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Eine kurze Anatomie der Geldwertzerrüttung

26.11.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Die Inflation ist ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Übel. Sie ist eine Bedrohung für die freie Wirtschaft und Gesellschaft.


I.

"Der Zustand des Geldwesens eines Volkes ist ein Symptom aller seiner Zustände", so schrieb der Ökonom Joseph A. Schumpeter (1883-1950). Angesichts dieser Aussage ist die Frage zu stellen: In welchem Zustand befindet sich das Geldwesen der westlichen Welt, welche Symptome zeigt es, welche Zustände reflektiert es? Nun, das Geldwesen in der westlichen Welt befindet sich in staatlicher Hand. Die Staaten haben die Geldproduktion monopolisiert, geben ungedecktes Geld, besser: Fiatgeld, aus. Und in den letzten Jahren es wurde so viel neues Geld in Umlauf gebracht, dass mittlerweile Hochinflation herrscht.

Die Inflation (beziehungsweise: Hochinflation) ist also keine Naturkatastrophe, sie ist vielmehr menschengemacht. Die Zentralbanken vermehren die Geldmengen, um die Konjunkturen vor der Rezession zu bewahren, Arbeitsplätze zu erhalten, Staatshaushalte mit immer mehr Kredit zu finanzieren, strauchelnde Banken über Wasser zu halten - und um mitzuhelfen, die Volkswirtschaften zu "transformieren" und die dabei entstehenden gewaltigen Kosten so gut es eben geht vor den Augen der breiten Öffentlichkeit zu verbergen.

Inflation verursacht eine Verschiebung von Einkommen und Vermögen, die die bestehenden Verhältnisse in Wirtschaft und Gesellschaft auf den Kopf stellen kann. John Maynard Keynes (1883-1946) schrieb dazu: "Es gibt kein subtileres, kein sichereres Mittel, um die bestehende Grundlage der Gesellschaft umzustürzen, als die Währung zu verderben. Der Prozess setzt alle verborgenen Kräfte der Wirtschaftsgesetze auf der Seite der Zerstörung ein und tut dies auf eine Weise, die nicht einer von einer Million Menschen diagnostizieren kann."

Vor allem auch die sozialen und politischen Folgen, die mit Inflation verbunden sind, bergen enorme Gefahrenpotentiale für das produktive und friedvolle Zusammenleben der Menschen. Sie zu erkennen und zu benennen, dazu sollen die folgenden Ausführungen dienen.


II.

Man muss beginnen mit Einsichten über die Funktionen des Geldes und seine Rolle für Wirtschaft und Gesellschaft. - Geld werden bekanntlich drei Funktionen zugeschrieben.

(1) Die Transaktionsfunktion des Geldes. Geld wird als Zahlungsmittel eingesetzt. Waren und Dienste werden in Geldeinheiten gekauft und verkauft.

(2) Die Recheneinheitsfunktion des Geldes: Die Tauschrelationen zwischen Gütern werden in Geldeinheiten ausgedrückt. Beispielsweise eine Birne kostet 0,5 Euro und eine Banane 1 Euro. (Das heißt, eine Banane lässt sich gegen zwei Birnen eintauschen.)

(3) Die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes. Die Menschen halten Geld, nicht nur um heute zahlungsfähig zu sein, sondern um auch morgen und übermorgen Waren und Dienste mit Geld kaufen und verkaufen zu können. Das macht es erforderlich, dass das Geld seine Kaufkraft im Zeitablauf erhält.

Es gibt jedoch zwei weitere Funktionen des Geldes, die häufig nicht gesondert zur Sprache kommen.

Dazu zählt zum einen die Verwendung des Geldes für die Wirtschaftsrechnung. Wenn die Tauschrelationen der Güter in Geld ausgedrückt werden, ist es den Marktakteuren möglich, eine Rentabilitätsrechnung anzustellen. Man kann kalkulieren, was eine Produktion kostet. Der Unternehmer etwa kalkuliert, dass die Erzeugung von Produkt A 100 Euro pro Stück kostet, und er schätzt den Verkaufserlös für Produkt A auf 120 Euro pro Stück. Die Rendite, die er erwartet, beträgt in diesem Beispiel 20 Prozent.

Kalkuliert er in gleicher Weise die Vorteilhaftigkeit von Produkt B, und beläuft sie sich auch, sagen wir, 10 Prozent, wird der Unternehmer Produkt A und nicht Produkt B erzeugen. Mit Hilfe der in Geld ausgeführten Wirtschaftsrechnung wird es überhaupt erst möglich, dass die Unternehmen über die notwendige Kalkulationsgrundlage verfügen.

Zum anderen gibt es noch die (wie sie hier bezeichnet werden soll) Assoziierungsfunktion des Geldes. Wenn Menschen ein einheitliches, ein möglichst von vielen akzeptiertes Geld für ihre Tauschzwecke verwenden, dann vergrößern sich ihre Markt- und Handelsmöglichkeiten. Die Erzeugung, der Kauf und der Verkauf von Gütern und Diensten werden einfach und kostengünstig.

Die Verwendung eines weithin akzeptierten Geldes ermöglicht Transaktionen, bei denen die Tauschpartner quasi anonym, ohne besondere persönliche Kenntnisse übereinander zu besitzen (Alter, Kreditqualität, Herkunft etc.), problemlos miteinander tauschen können. Die Geldverwendung verstärkt die Möglichkeit der Menschen, sich in einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kooperation immer enger miteinander zu verbinden.



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