer Wirtschaft vermeiden.

Kommentar: Unter rein quantitativen Gesichtspunkten ist der skizzierte Weg der EZB grundsätzlich richtig, auch weil viel zu spät reagiert wurde. Jedoch hängt die weitere Inflationsentwicklung mehr an der Gestaltung der weiteren Außenpolitik (Kernursache 2022) als an der Zentralbankpolitik. Jede Inflation hat ihre eigenen Ursachen und ist damit nicht identisch. Die qualitativen Hintergründe der Inflation sind entscheidende Parameter, um das richtige Anti-Inflationsmittel zu wählen. Ist die westliche Außenpolitik sich seiner globalen Inflationsverantwortung bewusst? Überfordert die Außenpolitik die Zentralbankpolitik?

Es wurde konstatiert, dass die Inflation viel zu hoch sei und wahrscheinlich für längere Zeit über dem Ziel der EZB bleiben würde.

Kommentar: Zwischen den Zeilen thematisiert die EZB damit das Dilemma der EZB, die inflationären Folgen der Außenpolitik auf kurze Sicht nicht einpflegen zu können, es sei denn, die Außenpolitik ändert sich.


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

Eurozone: Wenig erbaulich, Niederlande versinken in Inflation

Der von S&P ermittelte Einkaufsmanagerindex des Konsumsektors stieg per September von 44,2 auf 45,3 Punkte an. Die Einzelhandelsumsätze der Eurozone sanken per August im Monatsvergleich um 0,3% (Prognose -0,4%) nach zuvor -0,4% (revidiert von +0,3%). Im Jahresvergleich kam es zu einem Rückgang um 2,0% (Prognose -1,7%) nach zuvor -1,2% (revidiert von -0,9%).

In Deutschland brach der Auftragseingang der Industrie per August im Monatsvergleich um 2,4% (Prognose -0,7%) nach zuvor +1,9% (revidiert von -1,1%) ein.

In den Niederlanden nahmen die Verbraucherpreise per September im Jahresvergleich um 14,5% nach zuvor 12,0% zu. Das stellt einen Rekordwert in der uns bis 1960 vorliegenden Historie dar.


UK: Konsumstimmung stark

Der von S&P ermittelte Einkaufsmanagerindex des Konsumsektors stieg per September von 49,2 auf 52,3 Punkte (Prognose 48,0) an.


USA: Arbeitsmarktdaten etwas schwächer

Laut Challenger Report, der Auskunft über angekündigte Entlassungen gibt, sind per September 29.989 nach zuvor 20.485 Jobs von angekündigten Entlassungen betroffen. Die Arbeitslosenerstanträge stellten sich per Berichtswoche 1. Oktober 2022 auf 219.000 (Prognose 203.000) nach zuvor 190.000 (revidiert von 193.000).


Russland: Devisenreserven schmelzen weiter ab

Die Devisenreserven lagen in der Berichtswoche per 30. September bei 540,7 nach zuvor 549,7 Mrd. USD.


Japan: Frühindikator legt zu

Der Index der Frühindikatoren nahm per Berichtsmonat August um 2,0 Punkte nach zuvor -1,4 Zähler zu. Der Index, der die aktuelle Lage spiegelt, stieg um 1,6 Punkte. Der Vormonatswert wurde von 1,4 auf 0,9 Zähler revidiert.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den USD gegenüber dem EUR favorisiert. Ein Überschreiten des Widerstandsniveaus bei 1.0300 - 1.0330 neutralisiert den positiven Bias des USD.

Viel Erfolg


© Folker Hellmeyer
Chefvolkswirt der Netfonds Gruppe



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