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Das neu entfachte Interesse der Zentralbanken am Gold

25.11.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
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Ist die Stellung des US-Dollar als Weltreservewährung tatsächlich gefährdet? Derzeit ist der US-Dollar - allen Unkenrufen zum Trotz - sicherlich die bedeutendste Währung der Welt. Große Investoren kommen nicht umhin, US-Dollar zu halten, um Finanz- und Handelstransaktionen abzuwickeln. Doch die Position des US-Dollar ist nicht in Stein gemeißelt. Wie bereits voranstehend gesagt, scheint die Neigung bei vielen Zentralbanken und Investoren zuzunehmen, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar nicht Überhand nehmen zu lassen beziehungsweise sie abzubauen.

Ein Trend, der sich sehr wahrscheinlich in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Das gilt ganz bestimmt für die sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), aber auch viele andere kleinere Staaten. Und vermutlich gilt die wachsende Skepsis nicht nur gegenüber dem Greenback, sondern auch anderen westlichen Währungen wie Euro, Britisches Pfund, Schweizer Franken, Kanadischer Dollar - die ebenfalls den Vorgaben der USA unterstehen.

Reflektiert die hohe Goldnachfrage der Zentralbanken das Bestreben einiger Länder, eine Goldwährung zu schaffen? Spekulationen über eine neue Währung, die Russland und/oder die BRICS-Staaten neu schaffen könnten, haben in jüngster Zeit immer wieder und ganz zu Recht mediale Aufmerksamkeit gefunden.

Grundsätzlich wäre eine neue Währung sicherlich eine weitreichende Zäsur für den Status quo im internationalen Kredit- und Geldsystem: Sie wäre eine Herausforderung der "US-Dollar-Dominanz". Allerdings sind bei der Schaffung einer neuen Währung viele Hürden zu überwinden. Beispielsweise ließe sich die Akzeptanz einer neuen Währung vermutlich nicht über Nacht gewinnen. Und für eine breite Akzeptanz wäre es vor allem auch ganz entscheidend, wie eine solche Währung beschaffen ist.

Aus einem Währungskorb, bestehend aus zum Beispiel BRL, RUB, INR, CNY und RAN, ließe sich beispielsweise eine neue ungedeckte Fiat-Währung erzeugen, die nicht mehr dem US-amerikanischen Zugriff unterliegt. Eine solche Fiat-Korbwährung, die sich aus einzelnen nationalen Fiatwährungen zusammensetzt, wäre allerdings inflationär - so wie die westlichen Fiatwährungen auch.

Eine goldgedeckte Währung wäre hingegen eine vielversprechende Option (und für die Bürger und Unternehmer sicherlich sehr wünschenswert). Angenommen die BRICS-Staaten und andere in ihrem Gefolge würden sich auf eine Goldwährung einigen: Wie würde, wie könnte das funktionieren?

Der Teufel liegt hier im Detail. Denkbar wäre, dass die Länder zunächst ihre ausstehenden Geldmengen (beispielsweise in der Abgrenzung der Geldmenge M1) decken mit den Goldvorräten, die die Zentralbanken jeweils in ihren Kellern lagern, und fortan die nationale Geldmenge nur noch erhöhen, wenn die physische Goldmenge zunimmt (und zwar durch Schürfung von neuem Gold und/oder Zufluss von Gold aus dem Ausland, das für Geldzwecke verfügbar gemacht wird).

Unter solchen Bedingungen bilden sich zwischen den Währungen, die Gold gedeckt sind, neue (und zwar feste) Wechselkurse heraus: Währungen, die mit vergleichsweise viel Gold gedeckt sind, werten dabei auf gegenüber denjenigen, die mit vergleichsweise wenig Gold gedeckt sind. Und alle diese Währungen würden aufwerten gegenüber den (westlichen) Währungen, die keine Golddeckung haben.

In diesem Falle würden zwar einzelne „harte“ Goldwährungen entstehen, aber keine von ihnen hätte ein ausreichend großes Volumen, um als internationale Transaktionseinheit dienen zu können. Die Möglichkeit besteht nun jedoch, einen Währungskorb zu bilden, bestehend aus den goldgedeckten Währungen (im Fall der BRICS wären das BRL, RUB, INR, CNY und RAN). Die teilnehmenden Zentralbanken hätten fortan die Aufgabe, die vereinbarte Parität ihrer Währungen gegenüber dem Gold beziehungsweise gegenüber dem Währungskorb zu bewahren. Der Währungskorb könnte sodann einen eigenen Namen erhalten (etwa in Anlehnung an den "ECU") und als Transaktionsmedium dienen.

Ob allerdings eine Goldwährung tatsächlich im politischen Interesse der genannten Länder liegt, ist eine Frage wert: Schließlich will ja vermutlich jede Regierung nur allzu gern ungedecktes Geld verwenden, um es für politische Zwecke einzusetzen.

Länder, die die US-Dollar-Dominanz herausfordern wollen, hätten folglich zu entscheiden: Auf eine Goldwährung zu wechseln, die der Vormachtstellung des US-Dollar die Stirn bietet, dafür aber auf den monetären Handlungsspielraum (im eigenen Land) verzichten. Bereits an dieser Stelle lässt sich erkennen: Es wird keine einfache Sache sein, dem US-Dollar Konkurrenz zu machen, zumindest in kurzer Frist ist das ein schwieriges Unterfangen. Zudem ist in Rechnung zu stellen, dass ein Übergang zum Goldgeld mit einer beträchtlichen Erschütterung (Rezession) der Volkswirtschaften verbunden sein dürfte, die bislang auf Fiatgeld gesetzt haben.

Warum ist die Abkehr vom Greenback eigentlich so schwierig? Die Marktstellung des US-Dollars ist währungshistorisch gesehen eine besondere. Der US-Dollar ist seit dem Münzgesetz von 1792 immer eine Edelmetallwährung gewesen, und seine Goldbindung hat er erst zu Beginn der 1970er Jahre verloren, als das System von Bretton Woods, das von 1945 bis 1971 Bestand hatte, unilateral von den USA aufgekündigt wurde.

Aber auch nach dem Ende der Goldeinlösbarkeit blieb der US-Dollar die Weltreservewährung. Das ist wenig verwunderlich: Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist schließlich der US-Dollar die Währung der wirtschaftlich größten und militärisch stärksten Volkswirtschaft der Welt; keine andere Währung reicht an diesen Status heran.

Das derzeitige Weltgeldsystem lässt sich als ein US-Dollar-Standard charakterisieren, der sich nicht so ohne weiteres über Nacht abschütteln lässt. Das neu entfachte Interesse vieler Zentralbanken am Gold ist daher vermutlich in erster Linie auf ein geändertes Währungsreserve-Management zurückzuführen: stärkere Diversifikation ist das Ziel. Und dazu gehört der Abbau zusehends inflationärer(er) Währungspositionen in US-Dollar, Euro & Co. Gleichzeitig können dadurch viele Länder auch ihr politisches Risiko verringern: dass nämlich die USA den US-Dollar gegen sie im Zuge einer "Financial Warfare" einsetzt, um US-amerikanische Interessen durchzusetzen.


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