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Finanzmärkte stabil - IFO-Studie und BDI-Daten mit Warncharakter - USA: IRA, Klartext!

23.11.2022  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,0312 (05:46 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,0247 im europäischen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 141,46. In der Folge notiert EUR-JPY bei 145,87. EUR-CHF oszilliert bei 0,9815.


Finanzmärkte: Stabilität und Resilienz

An den Aktienmärkten dominiert Stabilität. Aufwärtsbewegungen wurden in den letzten Tagen immer wieder für Gewinnmitnahmen genutzt, ohne nachhaltige Abwärtsbewegung auslösen zu können. "Climbing against a wall of worry" beschreibt die Lage am treffendsten. Positiv anzumerken sind zwei europäische Datensätze der letzten beiden Tage. Die deutschen Erzeugerpreise brachen per Oktober als Reaktion auf den festeren EUR und gesunkene Rohstoffpreise im Jahresvergleich von 45,8% auf 34,5% (Prognose 41,5%) ein und das Leistungsbilanzdefizit der Eurozone reduzierte sich markant von -26,32 auf -8,06 Mrd. EUR.

Am Kapitalmarkt ergaben sich wenig neue Erkenntnisse. Die Rendite der 10 jährigen Bundesanleihe stellt sich aktuell auf 1,98%, die der 10 jährigen US-Staatsanleihe auf 3,76%. Der USD konnte seine jüngsten Gewinne gegenüber dem EUR nicht vollständig, sondern nur partiell halten. Gold und Silber, die Währungen ohne Fehl und Tadel standen unter Druck.


Federal Reserve: Moderate Töne:

Die Präsidentin der Fed Cleveland Loretta Mester sprach sich gestern für kleinere Zinsschritte (ergo 0,50%) aus, nachdem die US-Notenbank viermal in Folge den Zins um 0,75% erhöhte.

Kommentar: Erkennbar ist der rückläufige Preisdruck auf globaler Ebene. Nach den markanten vier Zinsschritten zuvor, liegt die Wahrscheinlichkeit bei mehr als 70%, dass die Federal Reserve die weitere Zinspolitik moderater angehen wird.


Sudscha-Gasversorgung mit Fragezeichen

Trotz der Verwerfungen zwischen Russland und der EU lieferte Russland über die Sudscha-Pipeline pro Tag bisher circa 42 Mio. Kubikmeter Gas via Ukraine nach Europa. Gazprom drohte, Lieferungen zu reduzieren, da laut Gazprom Kiew 52,5 Mio. Kubikmeter nicht an Moldawien weitergeleitet, sondern für sich einbehalten hätte.

Kommentar: Damit gehen Risiken für Europas Gasversorgung einher!


Deutschland: IFO-Studie zum Thema Gasverbrauch im Unternehmenssektor

Laut Umfrage des IFO-Instituts nutzen 59% der Betriebe Gas für Produktionsprozesse. Von diesen 59% hätten 75% Gas eingespart, ohne die Produktion zu drosseln. 14,1% der Unternehmen mussten die Produktion bereits herunterfahren. 7,4% der Unternehmen hätten bisher keine Maßnahmen vorgenommen. Sektoral seien die Ergebnisse unterschiedlich. Die Einsparpotenziale seien ausgereizt. 41,4% der Unternehmen könnten zukünftig nur Gas sparen, wenn sie ihre Produktion reduzierten. 12,3% müssten die Produktion vollständig stoppen.

Kommentar: Daten, die Stresszustände offenlegen und politisches Handeln erfordern!


BDI: Daten mit Warncharakter!

Die deutsche Industrie rechnet laut BDI per 2022 wegen der Energiekrise und Lieferengpässen nur mit einem Zuwachs bei der Produktion in Höhe von 0,25% (Vorjahr 4,7%). Der Ausblick für das Jahr 2023 sei düster. Hintergründe seien hohe Energiepreisen und geopolitische Unsicherheiten.

Unter Druck stünden vor allem die energieintensiveren Branchen. Von Januar bis September sank die Produktion in den metallerzeugenden und -verarbeitenden Betrieben um 2,3%, bei Herstellern von Gummi- und Kunststoffwaren um 3,7% und in der chemischen Industrie um massive 8,2%. Zuwächse verzeichneten dagegen die Elektroindustrie mit 4,2% und die pharmazeutische Industrie mit 3,8%. Die Exporte dürften laut BDI inflationsbereinigt per 2022 um nur insgesamt 2,5% steigen (Vorjahr +9,7%)

Kommentar: Diese Daten haben deskriptiven Charakter. Sollten Deutschland und die EU das daraus resultierende Negativpotenzial hinsichtlich der strukturellen Folgen (Aristoteles!) ignorieren und bei den elementarsten Themen (Interessen der EU-Bürger!) ihre Hausaufgaben nicht machen, droht mittel- und langfristig eine markante Abwärtsspirale für Europa.


US-Wirtschaftsaggression - Deutschland und Frankreich liefern Worte ...

Deutschland und Frankreich fordern eine Reaktion auf das neue US-Investitionsgesetz (Inflation Reduction Act, IRA), damit unsere Unternehmen im Wettbewerb bestehen könnten.

Kommentar: Späte Erkenntnis im Rahmen reaktiver und nicht proaktiver Politik.

Dieses US-Programm hat ein Volumen von 370 Mrd. USD und ist ein protektionistisches Subventionsprogramm für die US-Industrie von dem Hintergrund der Forcierung der erneuerbaren Energien und des damit verbundenen Umbaus der US-Industrie. Mit dem US-Act sind Klauseln verbunden, dass die Unternehmen in den USA investieren und produzieren müssen. Die EU fürchtet, dass auch europäische Unternehmen Produktion nach Übersee verlagern könnten.

Frankreichs Wirtschaftsminister Le Maire sagte, man müsse europäische Interessen schneller, stärker und besser verteidigen. Es erfordere eine robuste Antwort. Im Dezember will eine EU-Abordnung in den USA Bedenken vortragen.

Kommentar: "Man will Bedenken vortragen" - das ist also eine "robuste" Antwort? Durchschaut man die Entwicklung der letzten Jahre nicht?

In einem gemeinsamen Papier machten Deutschland und Frankreich zudem deutlich, dass die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) eingehalten werden müssen.

Kommentar: Wegen der Kastrierung der WTO-Schiedsgerichtsbarkeit durch die USA fehlt der rechtliche Rahmen, unzulässige US-Politiken zu unterbinden. Wegen der von den USA forcierten Abkehr von der „Law Based Order“ hin zur US-regelbasierten Ordnung (US-Anspruch auf Unterordnung, totalitäre Ansprüche), die kausal mit der US-Aggression gegen die WTO im Kontext steht, ergibt sich das aktuelle Problem. Daraus ergeben sich Handlungsmaximen für die EU und Deutschland, wenn man nicht auf der falschen Seite der Geschichte stehen will.


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden

Eurozone: Entspannung bei der Leistungsbilanz und bei Verbrauchervertrauen

Nach dem historischen Tiefstwert per August bei -26,32 Mrd. EUR kam es per September zu einer markanten Besserung der Defizitlage bei der Leistungsbilanz der Eurozone in der saisonal bereinigten Fassung. Der Fehlbetrag stellte sich auf "nur" 8,06 Mrd. EUR. Gemäß erster Schätzung legte der Index des Verbrauchervertrauens per Berichtsmonat November von zuvor -27,5 (revidiert von -27,6) auf -23,9 Punkte zu (Prognose -26,0). Das war der höchste Wert seit Juni 2022 (-23,6).

Daten zweiter Reihe: In Finnland sank die Arbeitslosenquote per Oktober von zuvor 7,2% auf 6,9% und markierte den tiefsten Stand seit Juli 2022. Der belgische Index des Verbrauchervertrauens legte per November von zuvor -27 auf -22 Zähler zu.


USA: Richmond mit leicht aufgehellter Stimmung

Der Richmond Fed Composite Index legte geringfügig per November von zuvor -10 auf -9 Punkte zu.


Neuseeland: Leitzins von 3,50% auf 4,25% erhöht

Die Zentralbank Neuseelands hat den Leitzins heute den Erwartungen entsprechend von zuvor 3,50% auf 4,25% angehoben.


Singapur: Starkes Wachstum im 3. Quartal, CPI-Anstieg deutlich rückläufig

Das BIP legte per 3. Quartal 2022 im Quartalsvergleich um 4,6% (Prognose 1,3%) nach zuvor 6,3% zu. Im Jahresvergleich kam es zu einem Anstieg um 4,1% (Prognose 4,3%) nach zuvor 4,5% (revidiert von 4,4%). Die Verbraucherpreise nahmen per Oktober im Jahresvergleich um 6,70% (Prognose 7,10%) nach zuvor 7,50% zu.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, dass bei dem Währungspaar EUR/USD eine neutrale Haltung favorisiert.

Viel Erfolg


© Folker Hellmeyer
Chefvolkswirt der Netfonds Gruppe



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